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Leo Trepp, 2006 in Mainz.

Leo Trepp

Bis zuletzt unorthodox

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Leo Trepp war jahrzehntelang „der letzte Rabbiner“. Warum, erzählt seine Frau in ihrer Biografie über den Reformgelehrten.

Es war vier Uhr in der Früh, als sie sich im Konzentrationslager Sachsenhausen auf dem Appellplatz versammeln mussten. Eine der vielen sinnlosen Schikanen, mit denen die Nazi-Schergen die inhaftierten Juden bis zum Zerbrechen erniedrigten. „Ihr seid der Abschaum der Menschheit“, schrie der Kommandant von seinem Balkon auf die im Regen stehenden Juden herab. „Was immer meine Männer mit euch tun, sie haben das Recht dazu. Sie können jeden einzelnen von euch erschießen, ohne dass ihnen etwas geschieht.“ Unter denen, die der todbringenden Willkür machtlos ausgesetzt waren, stand auch der damals junge Rabbiner Leo Trepp. Er machte sich in diesem Augenblick keine Hoffnung: „Ich war mir sicher, dass er den Befehl geben würde zu schießen. Das war das Ende.“

Der letzte Rabbiner. Das unorthodoxe Leben des Leo Trepp. Wbg, Darmstadt 2018. 284 S., 39,95 Euro.

Das war es nicht. Jahrzehnte später begann der gebürtige Mainzer, Jahrgang 1913, sein Leben biografisch niederzuschreiben. Er hält auch fest, wie ausgerechnet der Moment des scheinbaren Todes in der Hölle von Sachsenhausen sein tiefstes Gotteserlebnis wurde. Weil er überlebt hat. Nie wieder, schreibt er, habe er so stark „die göttliche Gegenwart in einer persönlichen Erfahrung“ gespürt, „an einem Ort, wo man sie am wenigsten erwartet“. Und das in fast einem Jahrhundert Lebenszeit, womit Leo Trepp jahrzehntelang der einzige noch lebende, deutsche Landesrabbiner aus der Nazi-Zeit war. 2010 ist er gestorben, der „letzte Rabbiner“, wie seine Frau Gunda Trepp die von ihr herausgegebene Biografie Leo Trepps genannt hat.

Akribisch hat sie die unfertig gebliebenen Lebenserinnerungen ihres Mannes ausgewertet und eine Auswahl um umfangreiche zeitgeschichtliche Einordnungen erweitert. Ihre Zeilen tragen die Handschrift der Bewunderung und Hochachtung für das Lebenswerk des Beschriebenen, zugleich bleiben sie ohne Sentimentalität.

Was Leo Trepps Frau schreibt, wird vielmehr zum Schlüssel für das Verständnis dieses so ungewöhnlichen Rabbiners, aufgewachsen in einer orthodoxen Familie, aus der sein Bruder Gustav als der streng religiöse, später nach Israel emigrierte Spross hervorgeht. Leo Trepp hingegen wird – obwohl am orthodoxen Rabbinerseminar in Berlin ausgebildet, faszinierenderweise oder überraschenderweise, wie seine Frau kommentiert – zum liberalen Vordenker eines weltzugewandten Judentums. Auch und gerade in Deutschland, auch und gerade in einem Deutschland, in dem sich der „Virus“ ausbreitete – wie Leo Trepp den Antisemitismus der Nazis einmal rückblickend im Mainzer Landtag nannte. „Leo Trepp ist Rabbiner geworden, weil er deutscher Rabbiner sein will“, schreibt Gunda Trepp, „weil er das deutsche Judentum beeinflussen, es mitprägen, ihm eine Richtung mitvorgeben will“.

Parallel zu seiner Rabbinerausbildung promoviert er 1935 als letzter jüdischer Student bei dem Philosophen Adalbert Hämel an der Universität Würzburg. Als er 1936 mit Anfang 20 die jüdische Gemeinde in Oldenburg übernahm, glaubte er lange nicht daran, dass die Nazis zum Äußersten gehen würden. „Wir Juden werden sicherlich Nachteile haben“, sagte er im Jahr der Machtergreifung, „doch die Verfassung können sie ja nicht ändern“. Ein Trugschluss, wie Trepp am eigenen Leib erfährt, als sechs SS-Männer im Herbst 1938 an seiner Oldenburger Wohnung klingeln und ihn kurz darauf in einem Sonderzug nach Sachsenhausen bringen. Bis ins hohe Alter, erzählt seine Frau, sei er unruhig geworden, wenn das Telefon klingelte oder jemand vor der Tür stand, der seinen Besuch nicht angemeldet hatte.

„Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen? Warum verachten wir einander?“ Den Spruch des Propheten Malachi aus dem Alten Testament, das man aus Trepps Sicht kirchenoffiziell lieber „hebräische Bibel“ nennen sollte, wählte er, als er in den sechziger Jahren nach einer geeigneten Inschrift für einen Gedenkstein an der zerstörten Oldenburger Synagoge gefragt wurde. Jener Synagoge, deren Brand der Rabbiner einst nur am Telefon hatte mitverfolgen können, weil ihn die Nazis sonst der Brandstiftung beschuldigt hätten.

Die Wahl des Prophetenspruchs ist zugleich ein prophetischer Fingerzeig des „letzten Rabbiners“, der sich noch in der amerikanischen Emigration für den interreligiösen Dialog eingesetzt hatte. Trepp ging nach dem Krieg in die USA und wurde als Professor für Philosophie und Geisteswissenschaften an das Napa College in Kalifornien berufen. Außerdem wirkte er als Rabbiner in verschiedenen Gemeinden.

Später übersiedelte er wieder nach Deutschland, seit 1983 lehrte er Judaistik im Fachbereich Evangelische Theologie an der Universität Mainz, von der er 1988 zum Honorarprofessor ernannt wurde. Auch hier wurde er nicht müde, zwischen den Religionen zu vermitteln. Und es ist nicht nur ihr gemeinsamer „Vater“, an den Trepp anknüpfte. Ausgerechnet Juden und Muslime seien im Westen in demselben Boot, beide in der Diaspora fernab von den Ländern, in denen über den Kurs ihrer Religion entschieden werde.

Trepp zufolge sollen und müssen sie „ein Gegengewicht zur strikten Lehre der Geistlichen in den Heimatländern bilden“. Nur so sei Israel trotz der strikten Rabbinatspolitik zu einer modernen Gesellschaft geworden. Kein Wunder, dass er stets ein Unbehagen hatte gegen jene jüdischen Zeitgenossen, die auf die israelische Orthodoxie horchten, „als säße in Israel ein jüdischer Vatikan“. Dieser Graben trennt ihn bis zuletzt von seinem Bruder Gustav, der nicht verstehen kann, „dass Leo sein Judentum weitergedacht hatte“, schreibt seine Frau, „dass er nun öffentlich die Meinung vertrat, das Judentum müsse sich weiterentwickeln, um für die Juden relevant zu bleiben“. Nicht von ungefähr nennt es Gunda Trepp im Untertitel ihrer Biografie ein „unorthodoxes Leben“, das ihr Mann geführt habe.

Religion sei für ihren Mann eben nicht mehr und nicht weniger als das gewesen, „was die Gläubigen draus machen“. Und zu Lebzeiten des Gelehrten hätten sie „bei Weitem nicht genug daraus gemacht, um in der modernen Welt bestehen zu können“. Kaum anzunehmen, dass der „letzte Rabbiner“ heute zu einer anderen Einschätzung kommen würde. Umso wertvoller, dass Gunda Trepp das intellektuelle Vermächtnis ihres Mannes nun für die Nachwelt erschlossen hat.

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