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Davos im schweizerischen Graubünden: Blick vom Jakobshorn im Winter.

Philosophie "Zeit der Zauberer"

Zwei Denker im Wettstreit

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Wolfram Eilenbergers hat eine höchst lesenswerte Geschichte der Philosophie zwischen 1919 und 1929 geschrieben.

Die Luft ist zum Schneiden in der dünnen Atmosphäre von Davos, im dortigen Kurhotel. Im März des Jahres 1929 ringen die Philosophen Martin Heidegger und Ernst Cassirer um jedes Wort in der Frage: Was ist der Mensch?

Eine große Schar Philosophen hatte sich eigens vom Tal mit einer Schmalspurbahn auf den Weg in die Davoser Berge gemacht, um dieses Ereignis mitzuerleben. Und nun sitzen sich die beiden Kontrahenten gegenüber und disputieren über eine der Fragen der Philosophie, die etwa Immanuel Kant zu den vier grundlegendsten überhaupt gerechnet hatte.

Heidegger und den zartbesaiteten Cassirer im Ring

Zwei Denker im Wettstreit, warum nicht gleich einen Boxkampf daraus machen. Der Philosoph und Publizist Wolfram Eilenberger hat genau das in seinem Buch „Zeit der Zauberer“ getan. Er selbst fungiert als Reporter, der die Schläge, die der eine hinzunehmen hat, genauso verzeichnet, wie die Punktgewinne des anderen. „Cassirer jetzt klar in der Defensive.“ „Die offene Flanke ist die Ethik.“ „Cassirer geht jetzt aufs Ganze.“ „Heidegger jetzt in einer engen Ecke.“ „Echte Wirkungstreffer.“ „Heidegger jetzt mit Kant in Fahrt.“

Den raubauzigen Heidegger und den zartbesaiteten Cassirer in den Ring zu schicken - historisch hat sich das Ereignis so natürlich nicht abgespielt. Amüsant ist es dennoch, wie so vieles anderen in dem Buch der Zauberer.

Das Kapitel findet sich am Ende eines Buches, in dem Eilenberger Leben und Lehre von den vier Philosophen Walter Benjamin, Ludwig Wittgenstein, Martin Heidegger und Ernst Cassirer zu einem Ganzen verwebt. Das Buch „Zeit der Zauberer“ spielt in der Zeit von 1919 bis 1929, in der, so der Autor, die wichtigsten deutschsprachigen Philosophen des 20. Jahrhunderts wirkten. Cassirer und Heidegger hält der Autor für die wichtigsten der Moderne.

Zauberer werden die Denker genannt, gewiss, weil sie über eine besondere philosophische Magie verfügten und natürlich, weil das Treffen von Cassirer und Heidegger eben auf jenem Zauberberg in Davos stattfindet, den Thomas Mann 1924 zum Roman verdichtet hatte.

Eilenbergers Passion ist die Vermittlung philosophischer Gedanken in die Alltagswelt, die Reduzierung der Komplexität von Gedanken in eine sprachlich ästhetische und verständliche Form. Damit machte er sich in den vielen Jahren, in denen er Chefredakteur des „Philosophie Magazins“ war, einen Namen. Leben und Werk der vier Philosophen betrachtet er mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Lachend, weil diese Denker wie kaum andere herausragten, weinend, weil wir heute nicht annähernd über gleiche Kaliber verfügten, wie er kürzlich in einem Aufsatz in der „Zeit“ schrieb. Ob die Philosophie etwa mit einem Heidegger an einer Universität heute besser dran wäre, sei einmal dahingestellt.

Den Wechsel zwischen szenischem Erzählen aus dem Leben und der Auseinandersetzung mit dem Werk beherrscht Eilenberger. So gelingt es ihm spielend, zwischen dem merkwürdigen Leben von Ludwig Wittgenstein und dessen fulminanten Werk „Tractatus-logico-philosophicus“ hin und her zu springen. Es sind gekonnte Szenenwechsel wie beim Fußball, wenn der Ball richtig rollt. Soeben noch in Hamburg im Hause Cassirer, dann folgt der Schnitt und der Leser befindet sich an einem Tisch in Neapel, an dem Walter Benjamin, Siegfried Kracauer und Theodor W. Adorno lebhaft über philosophische Inhalte diskutieren.

