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Zwischen allen Staaten

Sir Alfred Mehrani berichtet von seinen 16 Jahren auf dem Terminal eines Pariser Flughafens

Von NINO KETSCHAGMADSE

Vor einigen Jahren bereits hat sich Steven Spielberg für seinen Film Terminal die Rechte an dem ungewöhnlichen Leben von Sir Alfred Mehrani gesichert: 300 000 Dollar, so wird gemunkelt, für die Geschichte eines in Iran geborenen Mannes, der seit 16 Jahren wegen Passstreitigkeiten auf einem Flughafen ausharrt. Doch mit dieser Ausgangssituation endet auch schon fast die Ähnlichkeit der Schicksale von Navorski und Mehrani.

Während der Eine (Tom Hanks als Osteuropäer) auf dem New Yorker Flughafen festsitzt - er war gerade gelandet, als die USA die Nachricht über einen Putsch in seinem Land erreicht, womit sein Visum für ungültig erklärt wird - im Film nach nur wenigen Stunden Orientierungslosigkeit regelrecht aufblüht, viele Freunde und sogar fast die Frau seines Lebens findet, hockt der Andere meist einsam auf der roten Bank der Bye-Bye-Bar des Pariser Terminal Charles de Gaulle. Mehrani wartet im wirklichen Leben gar noch immer auf richtige Ausweispapiere. Ohne Freunde, ohne familiäre Unterstützung.

Leben in der Grauzone

In seinem vor wenigen Tagen erschienen, autobiografischen Buch Der Terminal-Mann beschreibt der mittlerweile 63-Jährige sein Leben in der Grauzone. Ganz genau zeichnet er alles auf, was er sieht, liest oder hört. Sein Buch ist wie ein Tagebuch, allerdings ohne durchgehende Chronologie, dafür oft unterbrochen durch mit Uhrzeiten gekennzeichnete Kurzeinträge.

Als Mehrani Karim Nasseri wurde er 1945 in Iran geboren. Seine früheste Erinnerung sei eine relativ sorglose Kindheit an der Grenze zu Irak, in der von einer anglo-iranischen Ölgesellschaft gebauten Stadt Masjed Soleiman, wo sein Vater als Arzt arbeitete. Als dieser Anfang der siebziger Jahre stirbt, erfährt sein Leben eine radikale Wendung: seine vermeintliche Mutter teilt ihm mit, er sei gar nicht ihr Sohn, sondern von dem ihm bekannten Vater mit einer englischen Krankenschwester unehelich gezeugt. Das einzige, was ihm seine bisherige Familie zugesteht, ist die Unterstützung beim Studium in England. Zurück nach Hause darf er nicht mehr.

Als eines Tages das Geld ausbleibt, fliegt Mehrani doch noch einmal nach Teheran und kommt in Gefangenschaft. Der berüchtigte iranische Geheimdienst Sanak wirft ihm vor, in England gegen das Schah-Regime demonstriert zu haben. In seinem Buch beschreibt Mehrani immer wieder einen Traum, in dem er Elektroschocks erleidet, und lässt die Leser letztlich rätseln, in welchem Ausmaß er Folterungen erleiden musste. Als er eines Tages unvermittelt freigelassen wird, habe ihm ein Offizier jedenfalls mitgeteilt, seine Familie habe ihn freigekauft und man untersage ihm nun, jemals wieder in Iran einzureisen.

1975 beginnt dann die Odyssee des Entwurzelten: Er ersucht in verschiedenen europäischen Ländern um politisches Asyl - in manchen läuft er mehrmals gegen die sprichwörtlichen Wände. Sein eigentliches Ziel ist England, dort will er seine richtige Mutter finden, von der er nicht einmal die korrekte Schreibweise ihres Namens weiß. Auch das vorliegende Buch diene dem Zweck einer späten Familienzusammenführung.

Anfang der Achtziger, Mehrani war gerade in Belgien als Flüchtling anerkannt, hätte er das vielleicht schon fast geschafft. Unterwegs nach Großbritannien verliert er jedoch seine Dokumente, wird an der Grenze zurück nach Frankreich geschickt, landet so auf besagtem Pariser Flughafen und steckt seither fest. Seinen Briefwechsel mit den Behörden um Pass- und Asylangelegenheiten gibt der gebürtige Iraner in dem Taschenbuch wortwörtlich wieder, ebenso den jahrelangen Papierkrieg seines Menschenrechtsanwalts. So ist Der Terminal-Mann nicht nur eine ergreifende Schilderung eines Einzelschicksals, sondern ein unvergleichbar aberwitziges Dokument grenzübergreifenden Schreibtischtätertums.

Auf der roten Bank

Mittlerweile hat sich Mehrani in seinem 16. Jahr im Pariser Terminal auf der roten Bank häuslich eingerichtet. Seine Siebensachen, davon unzählige Mengen von Papier, verwahrt er in diversen Schachteln. Er kennt immer noch sehr wenige Leute und ist ohnedies meist misstrauisch. Vertrauensvolle Gesten wie Umarmungen - das sagt er selber - sind ihm unangenehm. Am liebsten lebe er zurückgezogen. Fraglos ein Kunststück auf einem Flughafen. Ab und zu bekomme Mehrani auch Briefe von wildfremden Menschen aus der ganzen Welt, die ihm Hilfe oder Geld anbieten. Er antwortet darauf nur selten.

Vor einiger Zeit - vielleicht auch in Anbetracht des Spielberg-Films und der anstehenden Buchveröffentlichung - stellten ihm die französischen Behörden einen neuen Pass aus. Er hat das Ausweispapier jedoch verweigert. Die Angaben darin seien nicht richtig: Er sei nämlich kein Iraner mehr, und auch sein Name laute seit Jahren nicht mehr Mehrani Karim Nasseri, sondern Sir Alfred Mehrani. Er warte lieber weiter auf richtige Dokumente. Das Unverständnis eines Flughafenbekannten darüber - schließlich könne er doch nun endlich weg, nach Hause fahren - kommentiert der Gestrandete lediglich durch eine Notiz in seinem Tagebuch: "Ich nicke, aber eigentlich ist es Dr. Bargain, der nicht versteht, dass ich bereits zu Hause bin."

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