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Zum Tod von Wolf Erlbruch: Das Kind, das nicht spielte, sondern zeichnete

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Von: Susanne Lenz

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Wolf Erlbruch, 2017 in Stockholm. Foto: Christine Olsson/afp
Wolf Erlbruch, 2017 in Stockholm. Foto: Christine Olsson/afp ©  Christine Olsson/afp

Zum Tod von Wolf Erlbruch, der im Alter von 74 Jahren gestorben ist.

Wolf Erlbruchs Atelier befindet sich im Wuppertaler Stadtteil Vohwinkel, ein großer, heller Raum. Bei meinem Besuch dort im Dezember 2017 lagen Malutensilien auf den Tischen, es gab ein Zeichenpult, eine Staffelei, an der ein heller Sommerhut hing. In einem Regal lagen Kuhschädel, in einem anderen stand ein Plattenspieler, auf dem Plattenteller Archie Shepps „Trouble in Mind“. Es war ein Ort wie aus einer vergangenen Zeit, in der es mehr Platz gab und mehr Ruhe.

Wolf Erlbruch war der wohl bedeutendste deutsche Illustrator von Kinder- und Jugendbüchern. Da ist „Die große Frage“, die der kleine Junge in einem seiner Bücher stellt: Warum bin ich auf der Welt? Da ist „Ente, Tod und Tulpe“, in dem der zarte Tod ein kariertes Kleid trägt, sich von der Ente wärmen lässt und doch auch unerbittlich ist. Es sind Bücher, die Wolf Erlbruch nicht nur illustriert, sondern auch selbst geschrieben hat.

Das Buch „Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“ hat er illustriert, der Verfasser heißt Werner Holzwarth. Es ist 1989 erschienen, in 39 Sprachen übersetzt worden und hat sich mehr als drei Millionen Mal verkauft. Man kann sich nicht vorstellen, dass dies möglich gewesen wäre ohne Erlbruchs Bilder von dem Maulwurf, der trotz des kokett geschwungenen Haufens auf seinem Kopf frech und selbstbewusst wirkt.

Fast immer sind Tiere Wolf Erlbruchs Helden und Heldinnen, ohne aber menschliche Wesenszüge bloß niedlich zu repräsentieren. Viele kennen seine Zeichnungen wegen des Kinderzimmerkalenders, in dem ebenfalls Tiere die Hauptrolle spielen. Er illustrierte ihn seit 1994.

2003 erhielt Wolf Erlbruch den Deutschen Jugendliteraturpreises für sein Gesamtwerk. 2017 hat er in Stockholm als erster Deutscher den Astrid-Lindgren-Gedächtnispreis bekommen, den höchstdotierten Kinder- und Jugendbuchpreis der Welt, den man auch als Literaturnobelpreis für Kinderbücher bezeichnen kann.

Erlbruchs Vater war Textiltechniker, Wuppertal damals ein Zentrum der Textilindustrie. Der Sohn wollte diese Stadt nie verlassen. Er könne nur hier arbeiten, sagte er, in dieser Alltagsstadt. Die habe ihm immer besser gefallen als Sonntagsstädte wie Düsseldorf oder Florenz. Er erzählte, dass er als Kind gezeichnet hat, statt zu spielen. Er habe Tüten zerschnitten für Papier. Es war die Nachkriegszeit.

1967 nahm Wolf Erlbruch sein Studium an der Folkwang Hochschule für Gestaltung in Essen auf. Noch als Student begann er, in der Werbung zu arbeiten. Ein „Schweinegeld“ habe er verdient. Der damalige Leiter des Wuppertaler Peter-Hammer-Verlags sah in einer Zeitschrift ein Bild von rauchenden Löwen an einem Billardtisch, eine Anzeige für Drehtabak. Er suchte jemanden, der ein Kinderbuch illustrieren kann. Die Löwen waren von Wolf Erlbruch.

Vom Vater hin zum Sohn

So begann Ende der achtziger Jahre seine Karriere als Illustrator von Bilderbüchern und als Dozent an den Hochschulen in Düsseldorf, Wuppertal und Essen. Es war zugleich der Beginn von Erlbruchs Verbindung mit dem Peter-Hammer-Verlag. Sie waren einverstanden, als ihr wichtigster Autor vorschlug, er würde die Arbeit am Kinderzimmerkalender gern seinem Sohn Leonard übertragen, der dem Vater in die Welt der Bilder gefolgt ist. Den Kalender für 2017 haben die beiden zusammen gemacht. Seit 2018 gestaltet ihn der Sohn allein.

„Es ist eine wunderbare Sache, für Kinder zu arbeiten, wenn man die Kunst nicht verrät“, sagte Wolf Erlbruch an jenem Dezembertag in Wuppertal vor fast genau fünf Jahren. Er habe etwas machen wollen, das zu Kindern spricht und zu Eltern. Das ist ihm gelungen. Am 11. Dezember ist Wolf Erlbruch in seiner Heimatstadt gestorben. Er wurde 74 Jahre alt.

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