Martin Heideggers heroische Gelassenheit

Es wird zudem in jeder Beziehung intim. Heidegger wird von seiner Frau Elfriede mit einem Arzt betrogen, der Spross ist  der uneheliche Sohn Herrmann. Die Untreue wird von dem Meister aus Meßkirch jedoch mit heroischer Gelassenheit zur Kenntnis genommen. Benjamin wechselt häufiger die Frauen, die Wohnungen, Geld verdient er kaum. Auch seine akademischen Pläne gedeihen nicht weit, seine Habilitationsschrift wird selbst von wohlmeinenden Professoren abgelehnt („nicht fähig die Studentenschaft hier anzuführen“), obwohl die Arbeit später von Kritikern als große intellektuelle Leistung gefeiert wird.

Wittgensteins Homosexualität wird ebenso thematisiert wie seine starrsinnigen Überzeugungen, die er zum Verdruss seiner  Schüler auch an einer Grundschule exerziert mit der Folge, dass er einem Kind das Heft solange auf den Kopf schlägt, bis es zerfranst. Wittgenstein, der sicherlich als einer der wesentlichen Begründer der philosophischen Richtung der sprachanalytischen Philosophie gelten kann, zählt zu den glanzvollsten Denkern in diesem Buch. Seine Radikalität, mit der er glaubte, ein für allemal alle Fragen der Philosophie erledigt zu haben, erstaunt noch heute. Einige Jahre später musste er einsehen, sich geirrt zu haben – wobei ihn hätte trösten können, dass er in der Philosophiegeschichte nicht der einzige war, dem dieser Irrtum unterlief.

Die enge Verbindung von Lehre und Leben hat auch ihre Tücken. Auf Seite 56 des Buches wird von Wittgenstein selbst ein Hinweis hierauf gegeben. Er erklärt, dass die Lebensprobleme durch die Philosophie nicht berührt werden. Gewiss nicht zum ersten Mal stellt sich die Frage, ob Philosophie so etwas überhaupt leisten kann. Man blickt von der Lektüre auf und fragt sich, ob die großkalibrigen Theorieentwürfe der Denker wirklich so viel mit den alltäglichen Fragen der Menschen zu tun haben. So angenehm man im Lesefluss bleibt, so hat die Parallelisierung von Leben und Lehre der vier Zauberer eine magische Wirkung auf den Leser, die zwar real erscheint, aber vielleicht etwas eng ist.

Gerade bei dem Autor von „Sein und Zeit“ zeigt sich das, wenn von dessen Lebenssituation, seiner Vereinzelung durch den Ehebruch seiner Frau, auf die ersten Grundzüge seiner existenzialen Philosophie verwiesen wird, die das auf sich selbst zurückgeworfene Menschenwesen reflektiert. Dass Eilenberger den Bezug herstellt, ist auf der einen Seite brillant.

Auf der anderen geht er hier Heidegger auf den Leim, wenn dieser später einen Unterschied zwischen der Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit fixiert und der Leser in der Eigentlichkeit eine Art besseres Sein zu sehen vermeint, also die richtige Art zu leben. Hierzu schreibt Eilenberger: „Wer in diesem Sinne existiert, lebt, wie ein Dasein leben soll: nämlich eigentlich. Nur wenige Menschen tun das. Viel zu viele nicht.“ Hier werden die Ebenen von Existenzphilosophie und Existenzialphilosophie verwechselt, die Heidegger unbedingt auseinanderhalten wollte. Er selbst gab allerdings immer wieder Anlass zu solchen Verwechslungen.

Zudem fragt man sich: Was sollte das für eine Art von Leben sein, wenn sich darin eine antizivilisatorische Kritik Heideggers verbirgt. Möchte man mit ihm in dessen Schwarzwaldhütte mit dem Hammer hämmern, um so in der Eigentlichkeit zu existieren? Irgendwie doch lieber nicht.

Zwar wird die Hochphase der vier Philosophen zeitlich zu sehr begrenzt, weil ihre großen Theorieentwürfe wie im Falle von Heideggers Kehre oder Wittgensteins neuer Theorie in den „Philosophischen Betrachtungen“ erst noch folgen sollten, aber diese Phase steht eben für die Ausarbeitung der Grundlagen ihres Denkens. Dieses wunderbare Buch birgt nun einmal viel Stoff für lebhafte Diskussionen.

