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Zum 250 Geburtstag des Dichters Novalis: Der Herzschlag der neuen Zeit

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Von: Arno Widmann

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Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis (1772-1801).
Georg Philipp Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis (1772-1801). © dpa

Vor 250 Jahren wurde der romantische Dichter Novalis geboren.

Frankfurt – Getauft wurde der am 2. Mai 1772 Geborene auf den Namen Georg Philipp Friedrich von Hardenberg. Anfang der 90er Jahre, während seines Jurastudiums in Jena, lernte er Schiller und Goethe, Herder und Jean Paul kennen, schloss Freundschaft mit Tieck, Schelling und den Gebrüdern Schlegel. 1794 schloss er das Jurastudium ab. 1797 begann er ein Studium der Montanwissenschaften an der Bergakademie in Freiberg.

1798 veröffentlichte Friedrich von Hardenberg seine ersten Texte in „Athenaeum“, der Zeitschrift von Friedrich und August Wilhelm Schlegel. Es waren „Blüthenstaub“ betitelte philosophische Fragmente. Als Autor zeichnete ein „Novalis“. Unter diesem Namen veröffentlichte von Hardenberg in Zukunft weiter. August Wilhelm Schlegel teilte er mit, das niedersächsische Großenrode, auf Lateinisch „Magna Novalis“, sei ein alter Besitz seiner Familie.

Novalis war kein Vertreter des Verfassungspatriotismus

Novalis verbindet also die Verheißung von etwas ganz Neuem mit Uraltem. Die Rodung hat stattgefunden, jetzt kann Neues, kann die blaue Blume gepflanzt werden. Die Romantik ist die Revolution, die nach der Revolution stattfindet. Im „Athenaeum“ hatte Friedrich Schlegel erklärt: „Die Französische Revolution, Fichtes Wissenschaftslehre und Goethes Meister sind die größten Tendenzen des Zeitalters.“ In diesem Bewusstsein auch der eigenen Bedeutung bewegten sich die Frühromantiker. Frankreich hatte für die Revolution im Staat gesorgt, Deutschland sei dabei, die in den Köpfen zu bewirken.

Novalis schrieb: „Ein blühendes Land ist doch wohl ein königlicheres Kunstwerk als ein Park. Ein geschmackvoller Park ist eine englische Erfindung. Ein Land, das Herz und Geist befriedigt, dürfte eine deutsche Erfindung werden.“ Bald danach schreibt er: „Ein wahrhaftes Königspaar ist für den ganzen Menschen, was eine Konstitution für den bloßen Verstand ist.“ Novalis war kein Vertreter des Verfassungspatriotismus. Er war begeisterter Propagandist des preußischen Königspaares Friedrich Wilhelm III. und seiner Gemahlin Luise (1776 – 1810): „Wer den ewigen Frieden jetzt sehn und lieb gewinnen will, der reise nach Berlin und sehe die Königin.“

Novalis: Verrückt? Sicher.

Novalis schrieb: „Meinethalben mag jetzt der Buchstabe an der Zeit sein. Es ist kein großes Lob für die Zeit, dass sie so weit von der Natur entfernt, so sinnlos für das Familienleben, so abgeneigt der schönsten poetischen Gesellschaftsform ist. Wie würden unsere Kosmopoliten erstaunen, wenn ihnen die Zeit des ewigen Friedens erschiene und sie die höchste gebildetste Menschheit in monarchischer Form erblickten? Zerstäubt wird dann der papierne Kitt sein, der jetzt die Menschen zusammen kleistert, und der Geist wird die Gespenster, die statt seiner in Buchstaben erschienen und von Federn und Pressen zerstückelt ausgingen, verscheuchen, und alle Menschen wie ein paar Liebende zusammenschmelzen.“ Verrückt? Sicher. Aber hinreißend formuliert. Der Mann ist begeistert und er begeistert. Der Staat als Kunstwerk. Gesellschaft als Gemeinschaft der Liebenden. Das ist der romantische Lebensentwurf, das ist das Prinzip Hoffnung dieser Generation. Und immer wieder neuer Generationen.

Die Romantik war nicht die Zuflucht der Unpolitischen. Sie war deren Politik.

Sie war eine Reaktion auf Königsmord und den Terreur in Frankreich. Sie war auch antinapoleonische Begeisterung für die Unterschiedlichkeiten der Traditionen. In Deutschland, Spanien, England, Italien und in Frankreich selbst. Gleichzeitig aber beschwor Novalis in seiner Europa-Rede von 1799, später unter dem Titel „Die Christenheit oder Europa – ein Fragment“ veröffentlicht, ein durch einen einzigen Glauben geeintes Europa. Der Anfang des Textes schwärmt von einem Mittelalter, das es so niemals gegegeben hat. Dann schwenkt Novalis um und macht deutlich, diese christlich geeinte Welt ist seine Hoffnung für die Zukunft. Gerade im Tumult der Gegenwart, in der radikalen Infragestellung von allem erblickt er die Chance für einen neuen Glauben. Er weissagt „eine große Versöhnungszeit, einen Heiland, der wie ein echter Genius unter den Menschen einheimisch nur geglaubt, nicht gesehen werden kann, und unter zahllosen Gestalten den Gläubigen sichtbar, als Brot und Wein verzehrt, als Geliebte umarmt, als Luft geatmet, als Wort und Gesang vernommen und mit himmlischer Wollust als Tod, unter den höchsten Schmerzen der Liebe in das Innre des verbrausenden Leibes aufgenommen wird.“ Es wird ein deutscher Heiland sein, der Europa beglücken wird. Aber: „die andern Weltteile warten auf Europas Versöhnung und Auferstehung, um sich anzuschließen und Mitbürger des Himmelreichs zu werden.“

