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Rosa Luxemburg hat ihre Lebensspur zu großen Teilen auch in Deutschland gesetzt.

Polen / Deutschland

Zu zwei Ländern gehören, mindestens zu zwei

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Das Lesebuch-Lexikon „Polnische Spuren in Deutschland“ begibt sich auf eine selten konzentriert verfolgte Fährte.

Was verbindet Rosa Luxemburg, (Spät-)Aussiedler aus Schlesien, Janosch, die Rapperin Schwesta Ewa, die Ruhrpolen, Janusz Korczak und Lukas Podolski? Zum einen liegen ihre biografischen Wurzeln in Polen oder sind zumindest polnisch geprägt. Zum anderen aber haben sie im weitesten Sinne ihre Lebensspur auch in Deutschland gesetzt oder tun dies immer noch. Und mag bereits diese Aufzählung sehr willkürlich erscheinen, so ist sie dennoch nur ein kleiner Auszug aus der Bandbreite des aufwendig recherchierten und stark bebilderten Lesebuch-Lexikons „Polnische Spuren in Deutschland“.

Der vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt und der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene Band greift die polnischen Einflüsse in Deutschland indes nicht nur in biografischen Porträts. In rund 250 Einzelbeiträgen zeichnen 17 Autorinnen und Autoren neben einzelnen Lebenswegen auch Ereignisse und Phänomene aus Gesellschaft, Kultur oder Politik nach, die einen polnischen Kontext in Deutschland setzten oder setzen – etwa die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt in den 60er Jahren, die Einwanderung von jüdisch-polnischen Holocaust-Überlebenden in die BRD nach 1945 oder die wachsende Präsenz polnischer Handwerker und Pflegekräfte im 21. Jahrhundert. Der zeitliche Fokus liegt auf Personen und Prozessen der letzten beiden Jahrhunderte. Im Kontext gelesen bieten die Beiträge ein Kaleidoskop des Polnischen in der deutschen Geschichte bis heute, die als solche „nicht als ausschließlich ‚deutsch‘ zu bezeichnen“ sei, wie die Herausgeber schreiben.

So stellen die biografischen Skizzen Künstler vor wie den zeitweilig in Deutschland wirkenden Theaterregisseur Tadeusz Kantor, den Historiker des jüdischen Widerstands Arno Lustiger – oder den deutsch-polnischen Brückenbauer Wladyslaw Bartoszewski. Letzterer steht exemplarisch dafür, was „Spur“ im Sinne der Herausgeber auch bedeuten kann: Bereits in den 1960ern knüpft Bartoszewski – im Zweiten Weltkrieg Auschwitzhäftling und Juden-Helfer, später Oppositioneller im kommunistischen Polen – Kontakte mit deutschen Intellektuellen-Kreisen. In den 80er Jahren erhält er eine Gastprofessur in München, 1986 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Doch er kehrt in seine Heimat zurück. Als Außenminister spricht er 1995 als erster polnischer Politiker vor dem deutschen Bundestag von der polnisch-deutschen Aussöhnung. Ohne ihn, schreibt Nawojka Cieslinska-Lobkowicz, wäre „Deutschland um einen klugen Freund ärmer“.

Zumeist jedoch bedeuten „Spuren“ dauerhaftes In-Deutschland-Sein, bedeuten nationale und kulturelle „Hybrid-Identitäten“. Lukas Podolski, der die deutsche Nationalhymne nicht mitsang – weil er „zu Polen und Deutschland gehöre“, wie er vor ein paar Jahren sagte –, ist dafür das wohl prominenteste Beispiel. Dass aus dieser deutsch-polnischen Verzahnung auch weniger prominente Biografien entstehen, zeigt etwa Katarzyna Mol-Wolf. Als Siebenjährige 1981 fast mittellos nach München gekommen, nimmt sie sich ihre Mutter zum Vorbild, die in Deutschland Asyl beantragt, zunächst als Putzfrau arbeitet, später studiert und beruflich Anschluss findet. Sie habe „das Stereotyp des ‚faulen osteuropäischen Asylanten‘ mit aller Macht Lügen strafen wollen“. Mit dem Leitsatz ihrer Mutter, „Nicht jammern, machen!“, wurde Katarzyna Mol-Wolf Gründerin und Geschäftsführerin eines Zeitschriften-Verlags. Ihr Weg sei „beispielhaft für viele polnische Migranten der 1980er Jahre, die erfolgreiche Karrieren in Deutschland gemacht haben“, schreibt Autor Andrzej Kaluza.

Im Kern geht es den Lesebuch-Herausgebern jedoch nicht um „Erfolgsgeschichten“. Viele Aussiedler und polnische Migranten der Zeit nach 1945 und später etwa hätten „einen innerlich leidvollen Weg“ durchschritten und mit Übereifer ihre „polnische Biografien“ abgelegt, so Kaluza.

Trotz des versöhnenden, mitunter etwas zu diplomatischen Tons der Beiträge wird auch Kritisches und Dramatisches nicht ausgespart: Die Problematik der Prostitution von Polinnen an der Spree etwa, die in den 80ern massenhaft einsetzte, die „zunächst kriminelle Formen des Menschenhandels“ annahm und auch heute noch Frauen „als ‚willige Polinnen‘ oder ‚polnische Engel‘ vermarktet“ werden, wie Peter Oliver Loew schreibt. Weiteren bedeutenden Themen wie den Zwangsarbeitern des Zweiten Weltkriegs, aber auch wichtigen deutschen Städten mit in den letzten Jahrhunderten gewachsener, starker polnischer Präsenz, etwa Berlin und Hamburg, sind umfangreiche Beiträge gewidmet.

Das Lesebuch ist für jene Leser ein Gewinn, die sich die mannigfaltigen deutsch-polnischen Kontexte erschließen wollen, oder bereits in ihnen wirken, ob nun persönlich, ehrenamtlich oder beruflich. Und: die „polnischen Spuren“, dies zeigt der Band in seiner Breite, sind als solche keine rein „polnischen“ – sie wurden in dem gleichen Maße hybrid, wie Deutschland zu jenem hybriden Flecken Europas wurde und wird. Und dies wegen der ungezählten, mitunter wenig sichtbaren Menschen, die, aus allen Himmelsrichtungen stammend, hier ihren Abdruck hinterlassen. Dauerhaft.

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