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Von: Sylvia Staude

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Dec. 16, 2011 - Gough Whitlam electioneering, October 1975 PUBLICATIONxINxGERxONLY - ZUMAk09

DEC 16 2011 Gough  Electioneering October 1975 PUBLICATIONxINxGERxONLY ZUMAk09
Dec. 16, 2011 - Gough Whitlam electioneering, October 1975 PUBLICATIONxINxGERxONLY - ZUMAk09 DEC 16 2011 Gough Electioneering October 1975 PUBLICATIONxINxGERxONLY ZUMAk09 © imago stock&people (imago stock&people)

Peter Careys Roman „Amnesie“ handelt am Rande von einer Intrige der USA gegen die australische Regierung.

Amnesie“, der 13. Roman des Australiers Peter Carey, dem der Booker-Preis gleich zwei Mal verliehen wurde, ist ein Sprint über eine lange Strecke. Mit dem ersten Satz packt der Autor die Leserin, mit Zähnen und Klauen, und lässt nicht mehr los. Hinter vielen Kurven hält er einiges an Überraschungen bereit. Und nie reduziert er das Tempo. Bis zur letzten Zeile erwartet man – einen Coup.

Und merkt am Ende: Carey hat zusammengezwungen, was nach (in der Übersetzung) mehr als 450 Seiten nicht wirklich zusammenkommt. Ein großer Schriftsteller hatte ein Anliegen, wollte an ein in der Tat skandalöses Ereignis in Australiens Geschichte erinnern: Den Sturz der rechtmäßigen Labor-Regierung – es war das Jahr 1975 – durch eine Intrige der CIA und des MI6. Aber er baut dieses Ereignis doch mehr schlecht als recht ein sowohl in den grandiosen Bildungsroman einer Hackerin, als auch die Leiden eines alternden Journalisten. Letzterer ist auch der Erzähler und klingt manchmal verdächtig wie ein Alter Ego des Autors.

„Wir waren natürlich naiv. Wir glaubten weiterhin, dass die Amerikaner unsere Freunde und Verbündeten waren. Wir kritisierten sie, selbstverständlich. Warum nicht? Wir liebten sie. Wir sangen ihre Lieder. Sie hatten uns vor den Japanern gerettet. (…) Es wäre uns nie in den Sinn gekommen, dass sie unsere Demokratie zerstören würden. Und als genau das vor aller Augen geschah, vergaßen wir es sofort wieder.“ So erklärt sich der Titel. So erklären sich auch Desillusionierung und Verbitterung älterer australischer Sozialisten, etwa des Vaters von Gabrielle „Gaby“ Baillieux, der Hacker-Heldin.

Die zentrale, aber nie beantwortete Frage des Romans ist: Hat die am 11. November 1975 just in den Minuten des Rücktritts von Labor-Premier Gough Whitlam geborene Gaby solche Rachegefühle, dass sie sie Jahrzehnte später auslebt – indem sie einen Wurm losschickt, der in US-amerikanischen und australischen Gefängnissen die Kontrollsysteme knackt und Schlösser öffnet (die Australier haben ihr elektronisches Schließsystem in den USA eingekauft, Pech). Jedenfalls scheint sie der „Engel“ zu sein, dessen Wurm triumphal verkündet: „DER ENGEL ERKLÄRT EUCH FÜR FREI“.

Die Handlung in der Gegenwart des Romans – die unser Heute ist – ist rudimentär: Felix „Feels“ Moore, der „einzige verbliebene linke Journalist“ (das meint jedenfalls er selbst) hat Probleme mit der Justiz, muss Geld verdienen und nimmt darum von seinem Freund Woody Townes, Immobilienmillionär, den Auftrag an, die Geschichte Gabys aufzuschreiben. Oder, wie Woody es formuliert: „vor allem mach die Zicke liebenswert, okay?“ Für deren Mutter Celine, Schauspielerin, hatten mal beide eine Schwäche.

Moore glaubt, die schöne Hackerin in trautem Tête-à-tête befragen zu können. Doch werden ihm stattdessen von Gaby und Celine besprochene Tonbänder zur Verfügung gestellt, stapelweise – und wird er von sportlichen jungen Helfern in den Urwald verfrachtet. Da sitzt er dann, „Writer-in-residence am Hawkesbury River“, lauscht den Bändern, hat so gut wie nichts zu trinken (oh ja, er hat auch ein Alkoholproblem) und arbeitet wie ein Besessener. Auf einer Olivetti Valentine übrigens – wer diskret sein will, kehrt in diesen Tagen zurück zur Schreibmaschine.

Peter Carey hat sich mit den Tonbändern die Möglichkeit konstruiert, in der Vergangenheit zu graben: Denn von der Vergangenheit vor allem sprechen (und widersprechen sich immer wieder) die beiden Frauen. Nicht eben ereignislos war das Familienleben der Baillieux’. Die Tochter rebelliert, wirft ihren Eltern vor, „Ihr seid solche Hippies“. Sie freundet sich mit Frederic an, einem Computernerd und Goth, vielleicht schwul, vielleicht bi, jedenfalls Gaby anbetend. Sie schließt sich den Aisens an, Vater und Lehrerinnen-Tochter, die Umweltaktivisten sind und für Gabys sozialistischen Politiker-Vater „zur verrückten Linken gehörten“. Sie plant mit Frederic eine Aktion, um ein die Umwelt verschmutzendes Unternehmen zu entlarven: Gaby wird sich nackt im, wie sie glauben, giftigen Schlamm wälzen, Frederic wird sie dabei filmen, dann die Folgen – Ausschlag! Ekzeme! – dokumentieren. Ihre Haut bleibt unversehrt.

Die Figuren sind scharf und nicht ohne Bissigkeit gezeichnet, aber nicht zur Karikatur entstellt. Ironie klingt durch, doch ist sie nicht erdrückend. Carey erzählt auch mit Verständnis und Einfühlung, besonders für die jungen Computerfexe „Fallen Angel“ und „Undertoad“ – das sind Gaby und Frederic –, die fasziniert sind von den technischen Möglichkeiten des elektronischen Zeitalters und ein Stück auch von ihrem eigenen Erfindungsreichtum. Ihre Eltern – Frederic lebt nur mit seiner Mutter, einer Misanthropin – geben ihnen keine Orientierung und wenig Halt, so werden sie von Idealisten angezogen.

Nicht viel mehr als eine Episode am Rande bleibt die CIA-Intrige von 1975. „Amnesie“ ist die Geschichte gleich mehrerer dysfunktionaler Familien (auch die des Journalisten). Die Jungen wollen das Gute, vielleicht. Ob sie es bewirken mit ihrem virtuellen Wurm, lässt Peter Carey offen.

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