Novalis’ „Hymnen an die Nacht“: Das einzig größere Wer, das zu Lebzeiten erschien

Da sind Wagners Tristan-Akkord, in dem himmlische Wollust und Tod verschmelzen, angeschlagen und Gesellschaft und Staat werden ausgemalt als ein alles und jeden ergreifendes poetisches Gesamtkunstwerk. Wer gefeit ist gegen den hohen Ton, der wird nicht eine Sekunde lang Novalis’ Gesang erliegen, aber er wird auch nicht begreifen, wonach viele Menschen sich sehnen und womöglich auch vieles in ihm.

Natürlich wissen wir nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, dass Verschmelzungsphantasien, ganz gleich wie wohl wir uns fühlen, wenn wir uns ihnen für ein paar Augenblicke überlassen, nicht in die Realität übersetzt werden dürfen. Dort bewirken sie eben jenen Terror, gegen den die Frühromantik sie beschwor.

Novalis’ „Hymnen an die Nacht“, das einzige größere Werk, das er zu Lebzeiten veröffentlichte, sind eine nimmermüde Beschwörung der „heiligen, unaussprechlichen, geheimnisvollen Nacht“. „Fernab liegt die Welt – in eine tiefe Gruft versenkt – wüst und einsam ist ihre Stelle. In den Saiten der Brust weht tiefe Wehmut.“ Am Tage trennt das Licht die Gegenstände voneinander und uns von ihnen. Alles erscheint clare et distincte, wie Descartes und die Wissenschaft es verlangen. Nachts aber verschwimmt alles in einander. Ist aber zugleich alles auch fremd.

Die Welt muss romantisiert werden

Novalis

Nach dem Licht hat sich die hinter ihm liegende Epoche „Aufklärung“ genannt. Novalis’ Gegenwart aber hat genug von der Entzauberung der Welt. Sie will sie wieder verzaubern. „Die Welt muss romantisiert werden,“ notiert Novalis. Wir begreifen sie sonst nicht. Novalis sagt das als Naturwissenschaftler, als erfolgreicher Bergingenieur. Er sitzt nicht zwischen verstaubten Büchern und träumt von längst vergangenen Zeiten, die er mit berückenden Worten heraufbeschwören möchte.

Er beobachtet, dass die Aufklärung den „Menschen in der Reihe der Naturwesen obenan setzte und die unendliche schöpferische Musik des Weltalls zum einförmigen Klappern einer ungeheuren Mühle machte, die vom Strom des Zufalls getrieben und auf ihm schwimmend, eine Mühle an sich, ohne Baumeister und Müller eigentlich ein echtes Perpetuum mobile, eine sich selbst mahlende Mühle sei.“ So sieht er die Natur nicht, mit der, ja in der er täglich zu tun hat. So merkt er ironisch an: „Schade, dass die Natur so wunderbar und unbegreiflich, so poetisch und unendlich blieb, allen Bemühungen sie zu modernisieren zum Trotz.“

Novalis schwebte die Versöhnung von Wissenschaft und Poesie

Ich habe noch kein Wort gesagt über den „Heinrich von Ofterdingen“, diesen berühmtesten Roman der Romantik, den er am Fuße des Kyffhäusers schrieb. Und nichts auch über Tieck und Friedrich Schlegel, die PR-Agentur, die Novalis entdeckte, und die bis über seinen Tuberkulose-Tod am 25. März 1801 hinaus seinen Ruhm mehrte. Ich habe auch keinen Platz mehr, um zu schreiben über seine Verlobung mit der zwölfjährigen Sophie von Kühn (1782-1797) und den grotesk-dantesken Kult, den er und seine PR-Agentur um sie betrieben, obwohl er im Dezember 1798 Julie von Charpentier (1778–1811) heiratete. Die Liebesverhältnisse machten bei der von den Frühromantikern angestrebten Umwälzung aller Lebensverhältnisse keine Ausnahme.

Novalis schwebte die Versöhnung von Wissenschaft und Poesie, von Aufklärung und Todessehnsucht, von Gottvertrauen und Neugierde, von Mittelalter und Moderne vor. Nicht als Versöhnung dessen, was ist, sondern als die Schaffung von etwas Neuem, in dem die alten Gegensätze versöhnt sein würden: „Also kommt auch, ihr Philanthropen und Enzyklopädisten, in die friedenstiftende Loge und empfangt den Bruderkuss, streift das graue Netz ab, schaut mit junger Liebe die Wunderherrlichkeit der Natur, der Geschichte und der Menschheit an. Zu einem Bruder will ich euch führen, der soll mit euch reden, dass euch die Herzen aufgehn und ihr eure abgestorbene geliebte Ahndung mit neuem Leibe bekleidet, wieder umfasst und erkennt, was euch vorschwebte und was der schwerfällige irdische Verstand freilich euch nicht haschen konnte. Dieser Bruder ist der Herzschlag der neuen Zeit.“ (Arno Widmann)

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