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Der flexible Sturkopf Klaus Wagenbach 1995, kurz vor seinem 65. Geburtstag. Im Alter von 91 Jahren ist Wagenbach am 17. Dezember gestorben.
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Der flexible Sturkopf Klaus Wagenbach 1995, kurz vor seinem 65. Geburtstag. Im Alter von 91 Jahren ist Wagenbach am 17. Dezember gestorben.

Nachruf auf Klaus Wagenbach

Zum Tod von Klaus Wagenbach: Lieber selbst scheitern oder selbst gewinnen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Zum Tod des Verlagsgründers Klaus Wagenbach, der mit 91 Jahren gestorben ist.

Am Freitag ist Klaus Wagenbach im Alter von 91 Jahren gestorben. „Im Kreise seiner Familie und umgeben von seinen Büchern“, heißt es in der Pressemitteilung des Verlages vom Montag. Ich wünsche mir, dass es so war, wie es klingt und – so fürchte ich – klingen soll. Es ist lange her, dass ich ihn kannte, dass wir uns ab und zu trafen. Ich habe ihn bewundert. Natürlich wegen seines Verlagsprogramms, aber auch für die Beharrlichkeit, mit der er an bestimmten Positionen festhielt. Er hat mich gelehrt, dass auch ein Sturkopf flexibel sein kann. Er hielt mir darüber keinen Vortrag, sondern er lebte es mir vor.

Er war neugierig. Auf Erkenntnis. Bis ins hohe Alter. Ich weiß nicht, wie es ihm am Ende ging. Manchmal erkundigte ich mich zaghaft danach, aber seine diskrete Ehefrau Susanne Schüssler, die den Verlag seit 2002 leitet, wich stets höflich aus. Vor vielen Jahren erzählte man mir, ab und zu komme er noch in den Verlag, setze sich an den Küchentisch und plaudere freundlich und heiter mit den Mitarbeiterinnen. Mir gefiel dieses Bild so sehr, dass ich gerne weitere Nachforschungen einstellte. Da sieht man, wie eng die Grenzen meiner Neugierde sind.

Unmöglich, sich Klaus Wagenbach vorzustellen ohne seine Begeisterung für Franz Kafka. Schon als Lektor im S. Fischer Verlag kümmerte er sich um dessen Werk und Leben. Er mischte sich wenig ein in die literaturwissenschaftlichen Fragen danach, wie ernst Kafka seine Geschichten meinte, wie spezifisch jüdisch sie sind. Dass Kafka gerne die Lacher auf seiner Seite hatte und keineswegs nichts als ein Prediger der Verzweiflung war – eine Lesart, die in den 50er Jahren weit verbreitet war –, kam Klaus Wagenbach sehr entgegen. Er lachte und er feierte gerne. Seine Feste waren legendär. Gründe zum Feiern fand er immer.

Wenn aber der Verlag wieder einmal einen Bestseller brauchte, setzte Wagenbach sich selbst an die Schreibmaschine. Heraus kam jedes Mal eine neue, reich bebilderte Kafka-Biografie, für die der Verleger höchstselbst in die Archive gestiegen war. Es waren Bände, die sich exzellent verkauften in den langen Jahren, da wir es noch genau wissen wollten.

Als Klaus Wagenbach 1964 seinen Verlag gründete, tat er das in Berlin. Aus einem sehr einfachen Grund. Es sollte ein deutscher Verlag sein, also ein Verlag der Autoren der BRD und der DDR verlegte. So brachte er uns Wolf Biermann bei. Es gab Biermanns Lieder, die in den Wagenbach-Bänden zu Gedichten wurden, und es gab hinreißende Aufnahmen, die Wagenbach als Platten veröffentlichte. Da war Biermann noch keine große Nummer. Aber er wurde es durch Klaus Wagenbach.

Wie Biermann seine Texte vortrug, das revolutionierte unser Verständnis von Gesang und Rhetorik gleichermaßen. Sein sozialistischer Blick auf den realen Sozialismus half, ihn zu zerschreddern. Biermann, der in seiner Wohnung in der Chausseestraße saß und dort Freunden und Freundinnen seine Lieder vorsang, dem System trotzte, war noch so ein Bild, das Klaus Wagenbach der „kleinen radikalen Minderheit“ der opponierenden Neuen Linken in der BRD schenkte. Dass der Autor Wolf Biermann, als er im Westen lebte, seinem Verleger nicht die Treue hielt, sondern einem lukrativeren Angebot folgte, gehört zum Produktionsverhältnis Verleger – Autor.

