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Fjodor Michailowitsch Dostojewski auf einer Lithographie, um 1860.
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Fjodor Michailowitsch Dostojewski auf einer Lithographie, um 1860.

Russischer Schriftsteller

Zum 200. Geburtstag Dostojewskis: Es gibt Gott, und er verhindert nicht ein einziges Verbrechen

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Keine sichere Seite, keine Hilfe: Zum 200. Geburtstag des russischen Schriftstellers Dostojewski.

Frankfurt am Main – Vor 200 Jahren wurde in Moskau Fjodor Michailowitsch Dostojewski geboren. Am 8. Februar 1881 starb er in Sankt Petersburg. Seine vielbändigen Hauptwerke versammeln Hunderte von Stimmen aus allen Bereichen der russischen Gesellschaft. Die Versuche, sie am Westen zu orientieren, bekämpfte er. Er war russischer Nationalist mit immer wieder hervortretenden antisemitischen Zügen. Russland, fand er, solle zurückfinden zum Christentum.

Für Dostojewski war das die Religion nicht nur derer, die sich nach Erlösung sehnen, sondern vor allem derer, die auf sie angewiesen sind. „Verbrechen und Strafe“ trägt seinen Titel völlig zu Recht, denn er spielt an auf den 1764 erschienenen Anti-Folter-Klassiker des Mailänder Aufklärers Cesare Beccaria. Allerdings traf der Titel der alten deutschen Übersetzung „Schuld und Sühne“ wesentlich genauer, worum es Dostojewski ging.

Dostojewski hasste Geld – und die Moderne

Dostojewski hatte 1849 vor einem Erschießungskommando gestanden, wurde in letzter Minute begnadigt zu einem Sibirienaufenthalt. 1859 durfte er zurück. Er arbeitete als Schriftsteller und Journalist in Sankt Petersburg. Sehr erfolgreich. Allerdings hasste er Geld mindestens so sehr wie die Moderne. Er gab es aus und wenn er nicht mehr wusste wofür, verspielte er es. Vor den Gläubigern musste er ins Ausland fliehen.

So sorgte er immer wieder dafür, dass sein permanentes Gefühl der existenziellen Bedrohung von äußeren Begründungen unterfüttert wurde. Abgesehen davon, dass die epileptischen Anfälle, unter denen er jahrelang litt, ihn schmerzhaft darauf hinwiesen, dass er, trotz seines wachen Bewusstseins, nicht Herr seiner selbst war. Immer drängte etwas nach außen, von dem er nicht wirklich wusste, was es war. Seine Veröffentlichungen waren stets auch Irrfahrten in sein durch sie erst sich enthüllendes Selbst.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski: Gigantische Dimensionen

Die im Juni 80 Jahre alt gewordene Julia Kristeva, die im stalinistischen Bulgarien aufgewachsen war, bevor sie nach Paris kam und zu einer der bekanntesten Psychoanalytikerinnen, Literaturwissenschaftlerinnen, Philosophinnen, Schriftstellerinnen unserer Zeit wurde, schreibt in ihrem neuesten Dostojewski gewidmeten Buch: Er habe zwar keinen Impfstoff entwickelt, aber in seinen Büchern uns doch mit psychischen und kulturellen Gegengiften versorgt, auf die die Menschheit für ihr Überleben angewiesen sein wird. Das hatte Thomas Mann wohl im Auge, als er für einen „Dostojewski – mit Maßen“ eintrat. Ich werde in dieser kurzen Erinnerung an seinen Geburtstag mich daran halten. Dabei weiß jeder, dass man das Universum Dostojewski nur begreift, wenn man sich auch seine gigantischen äußeren Dimensionen vor Augen hält.

Ich möchte hier aber nur auf das berühmte Kapitel 9 der „Dämonen“ eingehen. In der Übersetzung von Swetlana Geier (1923–2010) heißt das Buch „Böse Geister“, in der von mir benutzten Ausgabe von Alexander Eliasberg „Die Teufel“. Ich kann kein Russisch und nicht einsteigen in philologische Auseinandersetzungen. Fest steht, dass die Zeitschrift „Russki westnik“ (Russischer Bote) den Abdruck des neunten Kapitels ablehnte. Die Kapitel davor und danach wurden abgedruckt. Nur dieses eine nicht.

