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Tennisgitarrist Marcel Proust in Damengesellschaft, Paris 1892.
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Tennisgitarrist Marcel Proust in Damengesellschaft, Paris 1892.

„Auf der Suche ...“

Zum 150. Geburtstag von Marcel Proust: In Prousts Welt

  • Arno Widmann
    VonArno Widmann
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Die literarische Relativitätspraxis und die Frage, wie man den immer anspruchsvolleren sportlichen Wettbewerb in der Disziplin des Romanschreibens noch gewinnen kann: Zum 150. Geburtstag des Autors von „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Am 10. Juli 1871 wurde Marcel Proust im Pariser Stadtteil Auteuil in der Rue La Fontaine geboren. Sein Vater war der katholische Arzt Adrien. Seine Mutter Jeanne war ein Kind der jüdischen aus Elsaß und Metz stammenden Bankiersfamilie Weil. Im August wurde Marcel katholisch getauft. Seit 1971 heißt der Ort Illiers in der Nähe von Chartres, in dem Proust viele Monate seiner verlorenen Zeit verbrachte, Illiers-Combray. Man hat den Namen, den er in Prousts Hauptwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ trägt, hinzugefügt. „Life imitates art“ war eine der zentralen Einsichten des großen Dichters der europäischen décadence Oscar Wilde.

Als Proust geboren wurde, erschien aus Émile Zolas monumentalem Zyklus „Die Rougon Macquart“ der zweite Band „Die Beute“. Die Tageszeitung, die ihn vorabdruckte, musste damit aufhören. Die Zensur intervenierte. Der erste Roman von dem kaum weniger ambitiösen Vorhaben Prousts, „In Swanns Welt“, war 1912 fertig. Mehrere Verlagshäuser lehnten eine Veröffentlichung ab. Im November 1913 brachte Proust das Buch auf eigene Kosten heraus. Damals dachte er noch, er würde mit drei Bänden auskommen. Am Ende waren es sieben. Der letzte Band „Die wiedergefundene Zeit“ erschien 1927. Da war Marcel Proust bereits fünf Jahre tot.

„Höher, weiter, schneller“ heißt es oft, seien Kategorien des Sports. In der Literatur hätten sie nichts verloren. Ich glaube nicht, dass das richtig ist. Edmond Goncourt hatte am 27. August 1870 in seinem Tagebuch notiert, für „die Jungen“ gebe es „keinen Platz mehr, nichts mehr zu tun, keine Figur mehr zu erschaffen, zu konstruieren. Nur durch die Quantität von Bänden, durch die Schaffenskraft kann man noch zum Publikum sprechen“.

Proust lässt Swann sich fragen, ob es denn stimme, was man so oft sage, dass nämlich die Wissenschaft ständig Fortschritte mache, während die Kunst seit den Tagen Homers dieselbe geblieben sei. „Jeder neue originelle Autor scheint mir ein Fortschritt gegenüber dem, der ihm vorangegangen ist ... .” So denkt Swann, der seine schriftstellerischen Ambitionen aufgegeben hat. Der Autor Proust dagegen sieht sich in diesem Wettbewerb, in dem es darum geht, immer größer und gleichzeitig immer subtiler zu werden. Man wird in Zolas Anmerkung zu Flaubert, der es verstanden habe, die belanglosesten Äußerungen, ohne ihnen ihre Banalität zu nehmen, in Literatur zu verwandeln, Prousts Kernprogramm erkennen: Die Kunst so weit zu treiben, dass sie noch das dümmste Geschwätz von der sie durchdringenden tödlichen Langeweile befreit.

Wer sich nicht die Zeit nimmt für die Langeweile und das Geschwätz, der wird Proust nicht lesen können. Der Plot, den es gibt bei Proust, wird stundenlang unterbrochen. Der Erzähler widmet sich der Schönheit einer Wand, eines Pavillons, dem Faltenwurf einer fürstlichen Abendgarderobe und all den ausführlichst geschilderten Soireen, bei denen nichts, aber auch radikal nichts passiert. 150 Seiten für ein Abendessen bei der Duchesse de Guermantes. Und für eine Soirée bei der Prinzessin de Guermantes ein halbes Buch. Walter Benjamin schrieb 1929: „Das überlaute und über alle Begriffe hohle Geschwätz, das uns aus Prousts Romanen entgegenkommt, ist das Dröhnen, mit welchem die Gesellschaft in den Abgrund hinabstürzt.“

Wir wissen heute, dass dem nicht so war. Dieses Geschwätz gibt es noch immer oder vielleicht auch wieder. An Reiz hat es – liest man Proust – nicht verloren, obwohl ihm das utopische Moment seines sicheren Untergangs abhanden gekommen ist. Ich habe das Benjaminsche Zitat verfälscht, um es Schicht für Schicht abtragen zu können. Bei Benjamin heißt es „in den Abgrund dieser Einsamkeit hinabstürzt“. Es ist eine Anspielung auf die Meditationen des Ignatius von Loyola, diesen radikalen Versuch zur Selbstversenkung. „Auch diese hat in ihrer Mitte eine Einsamkeit, die mit der Kraft des Maelstroms die Welt in ihren Strudel hinabreißt. Und das überlaute und über alle Begriffe hohle Geschwätz ... .”

