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Zum Tod von Peter Zingler: Es gab so viel zu erzählen

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Peter Zingler.
Peter Zingler. © christoph boeckheler*

Zum Tod des früheren Einbrecherkönigs und erfolgreichen Autors Peter Zingler.

In seinem rechten Ohr trug er stets einen Rubin. An der Wand in seinem Arbeitszimmer hing eine Maschinenpistole. Er konnte schroff und hart sein, wenn er Leute in singendem Kölsch runterputzte, lief er zu großer Form auf. Aber all das diente der Imagepflege. Peter Zingler war ein sensibler Mensch, nachdenklich, herzlich zu Freunden. In seinem ersten Leben ein Einbrecherkönig, der zwölf Jahre im Gefängnis saß, stieg er in einer zweiten Karriere zu einem der erfolgreichsten deutschen Drehbuchautoren auf. Der Träger des Grimme-Preises schrieb das Skript für mehr als 100 Filme, darunter viele „Tatorte“. Er arbeitete wie besessen, ohne Pause. Jetzt ist der Mann, der ein wildes Leben geführt hat, im Alter von 78 Jahren in Frankfurt am Main gestorben.

Der gebürtige Chemnitzer gehörte der verlorenen Generation der Nachkriegszeit an. Er wuchs ohne Vater in der Trümmerwüste Kölns auf, war als Junge schon auf dem Schwarzmarkt aktiv. In seiner Autobiografie „Im Tunnel“ hat er diese Phase seines Lebens später geschildert. Dem fast 600 Seiten starken Buch ist das Gedicht „Lebenslauf: Lauf ums Leben“ vorangestellt. Darin heißt es: „In der Schule lief es normal / Bis ich richtig laufen lernte, weglaufen / Vor der Familie / Vor der Polizei / Vor der Realität / Vor mir selbst / Ich lauf heute noch weg.“

Seine Großmutter gab sich als seine Mutter aus, seine wirkliche Mutter kannte er lange als ältere Schwester. Erst als Peter elf Jahre alt war, flog dieses Lüge auf. Als 14-Jähriger schlug er sich per Anhalter nach St. Tropez durch. Über die Filme, die er heimlich im Kino sah, hatte er sich unsterblich in Brigitte Bardot verliebt, wollte leben wie sein Held Eddie Constantine. Er begann, Luxus-Automobile zu stehlen. War bald Spezialist für Einbrüche in die Villen reicher Männer, ließ Pelze, Teppiche, Gemälde mitgehen. „Probiert habe ich bestimmt 500 große Brüche, geklappt haben 150“.

Das Leben auf großem Fuß, zeitweise mit eigenem Porsche, endete jäh durch Verhaftung. Im Knast, zu einer langen Strafe verurteilt, Zusammentreffen mit Ursula Sigismund, einer Nachfahrin des Philosophen Friedrich Nietzsche. Sie leitete die Gefängnis-Literaturgruppe, förderte Zingler. Als er zu schreiben begann, schickte sie ein Manuskript an den bekannten Schauspieler Günter Strack.

Der setzte sich bei der Münchener Filmproduktion Bavaria dafür ein, aus dem Text ein Drehbuch zu machen. Zingler erhielt einen Tag Hafturlaub, um sein Werk in München persönlich vorzustellen. Wegen seiner erfolgreichen literarischen Arbeit kam es 1985 zur vorzeitigen Haftentlassung. Dieter Engel, Besitzer des ältesten Frankfurter Bordells „Sudfass“, wurde sein Unterstützer. Im Haus Uhlandstraße 21 im Ostend, das Engel gehörte, gründete Zingler mit seiner Freundin, der Cartoonistin Doris Lerche, am 1. September 1985 die „Romanfabrik“, einen Ort für Lesungen und Diskussionen.

Der Autor brachte mit seinen Drehbüchern einen neuen Ton, eine neue Wahrheit in die biederen und drögen deutschen Fernsehkrimis. „Diese Serien sind das, was die Leute für Realität halten, aber mit Wirklichkeit haben sie nichts zu tun.“ Auch mehr als 25 Romane entstanden, nicht nur Krimis. Doch seine größten Erfolge feierte er im Fernsehen, auch mit Vorlagen für die „Schimanski“-Figur von Götz George. Vergeblich blieb allerdings sein Versuch, den öffentlich-rechtlichen Sendern einen Kriminellen als Sympathiefigur zu verkaufen. Den Verantwortlichen fehlte der Mut. Als dann die US-Kultserie „Breaking Bad“ mit einem Chemielehrer, der zum Verbrecher wird, auch in Deutschland Quotenrekorde brach, ärgerte sich Zingler mächtig.

Das angesehene Mitglied des Verbandes Deutscher Drehbuchautoren kämpfte in seinem zweiten Leben dafür, dass die Verfasser und Verfasserinnen von Film- und Fernsehstoffen endlich besser bezahlt werden. Stolz erlebte er 2015, dass die ARD seine Autobiografie unter dem Titel „Die Himmelsleiter“ als Zweiteiler im Fernsehen zeigte.

Doch seine Vergangenheit als Krimineller blieb immer präsent. Stets hatte er das Gefühl, getrieben zu sein, es allen zeigen zu müssen. Stets blieben Statussymbole wie die Rolex am Arm für ihn wichtig. „Ich hab die Angst, wenn ich nicht mehr getrieben bin, fall ich um und bin tot.“ Auch seine Freunde, wie der langjährige Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) oder der Schriftsteller Peter Kurzeck, konnten ihn von seinen Ängsten nicht befreien.

Bis zuletzt lebte und arbeitete Peter Zingler im Frankfurter Ostend. An seiner Wohnungstür hing die Aufforderung, bitte die Waffen abzugeben. „Damit war natürlich die Polizei gemeint.“ Fassungslos musste er aber mit ansehen, wie seine Welt, aus der er seine Stoffe schöpfte, die Arbeiter-Kneipen und billigen Läden, das Milieu rund um die Großmarkthalle, unterging. Mit der Europäischen Zentralbank kamen die Luxus-Wohnungen und Büros, auch das „Sudfass“ verschwand und wurde durch einen teuren Wohnturm mit dem schönen Namen „Oskar-Residence“ ersetzt.

Peter Zingler aber schrieb bis zuletzt. Es gab doch so viel zu erzählen.

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