Er schrieb, bis er nicht mehr weiter wusste

Dostojewski schrieb Fortsetzungsromane, wie damals sehr viele seiner Kolleginnen und Kollegen. Er hatte nicht den ganzen Roman vorgelegt und die Redaktion entschied über Abdruck oder Ablehnung, sondern er schrieb ein Kapitel, der Verlag druckte es. Er schrieb, bis er nicht mehr weiter wusste oder das Publikum nicht mehr wollte. So funktionieren heute Fernsehserien.

Interessant ist aber, dass, als aus dem Roman in Fortsetzungen ein Buch wurde, Dostojewski das neunte Kapitel nicht darin einfügte. Obwohl es von ihm korrigierte Druckfahnen dafür gab.

Übersetzer Eliasberg veröffentlichte 1922, ein Jahr, nachdem das Kapitel im Russischen Literaturarchiv aufgetaucht war, seine deutsche Übersetzung davon unter dem Titel „Die Beichte Stawrogins“. Sie ist heute kostenlos im Internet im „Projekt Gutenberg“ nachzulesen. Ich spreche über diese Fassung.

Sex mit einer „beinahe Zwölfjährigen“

Nikolai Wsewolodowitsch Stawrogin, ein Mann, der von schnell wechselnden Emotionen hin und her getrieben wird, aber fortwährend betont, dass er sich völlig im Griff habe, ist in ein Kloster gegangen, um, wie sich bald herausstellt, dem Bischof Tichon einen von ihm geschriebenen und im Ausland gedruckten Text zu lesen zu geben. Wenn er das getan hat, wird Stawrogin ihn in Russland drucken lassen, sagt er. Das Warum bleibt unklar. Als Tichon das erste Blatt gelesen hat, erklärt ihm „Stawrogin schnell mit einem verlegenen Lächeln“: „Dieses Blatt wird vorläufig von der Zensur zurückgehalten.“ Tichon nimmt das dritte Blatt und liest weiter.

Stawrogin erzählt, wie er dazu kam, Sex zu haben mit einer „beinahe Zwölfjährigen“. Er hatte bei „Kleinbürgern“ ein Zimmer gemietet und Gefallen an „dem Kind“ der Wirtsleute gefunden. Das erste Mal ist das der Moment, als sie „nur schweigend vor sich hin blickte“. Dabei hat sich gerade herausgestellt, dass sie das Stück Stoff nicht gestohlen hat, für dessen Diebstahl sie beschimpft und an den Haaren gezerrt worden ist. Dass sie die Ungerechtigkeit des Schicksals erträgt, dass sie zufrieden ist, ein Opfer zu sein, das gefällt Stawrogin. Als er der Mutter erzählt, ihm sei ein Federmesser abhanden gekommen, stürzt die sich sofort auf einen Besen, reißt Ruten daraus, mit denen sie auf die Tochter einschlägt. Stawrogin hat das Federmesser zwar wiedergefunden, sagt der Mutter aber nichts, „damit die Kleine ihre Ruten bekomme“.

Stawrogin erläutert, warum er das getan hat. „Mir gefiel der Rausch, den ich im schmerzvollen Bewusstsein meiner Niedrigkeit fand.“ Mit diesem Satz ist man im Kern der Frömmigkeit Dostojewskis. Der Autor ist aus seiner Figur hinaus uns ins Gesicht gesprungen. Marcel Proust schrieb einmal – ich habe vergessen, wem er es in den Mund legte -, Baudelaire sei schon schwer zu ertragen, wenn er Vergewaltigungen preise, aber bei ihm gehe er davon aus, es sei nicht ernst gemeint, „bei Dostojewski aber ... .“ Das macht die Lektüre Dostojewskis so schwer, ja unerträglich.

Das Bewusstsein des Klassenunterschieds ist mächtig

Das zweite Blatt Stawrogins also enthält eine Schilderung der Vergewaltigung des Mädchens. In Dostojewskis Buch gibt es sie nicht, aber es gibt eine Schilderung, wie Stawrogin Nähe herstellt, welche Rolle dabei spielt, dass er ein erwachsener Mann, in ihren und auch in seinen Augen ein richtiger Herr ist, dass sie gewohnt ist, mit Schlägen umzugehen, aber keine Erfahrung mit Zärtlichkeiten hat. Sie sitzt auf einem Hocker, er setzt sich neben sie auf den Boden, küsst ihre Hand, ihren Arm, ihre Füße. Sie flieht. Er folgt ihr, küsst ihr die Hände. Mit einem Mal springt sie ihm um den Hals und küsst ihn leidenschaftlich. Er zieht sie auf seinen Schoß.