1973 trennten sich Mitarbeiter des Verlags Klaus Wagenbach und gründeten den Rotbuch-Verlag. Von heute aus betrachtet ist diese Trennung eine Zeiterscheinung. Der Ruf nach einem Kollektiv erschallte damals überall. Ich weiß inzwischen: Kollektive gibt es nicht. Ob die Kontrahenten das schon damals wussten?

Klaus Wagenbach jedenfalls wusste: Er hatte bei S. Fischer aufgehört, um sein eigener Herr sein, um selbst scheitern oder gewinnen zu können. Es lag ihm nichts daran, unterzutauchen in einem Kollektiv. Ich war damals schon sicher und bin es heute noch mehr, dass zumindest einigen der Rotbuch-Gründer die Vorstellung, selbst einen Verlag zu haben, wichtiger war als die in der linken Öffentlichkeit forciert vorgetragene Idee vom Kollektiv. Der Wagenbach-Verlag war auch darin ein Stück Zeitgeschichte.

Klaus Wagenbach hat über Jahre eine Reihe von Prozessen geführt. Er veröffentlichte nicht nur Bücher von Ulrike Meinhof, sondern auch ein Buch, in dem die Tupamaros ihr Konzept der Stadtguerilla erläuterten. Guerilla war die Strategie gewesen, der direkten Auseinandersetzung mit der Staatsmacht in schwer zugängliche Gegenden auszuweichen. Die Revolutionäre in Uruguay dagegen erklärten, ein Guerillakrieg sei auch in den Städten möglich. Die Black Panthers hatten das Modell bereits in den USA vorgeführt.

Auch die Revolten der Neuen Linken waren städtische Revolten. Das war der Reiz des Modells „Stadtguerilla“. Hier bestand Aussicht auf einen Exportschlager. Allerdings nur, so lange man die Texte der Tupamaros nicht las. Der Mythos verflog sofort, wenn man sich auf die Lektüre einließ. Gleichermaßen abstoßend die Großmäuligkeit und die völlige Inpraktibilität – ganz abgesehen von der moralischen Verwerflichkeit.

Klaus Wagenbach erklärte immer wieder einmal, dicke Romane seien Schmöker, keine Literatur. Über eine bestimmte – von ihm nicht näher ausgeführte – Seitenzahl hinaus sei der Anspruch an Dichte und Genauigkeit einfach nicht einzuhalten. Darum ziehe er meist Gedichte der Prosa vor. Jahrzehnte lang brachte er mit Michael Krüger eine Lyrik-Anthologie heraus. Sie war selbst nicht sehr umfangreich, vermittelte aber gerade darum dem, der nicht die damals zahlreichen deutschsprachigen Literatur- und Lyrik-Zeitschriften regelmäßig konsultierte, einen Einblick in das, was sich im vergangenen Jahr getan hatte.

Susanne Schüssler, die erst seine Erbin war und jetzt seine Witwe ist, hat ein Händchen für Schmöker. Ich weiß nicht, ob die Entdeckung von Michel Houellebecqs „Ausweitung der Kampfzone“ noch Wagenbachs oder schon ihre Tat war. Schon sein Umfang aber hätte, wenn da nur Wagenbach gestanden hätte, dem Buch – einem der erfolgreichsten des Jahrtausendwechsels – den Zugang in den Katalog des Hauses sehr erschwert.

Vor dicken Brettern aber scheut sich der Verlag überhaupt nicht mehr. Er hat die schönste Vasari-Ausgabe vorgelegt, eine Augenlust für jeden, der sich für die Geschichte der italienischen Renaissance interessiert. Und wer noch heute nach einem Weihnachtsgeschenk sucht, der gehe in eine Buchhandlung und kaufe aus dem Wagenbach-Programm die monumentale Michelangelo-Biografie von Horst Bredekamp. Der wiederum ist ein alter Wagenbach-Autor. Einen, den wir noch dem Sturschädel Klaus Wagenbach zu verdanken haben, der so gerne auch in alten Dingen das Neue sah. Lieber Klaus, liebe Grüße!

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