Das Geschwätz ist einerseits Ausdruck dieser Einsamkeit wie auch die die Welt vernichtende Kraft, das schwarze Loch, das alles, was ist, anzieht und vernichtet. Es sei denn, man gibt sich diesem Geschwätz wie allen anderen Belanglosigkeiten des Daseins hin, man praktiziert eine „tiefe Komplizität mit Weltlauf und Dasein“ und entreißt so Minute für Minute dem Abgrund, indem man Kunst aus ihr macht. Die Augenblick für Augenblick verloren gehende Zeit wird nicht irgendwann irgendwo wieder gefunden. Sie wird mit jeder vom Dichter beschriebenen Minute gerettet. Der Autor hält die Welt an. Je mehr dieser einzelnen Momente er festhält, je genauer er das tut, das heißt, je mehr Objektives und Subjektives verschmelzen, desto deutlicher wird, wie alles eingebettet ist in den Strom des Ganzen, wie wenig in Wahrheit das eine vom anderen getrennt werden kann. Aber man kommt dorthin nur durch die Vergegenwärtigung des Vergangenen. Aufbewahren hilft nicht. Sie rettet nicht. Sie treibt alles weiter in den Untergang.

Wer weiterkommen will bei Proust, ist verloren. Er muss sich Zeit nehmen, sich jedem Satz, jedem Wort hingeben, darf nicht warten auf das Abenteuer hinter der nächsten Ecke – das es gerade bei Proust immer wieder gibt –, sondern muss sich hineinstürzen in jeden einzelnen Satz, muss ihn Wort für Wort abschmecken. Er muss sich Zeit nehmen für jeden einzelnen seiner Töne.

„Er muss“ sage ich. Das stimmt. Aber viele müssen es nicht. Sie geben sich gerne dem sanften Geschaukel seiner mäandernden Satzgefüge hin, dösen gerne ein wenig in seinen Sätzen, begreifen, dass gespannte Aufmerksamkeit nicht alles ist, dass manches sich leichter erfasst, ohne es zu begreifen.

Der Schlaf mag der Bruder des Todes sein. Im Dämmern haben wir das Leben – lernen wir bei Proust.

Das Ungefähre ist seine Gestalt. „Clare et distincte“, wie Descartes dachte, sind schon die Dinge nicht, das Leben aber ist überhaupt nicht zu fassen, wenn man es in seine Einzelteile zerlegt. Dennoch hängt alles davon ab, dass man sich diesen zuwendet, aber nicht als etwas, das nur draußen sich abspielt. Wir müssen es begreifen als etwas, das ein Teil von uns ist, wie das da draußen ein Teil von mir ist.

Das Universum der Verschränkung nannte Benjamin das. Vielleicht wusste er von Heisenberg und sagte es darum so. Vielleicht aber lag es an der Zeit, zu deren Hauptthemen die Zeit gehörte. Zwischen 1911 und 1915 arbeitete Albert Einstein an seiner Relativitätstheorie, an dem Versuch, Raum und Zeit nicht mehr als getrennte Behälter zu denken, sondern als gemeinsames Feld, dessen Gestalt von Massen und Energie geschaffen wird. 1913 erschien der erste Band von Prousts dann anschwellendem Roman, in dem er uns zeigte, dass die Zeit abhängt von den Gegenständen, die sie berührt, von der Umwelt, in die sie gerät. Ja sogar von dem, was wir aus ihr machen.

Der zweite Satz des ersten Kapitels des siebten Bandes endet so: „Und wenn ich einen Augenblick mein Zimmer verließ, bemerkte ich am Ende des Flurs, da er in die entgegengesetzte Richtung führte, gleich einem scharlachroten Band die Wandbespannung eines kleinen Salons, die nur aus einfachem, aber rotem Mousselin bestand und bereit war, sich zu entzünden, sobald ein Sonnenstrahl sie treffen würde.“ (Übersetzung: Bernd-Jürgen Fischer)

Von solchen Stellen lasse ich mich wiederum entzünden. Das hängt natürlich mit der Raffinesse zusammen, mit der Marcel Proust den Brennstoff in den vorangehenden Sätzen verteilt. Natürlich gehört es sich nicht, ihn zu den großen Brandstiftern des 20. Jahrhunderts zu zählen, aber auf das plötzliche Entflammen seiner Leserinnen und Leser, auf dieses Aufschrecken aus einer dösenden Lektüre verstand er sich wie kaum ein anderer. Langeweile und Schock gehen bei ihm zusammen wie bei keinem anderen.

Man darf seinen Witz nicht vergessen, seine Lust am Sarkasmus, die Brillanz, mit der er das Leben seiner Protagonisten nicht nur beschreibt, sondern auch enthüllt. Er wollte seine Vorgänger – Balzac, Flaubert, Zola, Goncourt – übertrumpfen. Und er tat es. Nicht indem er mehr, sondern indem er weniger beschrieb. „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist kein Zyklus. Es ist ein Roman, geschrieben von einem Erzähler. Nicht die Welt ist seine Bühne, sondern er macht seine Bühne – ein paar Salons, einige wenige immer wiederkehrende Orte – zur Welt.

Ein Einzelner kann die Welt retten.

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