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Walter Pehle, hier 2018.
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Walter Pehle, hier 2018.

Nachruf

Zum Tod von Walter Pehle: Sein Gedächtnisort

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Als Lektor so unermüdlich wie als Aufklärer: zum Tod Walter Pehles.

Das vielleicht folgenreichste Erbe der 68er ist das Misstrauen, die Skepsis gegenüber der Elterngeneration. Bei Walter Pehle, 1941 in Düsseldorf geboren, waren es die Zweifel am Vater, einem Regierungsrat, der den Krieg als Major mitgemacht hatte. Umso entschiedener dem Weitermachen hat sich Walter Pehle verweigert, angefangen mit seinem Studium, schließlich zehn Jahre später, als er bei einer der Größen unter den nicht belasteten bundesdeutschen Historikern, Wolfgang J. Mommsen, seine Dissertation über die Umstände der „Machtergreifung“ in der Verwaltung von Aachen schrieb. In der Tat, auf die Machtübertragung an die Nazis im Januar 1933 durch die Wählerinnen und Wähler sowie eine Koalition aus aggressiven Antidemokraten, folgte die Bemächtigung.

Dazu wie zur NS-Herrschaft als einem terroristischen, tödlichen Verwaltungsakt hat Walter Pehle nicht gezählte Bücher lektoriert, von 1977 an im S. Fischer Verlag, wo er nachdrücklich mit einem Taschenbuch zur US-TV-Serie „Holocaust“ die bundesdeutsche Mitleidlosigkeit und Ignoranz herausforderte. Mit Argumenten in eine hochgradig aufgeputschte Debatte eingriff, mit einer Veröffentlichung, die dem Vergessen, der Vertuschung Kontra gab, und zwar kompromisslos.

Mit dem Tod Walter Pehles, der, wie jetzt bekanntwurde, am 28. März, kurz nach seinem 80. Geburtstag starb, hat die Bundesrepublik einen ihrer einflussreichen Lektoren verloren. Er war der Historiker, der die Veröffentlichung von Raul Hilbergs „Die Vernichtung der europäischen Juden“ ermöglichte, Standardwerke über die „Zeit des Nationalsozialismus“, wie die 1988 von ihm begründete Buchreihe hieß, die „Schwarze Reihe“, in der, das ist wohl kaum übertrieben, dem Nationalsozialismus der Prozess gemacht wurde.

Erbe der Erinnerungsarbeit

Walter Pehle war auch nach dem Ausscheiden aus seinem Verlag ein intensiver Networker, der, etwa vom Telefon aus, auf ungewöhnliche Spuren aufmerksam machte. Sprach er geradezu lässig über Verborgenes, scheinbar Abseitiges, musste man umso mehr auf der Hut sein. Je zwangloser Walter Pehle einen Kasus ansprach, desto dringlicher war das, was er dem Vergessen zu entreißen empfahl, ein Thema, ein Autor, ein Buch.

Keine Aufklärung ohne Beharrlichkeit, ohne insistierende Unermüdlichkeit. So hat denn Walter Pehle mit den von ihm betreuten Büchern nicht weniger als Geschichte geschrieben, Mentalitätsgeschichte. Die von ihm verantwortete „Schwarze Reihe“ umfasste, als er die Herausgeberschaft vor zehn Jahren überantwortete, 250 Titel. Wenn man den historischen Begriff des Gedächtnisorts bemüht, der sich nicht nur auf spektakuläre, auf heroische oder alltägliche, nicht nur auf monumentale, verborgene oder vernachlässigte Schauplätze bezieht, sondern neben den materiellen Erinnerungsorten auch das immaterielle Erbe, dann lässt sich dies wohl auch auf Walter Pehles Erinnerungsarbeit übertragen. Walter Pehles Lektorat verbleibt als ein Gedächtnisort.

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