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Lyriker Said.
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Lyriker Said.

Nachruf

Zum Tode von Said: Ein Staat der Liebe

  • VonBjörn Hayer
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Inmitten politischer Widrigkeiten fand er sein Haus in der Sprache: Zum Tod des poetischen Grenzgängers Said.

Die Fremde ist ihm zur unliebsamen Gefährtin geworden und war zugleich stets der Inspirationsquell für ein reiches, dichterisches Leben. Wem die Texte des just an einem Herzinfarkt verstorbenen Said begegnen, spürt das Schicksal eines Zerrissenen. Geboren 1947 in Teheran treibt es den umtriebigen Heranwachsenden früh zum Studium nach München. Erst ist es die Autokratie des Schahs, später das Mullah-Regime, das sein Exilleben im Westen verfestigen wird.

Dass der zwischen 2000 und 2002 gar als PEN-Präsident fungierende Autor jedoch nicht an den Umständen verzweifelt, dürfte er dem Schreiben verdanken. Wut und Fassungslosigkeit bahnen sich in seinen Versen genauso Raum wie die Suche nach Zärtlichkeit und Intimität. Als gemeinsames Drittes zwischen forte und piano erweist sich stets der existenzielle Ton. Es geht in seiner Lyrik immer um alles oder nichts. Wenn schon Teheran, wie er in einem Text von 2019 festhält, „eingedunkelt“ von der „macht der eindeutigen“, also den theokratischen Wahrheitsapologeten, ist, wie kann es dann einen guten Gott geben? Provokativ fragt er daher in seiner Miniatur „Psalmen“ (2007): „nachdem du deine geschöpfe denaturiert hast / in auschwitz / in hiroshima / in halabtsche / in srebrenica / gehst du nun auf die knie vor den opfern?“

Ein Ort aus Ich und Du

Selbst wenn sich in diesem Gebet ohne Resonanz lediglich ein Deus absconditus äußert, bedeutet das nicht, dass das Dasein aus Saids Sicht ohne Vertrauen und Zuversicht sei. Ganz im Gegenteil, allen voran in seiner Liebeslyrik offenbart sich ein fast schon utopisches Moment. „Mit jedem kuß“, so lesen wir in dem Poem aus dem Band „september in varna“ (2019), „werden die dinge fremder um uns / bis wir / in unserem flüsterhaus / den staat abschaffen und seine grenzen“. Verschränken sich hier die Ambitionen politischer und amouröser Autorschaft, wird der Ort aus Ich und Du zu einem Land der Freiheit. Sie bilden die Keimzelle für eine friedliche Gesellschaft, gelegen in den Träumen zwischen Orient und Okzident.

Dorthin führt die Sehnsucht, als deren Vehikel insbesondere die Sprache dient. Gegenüber von Schlagbäumen und Mauern in der Realität stellt sie für den Träger des Adelbert-von-Chamisso-Preises eine alle Barrieren überwindende Bewegungskraft dar. In ihr leben die Farben der Vergangenheit und Vorstellungen von einem besseren Leben gleichermaßen auf. Sie trägt eine Philosophie der Hoffnung. Verankert ist sie jedoch nie im bloßen Augenblick, sondern findet bereits Anklang bei all jenen, die schon vor Said über das Exil geschrieben haben. Man denke im 20. Jahrhundert an Rose Ausländer oder an Hilde Domin, die den Schriftsteller gewiss beeinflusst haben dürfte.

Die Worte des Deutschiraners Said erzählen letzthin ebenso von deren, ja unser aller Einsamkeit. Je mehr er mit uns durch die Kultur- und Literaturgeschichte gleitet, desto mehr scheint sie als grundlegende Erfahrung des Menschen auf. Die Devise lautet: Allein kommen wir auf die Welt, und allein verlassen wir sie. Aber manchmal trifft man auf wenige Sätze, die wie durch einen Türspalt Licht ins Dunkel bringen: „im schatten einer platane bist du gelassen wie in kindheitstagen. // dann nimmt er meinen arm und führt mich über die straße, als hätte er angst, mir könnte noch etwas zustoßen.“ So lauten die letzten Zeilen des Bandes „flüstern gegen die wölfe“ (2021), Saids literarischem Vermächtnis.

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