Wie eben jener Disput in Davos. Für Thomas Mann war der Kurort ein Brennglas der Gesellschaft. So wird auch das Zusammentreffen von Cassirer und Heidegger ein Stellvertreterkampf für die scheinbar überkommenden Kräfte und den rauschhaften Aufbruch ins Unbekannte.

Cassirer, ein Mann mit weißem Haar, aus einem begütertem Hause stammend, ist der Vertreter einer langen Bildungstradition, ein Denker mit Gewicht, wenn es um die Philosophie Kants oder die Werke Goethes geht. Heidegger, eine Erscheinung mit schwarzem Haar und dunklen Augen, ist eine Art Herausforderer. Deutlich jünger als Cassirer, am Anfang seiner Universitätskarriere stehend, hat er nur zwei Jahre vor dem Treffen in Davos mit einem Aufsehen erregenden Werk die philosophische Welt wachgerüttelt: „Sein und Zeit“, so der Titel, mit dem er die Welt zu erobern gedenkt. Beide diskutieren vor zahlreichen Zuhörern, unter ihnen Rudolf Carnap, Emmanuel Levinas, Norbert Elias oder Joachim Ritter, über die Endlichkeit des Menschenwesens, über die Frage, ob Metaphysik möglich sei.

Ernst Cassirers bürgerliche Souveränität

Sie streiten über Kant und dessen Philosophie, ob Kant ein Begründer der Metaphysik war, wie Heidegger behauptet, oder einer der Erkenntnistheorie, wie Cassirer erklärt. Es geht vordergründig um eine philosophische Strömung, die sich Neukantianismus nennt. Für Heidegger versuchen dessen Vertreter, Kant als einen Theoretiker der Naturwissenschaften starkzumachen. Sie hätten, glaubt er, um 1850 eine derartige Dominanz in der Welterklärung für sich erobert, dass für die Philosophie nichts übrigblieb, außer sich an ihren Rockzipfel zu heften. Heidegger ist das zu wenig. Zudem will er an Kants Philosophie sein eigenes neues Denken ausmessen, das in einer Analytik des Daseins, also des Menschen in seinen Seinsbezügen und -strukturen besteht.

Der Hintergrund der ganzen Auseinandersetzung war aber die Positionierung des Menschen als eines Wesens, dem sich erst in der Angst das Sein erschließt. Für viele Beobachter des Disputs und nicht nur für die in Davos anwesenden Philosophen war es eine Art Epochenduell: Die scheinbar überkommene bürgerliche Welt, die sich in der Person Cassirers manifestierte, stand dem rauschhaften Siegeszug des Irrationalen gegenüber, für den Heidegger stand – erst recht als Anhänger der Nationalsozialisten.

Eilenberger gelingt es hervorragend, auf diesen Disput der beiden Denker hinzuleiten, er bietet dem Leser Szenen eines Gesprächs zwischen Cassirers Frau und Martin Heidegger, in der sie versucht, dem angriffslustigen Heidegger ein wenig die Lust an der Attacke auf ihren Mann zu nehmen. Denn schon damals war der Denker aus Meßkirch für seinen Antisemitismus bekannt, und Ernst Cassirer war jüdischer Herkunft.

Das Buch hat viele Höhepunkte, wie etwa der Besuch Cassirers in der großartigen Bibliothek Aby Warburgs, des exzellenten Kunstkenners, der als Mitglied einer der reichsten Familien Europas seine Möglichkeiten nutzte, eine sagenumwobene Sammlung zusammenzutragen. Die Bücher aus aller Welt und deren Anordnung waren einzigartig, und ließen selbst einen vielbelesenen Mann wie Cassirer enthusiastisch reagieren. Zur Zeit von Cassirers Besuch weilte Warburg in einer psychiatrischen Klinik, um seine Angstneurosen behandeln zu lassen.

Im Grunde steht das sinnbildlich für dieses unruhige und kreative, aber doch so gefährliche Jahrzehnt zwischen 1919 und 1929, das zum Vorspiel einer großen Katastrophe werden sollte. Die Angst, die Kreativität, der Taumel hatten diese Jahrzehnt fest im Griff. Im Taumel der Gefühle legt man auch das Buch zur Seite und wünscht ihm viele Leser.

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