Das ist Literatur, denke ich, Stawrogins von Dostojewski aufgeschriebene Literatur. Das Verbrechen, das Stawrogin begeht, muss er sich als etwas Einvernehmliches darstellen. So wie er den Diebstahl, den er bald darauf begeht, begründet damit, dass er damals wirklich kein Geld hatte. Eine großartige Szene. Stawrogin bestiehlt den Vater des Mädchens. Der beobachtet ihn, aber er traut sich nicht, den Dieb zur Rede zu stellen. Das Bewusstsein des Klassenunterschieds ist zu mächtig. Der Reiche bestiehlt den Armen, aber die Gesellschaft ist so eingerichtet, dass der sich das nicht eingestehen darf. „In der Pension“, schreibt Stawrogin, „hatten vor mir übrigens alle große Angst und einen tiefen Respekt. Später liebte ich es, ihm mit den Blicken zu begegnen, an die zwei Mal im Korridor.“ Wer hier nur eine Beschreibung Russlands in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts sieht, der senkt den eigenen Blick vor unserer Realität, in der fünf Prozent der Weltbevölkerung über mehr Mittel verfügen als die restlichen 95 Prozent.

Kaum ein Autor hat Fiktion und Autofiktion so geschickt verbunden wie Dostojewski

Aber zurück zur vergewaltigten Matrjoscha. In seinem Gespräch mit Tichon über das fehlende zweite Blatt erklärt Stawrogin: „Es ist nicht meine Schuld, dass das Mädel so dumm war und mich missverstanden hat ... Nichts ist geschehen. Gar nichts! Ich müsste es lange erklären... hier... hier... liegt einfach ein psychologisches Missverständnis vor.“ Die Täter, die sich als Opfer darstellen und wie sie es tun, ist eines der großen Themen Dostojewskis. Stawrogin beschreibt dann akribisch, wie er es schafft, Matrjoscha, die er zunächst aus Verachtung – er weiß sich ins Recht zu setzen – töten wollte, in den Selbstmord zu treiben.

Hat Dostojewski dergleichen getan? Wohl nicht. Aber kaum ein Autor hat Fiktion und Autofiktion so geschickt verbunden wie er. Sein Stawrogin verwendet viele Sätze seiner Aufzeichnungen darauf, sie so darzustellen, als könne die Polizei jederzeit ihren Wahrheitsgehalt feststellen. Die Kritik, die Dostojewski Mangel an literarischer Kunstfertigkeit vorwarf, half damit das Bild eines Autors zu schaffen, der einfach zu wahrheitsliebend war, um Literatur zu schreiben. Der Blick in die Abgründe der menschlichen Psyche, in denen konträre Empfindungen einander durchdringen, hatte Nietzsche und Freud begeistert. Bei Dostojewski ist man niemals auf der sicheren Seite. Denn, davon überzeugt er uns, es gibt keine.

Bei Dostojewski ist man niemals auf der sicheren Seite

Auch der Glaube ist es am Ende dann doch nicht. Dostojewskis „Idiot“, der Fürst Myschkin, erzählt von einem Menschen, der die Qualen der Folter „bis zum letzten Augenblick durchkostet, dem das Todesurteil verlesen worden ist und dem man dann gesagt hat: ‚Geh, Dir ist die Strafe erlassen‘. Solch einer könnte dann vielleicht erzählen, von diesen Qualen und diesem Entsetzen hat auch Christus gesprochen.“

Myschkin erzählt von seinem Autor, macht einen Christus aus ihm. Dostojewski hatte seinem Bruder aus Sibirien geschrieben: „dieses ist mein Kreuz, und ich habe es verdient.“ Diese Haltung hatte Stawrogin bei Matrjoscha beobachtet. Das reizte ihn, ihr Gewalt anzutun. Gott und Mensch sind einander zu nahe. Keiner kann des anderen Erlöser sein. Oder ist die Geschichte vom Gott, der Mensch wurde, nicht gerade das, worum es bei der Erlösung geht? Darum geht es bei Dostojewski und darum, dass Gott nicht gekommen ist, um die Guten zu erlösen, sondern um der Bösen willen. Dostojewskis Satz, in einer Welt ohne Gott sei alles erlaubt, wird immer wieder zitiert. In der Welt, die Dostojewski zeigt, gibt es einen Gott, der kein Verbrechen verhindert. Nicht ein einziges.(Arno Widmann)

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