Die zwei Einzigen

Noch nie sind Heinrich und Thomas Mann als kreatives Brüderpaar so in den Blick genommen worden wie jetzt von Helmut Koopmann

Von HANNELORE SCHLAFFER

Die "feindlichen Brüder" nannte das Publikum, von etwa 1915 an, als die Konkurrenz öffentlich ausgetragen wurde, Heinrich und Thomas Mann. Eher aber waren sie einander brüderlich verbundene Feinde, Konkurrenten, die ein und dieselbe Veranlagung, derselbe Ehrgeiz und ein fast gleicher Erfolg immer wieder aufeinander verwies, sie in Bewunderung einander zu- und voller Neid von einander wegtrieb. Als intellektuelles Paar aber, das nicht nur durch die Herkunft verbunden war, sondern das sein ganzes Leben lang mit dem Potential des gemeinsamen Erbes arbeitete und alle Werke im Dialog entwarf, sind die beiden Schriftsteller noch nie gesehen worden.

In einer Doppelmonographie rückt nun Helmut Koopmann die literarische Schöpfung als das Lebenselixier der "discordia concors" in den Blick und die gegenseitige Anziehung als den nie versiegenden Quell der Inspiration. Schritt für Schritt, in der Folge ihrer Entstehung geht Koopmann Romane, Novellen, Essays, politische Aufrufe, autobiographische Dokumente durch und entlarvt sie als gegenseitige Liebeserklärungen, Kampfansagen, Friedensverträge. Viel und gern diskutierte Lebensprobleme Thomas Manns, etwa die Homosexualität, stehen in der Bedeutung für Leben und Werk hinter den aufreibenden und anreizenden brüderlichen Wortgefechten zurück.

Vom ersten größeren literarischem Versuch, Heinrich Manns Novelle Haltlos (1890), bis zu seinem letzten Roman Der Atem verfolgt Koopmann die wirklichen und literarischen Scharmützel der beiden; zwischen der Widmung des Henri Quatre an den "Einzigen, der mir nahe ist" und dem gelegentlichen "In inimicos", mit dem Thomas Mann sein Verhältnis zum Bruder in aller Kürze charakterisiert, schwanken die Stimmungen, die Koopmann mit distanzierter Gelassenheit, unparteiisch und mit unermüdlichem Eifer nachzeichnet.

Die wichtigsten Stationen der feindlich-liebenden Unzertrennlichkeit sind bekannt, die Eifersucht schon des kleinen Bruders Thomas auf den älteren Heinrich in der Pubertät, der Wutausbruch Thomas Manns gegen Heinrich Mann in einem Brief über dessen "Jagd nach Liebe" (1903), die häufigen Versöhnungsversuche zwischendurch, der erneute Hass wegen Heinrich Manns Essay über Zola - wodurch sich die beiden, sozialkritischer Zivilisationsliterat der eine, Bildungsbürger der andere, der von der "tiefen deutschen Seele" zu sprechen vermag, der andere, als Vertreter der zwei Deutschland fühlen dürfen -, und endlich Thomas Manns Sorge um den älteren Bruder im kalifornischen Exil bis zu den späten Bereinigungs- und Klärungsversuchen der beiden in autobiographischen Texten, Testamenten gewissermaßen, die sie sich gegenseitig widmeten.

Stete Rede und Gegenrede

Diesmal aber sind die biographischen Kenntnisse nur das Skelett, das das sinnliche Material der Dichtung konturiert. Koopmann sieht eine lückenlose Kette von Argumentationen sich aneinander reihen, denn in keinem Werk ermüdet der Wille zur Auseinandersetzung. Zwischen Heinrich Manns Novelle Abdankung von 1906 und Thomas Manns Roman Königliche Hoheit (1909), ja sogar seinem nie ausgeführten Romanprojekt "Friedrich" erkennt Koopmann den Austausch von Rede und Gegenrede: "Das große Interesse Thomas Manns (an Heinrich Manns Novelle Abdankung, H.S.) wird eigentlich nur dann verständlich, wenn man das Thema der Abdankung auf seinen Bruder und ihn selbst bezieht; was sich in der ,Fürsten-Novelle' (Königliche Hoheit, H.S.) dann mit geradezu höfischem Zeremoniell vollziehen wird, nämlich die Abdankung des Anderen, Älteren, erscheint hier in den grellen Farben einer Selbstüberwindung, die bis zur Erniedrigung reicht. Der Wunsch nach Abdankung: aber nicht der nach der eigenen, sondern nach der des Anderen. Die ,perverse Tragödie des Genies': es ist die Heinrichs, nicht die eigene. Es ist kein Zufall, daß in dem Brief, in dem er Heinrichs Novelle Abdankung so überschwenglich lobt, zugleich zu lesen ist, daß er wieder Fühlung mit Königli che Hoheit zu gewinnen suche. ,Und für den Friedrich fange ich wirklich schon an, zu notiren.'"

