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Zum Tod von Wulf Kirsten – Ein Dichter, noch dazu in Weimar

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Von: Jürgen Verdofsky

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Wulf Kirsten zu Hause, kurz vor seinem 80. Geburtstag im Juni 2014.
Wulf Kirsten zu Hause, kurz vor seinem 80. Geburtstag im Juni 2014. © dpa

Der Schriftsteller Wulf Kirsten ist im Alter von 88 Jahren gestorben.

Wulf Kirsten wurde frei und hoch, wenn er schrieb. Ein ganzes Leben auf Worte gebaut, „als könnten sie bewältigen, was mir aufliegt“. Man kommt in seinen Gedichten immer einem Ursprung nahe, auch wenn nicht sofort alles kenntlich wird. Abkunft hieß für diesen Dichter eine abgestufte Dreieinigkeit von Landschaft, Geschichte und Biografie. Immer auf der Suche nach poetischer Überlegenheit über den realen Augenblick, eine Sache ohne Gewähr, ohne Gewissheit einer Absolution. 1934 „geboren zu Klipphausen, zwei morgen wind / hinterm haus, das war an die hügellehne / gesetzt, aus lehm und stroh die gefache,/ zwei käfterchen oben, zwei unten.“

Dresdner Hinterland, linkselbisch bei Meißen. Die Dorfkindheit bekam prosaische Genauigkeit im Erzählband „Die Prinzessinnen im Krautgarten“. Sohn eines Steinmetzen, ältestes von fünf Kindern. Die Kriegswalze ging über alles hinweg, das Kriegszittern blieb. Die „dorfkindheit, vom krieg überrollt“: „das knirschen von panzerketten / im ohr verfangen auf lebenszeit.“ Krieg und Nachkrieg hießen Angst, Einschränkung, Verlust. Durchkommen war alles. Kaufmannsgehilfe, Buchhalter, spätes Abitur, Studium in Leipzig. Bloch war schon kaltgestellt, aber Hans Mayer noch zu hören, die Deutsche Bücherei zu durchpflügen.

Lehrer blieb er kurz, Lektor länger. Wortsammler, Dichter und Erzähler lebenslang. Er fand, entdeckte sich und war etwas. 1970 erschien sein erster Gedichtband: „satzanfang“. Seitdem war er, was er immer werden wollte: Ein Dichter. Noch dazu in Weimar: „welch zweifelhaftes vergnügen,/ die welt von Weimar aus zu betrachten.“ Hier ist der Weg zum Lager Buchenwald kurz. Seine Texte im Band „Der Berg über der Stadt – Zwischen Goethe und Buchenwald“ sind ein Aufbäumen gegen die Nähe von Klassik und moderner Barbarei, vor der das Gesetz der Vergänglichkeit machtlos bleibt. Ein „rauher ort – ein triptychon“: „allberechnende barbaren,/ die sich zerstreuten / auf wilder flucht, satan / untergetaucht, als biedermann / auferstanden, friedfertig,/ … / wenn auch ohne gedächtnis.“ Für Kirsten gab es keine Gegenwart ohne Wort- und Zeitgedächtnis. Die „Anthologie des poèmes de Buchenwald“ des französischen Dichters und Deportierten André Verdet hat er dem deutschen Vergessen entrissen.

Mit dem Gedichtband „die erde bei Meißen“ gelang 1987 der Durchbruch im Westen. Nach neun Gedichtbänden zeigte sich mit „erdlebenbilder“ (2004) sein lyrisches Werk aus 50 Jahren. Das Spätwerk vereinen die Bände „fliehende ansicht“ und „erdanziehung“. Kirsten ging über Land, vom Meißnerischen und Weimarer Land bis zum Rhônetal. „Frankreich als geheime Ader“ seiner Lyrik. Ein abgeschrittenes „französisches Terrain“ mit großen Momenten. Wie aus einem „querfeldein“ ein „querweltein“ werden konnte, wurde nie deutlicher. „querweltein stapft wortberauscht / durch schwalbenschnee und blütenschneisen / ein selbsterhalter leibeigenen erdleids.“ Lange Poetenblicke auf das Menschenwerk der Zerstörung. „erdlebenbilder, abgewuchtet,/ abgeweidet, … / … die nachtvögel / riefen sich zu, daß dir bang wurde.“

Zur Natur pflegte er Beziehungen ohne Ambivalenz, hier emanzipierte sich die existentielle Angst. Sie verlor an Destruktion, kam zur Ruhe: „das unfaßbare ohne anfang ohne ende.“ So spricht kein entrückter Landschafter, hier warf sich einer in den Traditionsverkehr der Poesie, der Hochkultur ebenso verbunden wie dem Expressionismus. Aber er ging keine Wege, die andere vorangegangen waren. So wie er durchstreifte wohl keiner das „weltall der vergessenen worte“. Schulen folgte er nicht, auch keiner Sächsischen Dichterschule, stand aber in Korrespondenz.

Auch zur zweiten deutschen Diktatur erhob Kirsten die Stimme. Bedrängnis ragt in die Verse, „zur zeit der bruderküsse“ wird die Wirklichkeit nicht weggedichtet. Schon in frühen Gedichten will er „hartnäckig verteidigen / das bollwerk der zweifel.“ In einer fragmentarischen „poetologie“ gedachte er der Dichter auf der Schuldspur des Stalinismus, große Namen der russischen Moderne. Im Slansky-Prozess wurde Sprache zur Folter: „die sprache ersetzte die instrumente / bis auf das eine am ende.“ Kurz vor der Wende heißt ein Gedicht der Ohnmacht und Wut „muttersprache“: „staffelweise / im tiefflug proben die kampfhubschrauber den ernstfall, tat-/ sachen schaffen, leben abscheffeln (...) abberufenes, abgesoffenes schweigen, ausgebootet, aus-/ gebürgert, abgeschoben, abgezogen, nur nicht amtsenthoben.“ Alles in allem: Sein radikalstes Gedicht.

Legendär bleibt die Genauigkeit seines literarischen Wissens. Er kannte alles und alle. Eine eigene Deutsche Bücherei. Kirsten bestand nur aus Literatur. Unter seinen Herausgeberschaften bleibt „Beständig ist das leicht Verletzliche – Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan“ ein exklusives Standardwerk. Kirsten gehörte den Akademien in Darmstadt, Berlin, Mainz und Dresden an. Unter den Ovationen leuchten der Huchel-Preis, Heinrich-Mann-Preis und Breitbach-Preis. Aber besonders erfüllte ihn: Seine Dichtung gilt in Frankreich viel. Wulf Kirsten, ein seltener Dichter, dem Leben und der Welt zugewandt, zugleich umschlossen von der Unität seines Schaffens, ist am Mittwoch im Alter von 88 Jahren gestorben.

Seine Größe ruhte auch in der Schreibhaltung, alles mit dem bitteren Wissen, dem „Graswachsenhören“ in jedem Gedicht neu zu beginnen. Wulf Kirsten gelang es, den noch nie zuvor gefassten Augenblick wahrzunehmen und mit „selbstgelebter Sprache“ in die Poesie zu treiben. Jetzt erkennt man, wie gelungen vieles ist: Gedichte als Solitäre.

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