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Der neuseeländische Tänzer Wetini Mitai-Ngatai posiert während der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse.
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Der neuseeländische Tänzer Wetini Mitai-Ngatai posiert während der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse.

Buchmesse Frankfurt

Zurück zu Dickens

Die Buchmesse führt zu seltsamen Erkenntnissen. Etwa der, dass Cliffhanger die Leser von E-Books zum Weiterlesen animieren. Das ist die Rückkehr des Zeitungsromans im digitalen Zeitalter. Charles Dickens hätte sich auch als E-Book-Autor durchgesetzt.

Glücksfall

Auf der Buchmesse geht es, entgegen anderslautenden Gerüchten, durchaus weiterhin auch um Bücher. Wie zum Beispiel konnte es dem österreichischen Vier-Leute-Verlag Jung und Jung gelingen, zweimal den Deutschen Buchpreis zu gewinnen (und damit ein Viertel der bisher überhaupt vergebenen Deutschen Buchpreise)? Zuletzt gegen dreifache Konkurrenz aus dem Hause Suhrkamp? „Natürlich sind Juryentscheidungen immer auch Glücksfälle. Gehen Sie aber davon aus, dass wir die schlechten Bücher weglassen und nur die guten machen“, sagt Lektor Paul Jandl.

Jung und Jung gelte zwar als klein (und ist ehrlich gesagt klein), habe aber noch Autoren aus den Residenzverlagszeiten des Gründers und Verlegers (Preisträgerin Ursula Krechel darunter) und dazu ein „Reservoir und Nachdenkpotenzial, um das uns mancher beneiden dürfte“. Argumentieren große Verlage nicht, sie müssten die schlechten Bücher machen, um die guten zu finanzieren? „Es gibt keinen Konzern und keine Aktionäre, die uns vorschreiben, wie hoch der Gewinn sein muss.“ Stattdessen gebe es eine sehr enge Zusammenarbeit zwischen dem Verlag und den Autoren, „die sich damit offenbar so wohlfühlen, dass sie nicht zu größeren Häusern wechseln“. Etwa 130.000-mal hat sich der Gewinnerroman von Melinda Nadj Abonji (2010) verkauft, dazu kamen 15 Auslandslizenzen. Vom Krechel-Roman wurden jetzt zunächst einmal 100.000 nachgedruckt, Jandl erwartet einen noch besseren Verkauf ins Ausland. Die Filmrechte seien bereits angefragt. Warum sieht das „Landgericht“ eigentlich so gediegen und quadratisch aus? Das sei das Lyrikformat des Verlags, sagt Jandl, die Autorin habe es sich gewünscht. Es gibt nicht viele, die bei solchen Entscheidungen mitreden, eine Marketing-Abteilung gibt es gar nicht. Ich platze gleich vor Neid.

Lavendelsirup

Streng genommen scheint es in Neuseeland „bevor es bei euch (also uns) hell wird“ (so die Devise des Ehrengast-Auftritts) ebenfalls dunkel zu sein. Mond und Sterne scheinen in eine Wasserfläche, vor der Mitarbeiter das Publikum warnen müssen. Man könnte das Wasser für einen spiegelnden Boden halten und erwartet es hier ja nicht. Ähnlich wie die Welt ist jedoch auch ein großer Teil des Forums, die Halle, in der der Ehrengast zeigen darf, was in ihm steckt, mit Wasser bedeckt. Wie flach es ist, sieht man etwa alle halbe Stunde, wenn ein leichtbekleideter Mann quasi darauf wandelt, Maori sprechend einige Zeit im ad hoc einsetzenden Starkregen steht, dann durch einen Vorhang wegschlupft und bald getrocknet wiederkehrt, um sich in ein im Wasser stehendes Bett zu legen. Wo er aus gegebenem Anlass ein Buch liest. Die Show, von der hier natürlich nur ein Bruchteil wiedergegeben werden kann, ist verblüffend sinnlich und sinnlos zugleich. Aber das Publikum drängt sich auf dem Trockenen.

Auf Großleinwänden sieht man unter anderem eine optimistische Frau, die Lavendelsirup herstellt („Jetzt müssen Sie sich keine Gedanken mehr ums Dessert machen“), Land und Schafe. Obwohl die Neuseeländer sich gegen Klischees wehren, gibt es kaum eine Diskussion, in der das Wort Schaf nicht fällt. Ebenso wie der Name Katherine Mansfield. Oder es wird gleich eine Geschichte von Katherine Mansfield vorgelesen, in der es um Schafe geht. Alles wirkt entspannt. Sich selbst scheinen Neuseeländer wenig beweisen zu müssen. Und uns nur, dass es den weiten Weg wert wäre.