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs führen die Brüder den Waffengang als Buchstabenkrieg fort, Thomas Mann kontert Heinrich Manns "Gute Feldpost" mit den "Gedanken im Krieg" und ordnet damit sich und ihn in einander feindlich gegenüber stehende Reihen ein: "Thomas Manns Text ist wieder einmal ein ,Anti-Heinrich', die Auseinandersetzung mit dem Bruder ins Große und Weltkriegsmäßige geraten: was 1903, im Vernichtungsbrief, noch persönlicher Angriff und literarische Geschmacksfrage war, ist hier zum weltanschaulichen Dissens großen Ausmaßes mutiert, und Thomas Mann schlägt nicht auf die Franzosen, Russen und Engländer ein, sondern auf seinen Bruder." Das vorletzte Wort seiner erschöpfenden Abhandlung überlässt Koopmann Golo Mann, das allerletzte Katia Mann. Er betont damit noch einmal die Distanz, die es ihm nicht erlaubt, ein endgültiges Urteil über den Charakter der beiden Kontrahenten und ihre gegenseitigen Invektiven zu fällen. Heinrich Mann erscheint stets als der Gelassenere, der die Angriffe des Bruders ernst nimmt, manchmal ironisch wird, nie aber aggressiv. Thomas Manns Heftigkeit erklärt sich aus dem offenbar nie ganz verwundenen Neid auf die anfänglichen Vorteile des Bruders. Doch die Zurückhaltung verbietet es Koopmann, den Grund für den Bruderzwist in einer psychoanalytische Deutung zu suchen.

Koopmann hält sich an Worte und verzeichnet Gefühle nur, wo sie sich in Worten ausdrücklich artikulieren, als Liebe, Neid, Eifersucht, Mitgefühl. Das Brüderpaar reagiert auf politische und geistige Tendenzen, es bleibt aber ganz von der Welt abgeschnitten, die Auseinandersetzung scheint sie die Anderen vergessen zu machen, Vater, Mutter, Geschwister, Freunde spielen in diesem Verhältnis keine Rolle. Diese Beschränkung der Perspektive mag aus der Einsicht geboren sein, dass dem Literaturwissenschaftler immer nur popularisierte Topoi der psychoanalytischen Interpretation zur Verfügung stehen, die Deutung also am Klischee nicht vorbeikäme. Doch unterlaufen Koopmann Fehler auch im Kontext seines eigenen Metiers, und gerade sie schränken den Gewinn ein, den die Erkenntnis vom nie endenden Werkgespräch und Wortgefecht der Brüder einbringt. Er scheint völlig übersehen zu haben, dass Straffung ein unerlässliches schriftstellerisches Gebot ist.

Weitschweifiger Stil

Seitenweise ergeht Koopmann sich in Nacherzählungen von Romanen. Es fällt ihm schwer, sich auf jene Szenen, Figuren, Situationen zu beschränken, die zur Konturierung seiner These wichtig sind. Diese Weitschweifigkeit beeinflusst auch - leider - seinen Stil. Da er mehr sagen will, als er sagen sollte, greift er in der Eile ( fast wie um nicht unterbrochen zu werden) zu den verbrauchten Stilmitteln, Wiederholungen oder zu Schein-Fragen, die schon beantwortet sind: "Das war nicht der Verfall einer Familie, das war deren Wiederaufstieg, es war das gute Ende (...), das war aber auch eine Kehrtwendung gegen Familiendarstellungen im Naturalismus (...), da war ein höchst fragwürdiges Morgenrot" - so geht es in einem regelrechten Da-Da-ismus über Absätze hinweg fort, und dem kann dann noch ein War-ismus folgen aus vielen kleinen Variationen, wie etwa bei der Machtergreifung Hitlers, wo hin- und her überlegt wird: Diese "war auch nicht (. . .), sie war nicht (.. .), und sie war vor allem nicht (. . .), war kein Betriebsunfall (. . .), sie war (. . .)".

Hätte sich Koopmanns Eifer nicht nur auf die Suche detaillierter Gesprächsfetzen in den Werken der beiden Schriftsteller gerichtet, sondern ebenso aufs Weglassen des vielen bekannten Materials, wäre ihm Zeit geblieben, auch auf den Stil zu achten, ein Gebot, das einem Thomas-Mann-Forscher eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

Helmut Koopmann: "Thomas Mann -Heinrich Mann. Die ungleichen Brüder."Verlag C. H. Beck, München 2005, 536Seiten, 29,90 Euro.

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