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Zum Tod von Gerhard Roth: Immer Richtung Abgrund blicken

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Von: Harry Nutt

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Gerhard Roth, 2016. Im Alter von 79 Jahren ist der Schriftsteller am Dienstag gestorben.
Gerhard Roth, 2016. Im Alter von 79 Jahren ist der Schriftsteller am Dienstag gestorben. © dpa

Zum Tod des großen österreichischen Schriftstellers Gerhard Roth.

Traurig? Was ist traurig? So lautet die leitmotivische Frage in Gerhard Roths Roman „Der Stille Ozean“, der zweite Teil des siebenbändigen Zyklus’ „Die Archive des Schweigens“, der tief hinabreicht in die Abgründe eines nahen, aber auch eben auch weit entfernten Landes. Die praktischen Fragen verknüpfen sich mit existenziellen. „Warum sollen wir das Haus stehen lassen? An was soll es uns erinnern? Worauf sollen wir stolz sein?“ heißt es in „Der Stille Ozean“, für dessen Verfilmung Xaver Schwarzenberger bei der Berlinale 1983 mit einem Silbernen Bären erhielt. Eindringlich-einprägsame Bilder in Schwarz-Weiß, von Schwarzenberger auch als Hommage an Rainer Werner Fassbinder gedacht,

In „Der Stille Ozean“ erzählt Roth die Geschichte des Arztes Ascher, der in ein Dorf in der Südsteiermark strafversetzt wird, nachdem er zuvor einen schweren beruflichen Fehler begangen hat. Die Anpassung an die neue Umgebung fällt schwer, und wie oft in Roths Romanen wird die Handlung durch einen Kriminalfall angetrieben, ohne dass sich der Autor den Gepflogenheiten des Genres verpflichtet fühlte.

Der innere Drang des Roth’schen Schreibens zielt auf die Abgründe österreichischer Geschichte, „Die Archive des Schweigens“ sind wie der Zyklus „Orkus“ literarisch-dokumentarische Erkundungen des Verborgenen, das absichtsvoll oder neurotisch unter der Decke gehalten wird. Zur Kompositionstechnik Roths gehören auch experimentelle Versatzstücke und Fotos. Aber anders als bei Thomas Bernhard in „Heldenplatz“ ging es Roth nicht um grelle Anklage, sondern stille Inspektion.

Der Arzt Ascher ist ein Außenseiter, aber Einsamkeit und Fremdheit sind zugleich auch der Schlüssel zu einer literarischen Wahrhaftigkeit, die Gerhard Roth zu einem Solitär der österreichischen Literatur gemacht haben. Zum handfesten Skandal wurde 1995 der Roman „Der See“, der den Auftakt des „Orkus“-Zyklus bildete. Darin wird ein Attentat auf einen Politiker verübt, in dem die FPÖ ihren rechtspopulistischen Parteichef Jörg Haider u erkennen glaubte.

1942 als Sohn eines Arztes und einer Krankenschwester in Graz geboren, floh die Mutter mit den Kindern vor Bombenangriffen nach Würzburg, wo der Vater in einem Lazarett arbeitete. Nach Kriegsende kehrte die Familie nach Graz zurück, wo Roth auf Wunsch des Vaters zunächst Medizin studierte und nach einer Reihe verschiedener Tätigkeiten in die literarischen Kreise um Gerhard Rühm, Peter Handke und H. C. Artmann geriet.

Auf der Trabrennbahn

Ein frühes Nebenwerk trägt den leisen Titel „Die schönen Bilder beim Trabrennen“, es versammelt Porträts für Zeitungen über Max Frisch, Bruno Kreisky, André Heller und andere. Die Titelgeschichte handelt von einem alternden Trabertrainer von der Trabrennbahn in Baden bei Wien, dessen wenig glamouröse Existenz zugleich die Geschichte eines typischen Roth-Roman hätte abgeben können. Roths Gespür für Charaktere, die äußerlich ins sich ruhen und ein brodelndes Gefühlsleben zurückhalten, tritt bereits hier zu Tage.

Zu seinem 80. Geburtstag am 1. April hat S. Fischer den dystopischen Roman „Die Imker“ angekündigt, ein 800-Seiten-Werk, in dem Roth einer Katastrophen-Fantasie parabelhafte Gestalt verleiht. Ein gelber Nebel zieht auf, der die Menschen buchstäblich in Luft auflöst. Aber nicht alle sind verschwunden, Roths Held Franz Lindner hat als Patient einer Einrichtung für psychisch beeinträchtigte Künstlerinnen und Künstler überlebt. Das Buch ist nun das Vermächtnis Gerhard Roths, der am Dienstag im Alter von 79 Jahren in Graz gestorben ist.

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