Cliffhanger

Der Geschäftsführer der E-Book-Agentur Chichili, Karsten Sturm, erklärt: Auf dem Schirm lesen Leute anders, kürzer. Niemand kaufe ein E-Book, das tausend Seiten hat. Er empfiehlt dringend die Aufteilung in eine Serie, mit einem Cliffhanger könne man das Interesse am nächsten Teil wecken. Das ist selbstverständlich die Rückkehr des Zeitungsromans im digitalen Zeitalter. Charles Dickens, Userzuhörer und -versteher, kompromissbereites Genie, hätte sich auch als E-Book-Autor durchgesetzt. So viel zum Thema Fortschritt. Die Messe fragt sich dennoch, ob die Branche innovativ genug ist. Während Kritiker den rechten Schwung vermissen, lassen Buchhändler sich wacker das verbandseigene Lesegerät Liro Color erklären und hat der Börsenverein im Frühjahr die Initiative „Prototype“ organisiert, die Interessierte zusammenführen soll. Bei einer „Prototype“-Diskussion ärgert sich Katja Splichal von der Onlineplattform PaperC sich darüber, dass Verlagsleute ihre eigenen digitalen Produkte nicht benutzen. Ihr Kollege Martin Fröhlich warnt davor, ausgerechnet das bloß einzukaufen, was man dringend selbst machen und probieren sollte. An beidem ist viel dran, aber was bedeutet all das für Menschen, die mit Büchern versorgt werden wollen, die viele Seiten, aber garantiert keinen Cliffhanger haben (sagen wir: die Romane von Peter Kurzeck)? PaperC ist auf Fach- und Lehrbücher spezialisiert. Das ist natürlich auch sehr wichtig.

Sommerfondue

In den Gängen klagen Lektoren, dass sie ihrer Arbeit nur noch nach Feierabend und am Wochenende nachgehen können. Übersetzer berichten, dass ihre Bezahlung und das Gefeilsche um den Betrag (zum Beispiel 19 Euro für eine Seite Belletristik) schon an Kränkung grenze. Sabine vom Bruch arbeitet als freie Übersetzerin und freie Lektorin. „Als Übersetzerin werde ich für die pünktliche Abgabe gelobt. Als Lektorin werde ich um Titelvorschläge gebeten. Als Lektorin bin ich offenbar viel schlauer.“

Die Schauspieler Frederik Beyer und Mark Pohl vermarkten äußerst wacker ihr extrem antizyklisches Zwei-Mann-Hörbuch über die 1000 Briefe lange Korrespondenz zwischen Goethe und Schiller. Kochbuchköche aus der Schweiz erklären den Unterschied zwischen einem Winter- und Sommerfondue. Bei den Neuseeländern regnet es schon wieder. Ein Typ sagt: „Ich weiß eigentlich überhaupt nicht, was ich hier tue.“ Und was bedeutet es, dass das erste Handzettelchen des Tages sich auf ein Prager Bierfestival am Güterplatz bezieht? Die Frankfurter Buchmesse ist die seltsamste Massenveranstaltung des Jahreslaufs.

Gütesiegel

Während das Parfümunternehmen Douglas Anfang der Woche angekündigt hat, 15 seiner Thalia-Filialen zu schließen, erzählen aufgeräumte Besucher aus Amerika von der Kraft des unabhängigen Einzelhandels. Damit Tom Hanks als böser, aber romantischer Buchkettenbesitzer aus „E-Mail für dich“ noch einmal moralisch und praktisch ins Unrecht gerät und auch deutsche inhabergeführte Läden ihre Kräfte sammeln. Künftig soll man sie, wenn der Plan aufgeht, an einem Eichhörnchen erkennen. Die deutschlandweite Initiative „Buy Local“ wirbt mit Steuerzahlungen vor Ort, Nachhaltigkeit, fairen Arbeitsbedingungen, geschultem Personal, also lauter Klassikern aus dem Bioladen. Auch ein Webshop gehört dazu. „Regional online einkaufen“, das klingt bloß im ersten Moment seltsam. Die Buchhandlung RavensBuch in Ravensburg, die die Kampagne vorstellte, hat einen Marketingleiter, aber er steht jetzt still in der Menschenmenge und sorgt dafür, dass Interessierte den Weg finden. 40 Läden beteiligen sich bisher. Schwer zu sagen, ob das bloß nett oder nicht sogar richtig helle ist.

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