Zukunftspläne noch und nöcher

Katajun Amirpur über Schirin Ebadi und die Paradoxien der religiösen Autokratie in Iran

Von CHARLOTTE WIEDEMANN

Die westliche Palette hält nicht sehr viele Farben bereit, wenn es gilt, das Bild der Frau im Islam zu malen. Die Muslimin ist unterdrückt, ein wehrloses Opfer, huscht verhüllt um Straßenecken. Ist sie nicht unterdrückt, dann ist sie verwestlicht, säkularisiert, also fast so wie wir.

Zu den Verhuschten gehört Schirin Ebadi ganz offensichtlich nicht. Westlicher Umarmung hat sich die Friedensnobelpreisträgerin ebenfalls entzogen, zuletzt mit ihrer prononcierten Rede in Oslo. Es scheint also doch eine vielfarbigere islamische Frauenwelt da draußen zu geben; die persische Anwältin hat für einen Moment den Vorhang geöffnet - und die Kölner Iranistin Katajun Amirpur hat schnell ein Buch hinterhergeschoben, damit sich der Vorhang nicht gleich wieder schließt.

Westliche Umarmung verweigern

Ihr Buch Gott ist mit den Furchtlosen ist ein Plädoyer gegen Klischees. Es erzählt von Ebadi, von der iranischen Reformbewegung und vor allem von der Bedeutung der Frauen im politischen Umbruch. Bereits der Buchtitel signalisiert: Religion spielt auch bei der Opposition gegen die Theokratie eine Rolle. Der Kampf um die Zukunft des Iran ist nicht zuletzt ein Kampf um das Gesicht des Islam, selbst Feministinnen argumentieren mit dem Koran. Das ist schwieriges Gelände, zumal für ein hiesiges Publikum, das einer Ebadi als tapferer Frau applaudiert, aber auf Fremd-Religiöses zunehmend allergisch reagiert.

Schon die Vita dieser mutigen Juristin ist widersprüchlicher als zunächst gedacht. Kaum 23, wird sie die erste Richterin des Iran, ein paar Jahre später gar die Präsidentin der Richtervereinigung. Erst jetzt heiratet sie - und natürlich sucht sie sich den Mann, einen Bauingenieur, selbst aus. Voilà, so emanzipiert kann eine Muslimin leben. Aber Vorsicht! Im nächsten Bild sehen wir die Heldin auf den Barrikaden: Sie hilft, jenes Regime zu stürzen, das ihr die glänzende Karriere ermöglichte.

Wie viele gebildete Iranerinnen unterstützte Ebadi 1978/79 die Revolution gegen den Schah - und verhalf damit jenen Ayatollahs zur Macht, die sie bald aus dem Richteramt jagen würden. Frauenrechte, Menschenrechte, Antiimperialismus, es ging nicht zusammen. Persiens despotischer Kaiser hatte den Iran zwangsverwestlicht (wozu übrigens ein Kopftuch-Verbot gehörte). Die Allgegenwart eines folternden Geheimdienstes verzieh der Westen seinem treuen Statthalter gern. Jimmy Carter nannte den Schah "unseren Mann am Golf"; derselbe Carter bekam vergangenes Jahr den Friedensnobelpreis. Die Preisträgerin diesen Jahres konnte hingegen damals die politische Unfreiheit unter dem Schah nicht mehr ertragen, sie setzte ihre Hoffnung auf eine soziale und religiöse Bewegung, die für eine historische Sekunde Freiheit und Unabhängigkeit zu versprechen schien.

Wie irrig diese Hoffnung war, ist bekannt; die Frauen verloren viele zivile Rechte. Und doch war die Lage der Iranerinnen nie etwa jener der Afghaninnen unter den Taliban vergleichbar; sie wurden weder aus der Erwerbstätigkeit noch aus dem Bildungswesen vertrieben. Eine Frauenbewegung, die mit islamischen Argumenten Gleichberechtigung einforderte, entstand bereits kurz nach dem Machtantritt Ayatollah Chomeinis; sie erstarkte seit Mitte der neunziger Jahre.

Kürzlich wurden in Berlin Videofilme aus dem Iran gezeigt; eine Filmemacherin hatte ihre frühere Schule besucht, die Schülerinnen von heute befragt. Erstaunlich: Die jungen Mädchen im uniformen schwarzen Tschador verstecken den Taschenspiegel im Ärmel, müssen ihre Finger auf verbotenen Nagellack kontrollieren lassen, aber sie reden ebenso selbstbewusst, so ehrgeizig oder träumerisch über ihre Zukunftspläne wie es ihre Altersgenossinnen im Westen tun würden.

Anscheinend ist es unter der Herrschaft der Rechtsgelehrten nicht gelungen, die Frauen von ihrer eigenen Minderwertigkeit zu überzeugen. Im Gegenteil: Die patriarchale Auslegung des Islam hat dazu beigetragen, dass sich viele Frauen ihrer Rechte und Forderungen bewusst wurden. Das sind die Paradoxien einer religiösen Autokratie.

Und auch dies gehört ins scheckige Bild: Manches hat sich für die Frauen in der Islamischen Republik sogar verbessert. Amirpur bilanziert, vielleicht ein wenig zu triumphal: "Gegen alle Vorurteile ist festzuhalten: Auch mit Kopftuch stellen iranische Frauen heute ein Drittel aller Arbeitskräfte im Land." Sie werden Abgeordnete, Ärztin, Journalistin, Bürgermeisterin, Polizistin, sie steuern Taxis und Busse. An den Universitäten sind 60 Prozent der Studienanfänger weiblich, jeden dritten Doktorgrad hält eine Frau. 300 Verlagshäuser werden von Frauen geführt; "in iranischen Literaturzeitschriften finden sich mehr Namen von Autorinnen als in deutschen". Der beliebteste Frauensport ist Karate, bei der nationalen Karatevereinigung sind eine Million Iranerinnen eingeschrieben.

Von Ärztinnen und Taxifahrerinnen

Was folgt daraus? Werden die Frauen wirklich, wie Amirpur auf ihren Reisen oft gehört hat, das Ende der Islamischen Republik beschließen? Chatami, der Reformpräsident, der vor allem mit den Stimmen der Frauen zwei Mal gewählt wurde, ist gescheitert. Aus Enttäuschung über das Versagen der Reformbewegung von oben werden viele Iraner bei den Parlamentswahlen im Februar zu Hause bleiben; die Lage ist desolat. Amirpurs Prognose ist dennoch zuversichtlich, wenngleich nur auf lange Sicht: Die Reformkräfte würden gewinnen, weil dem theokratischen Staatsmodell die Gesellschaft abhanden gekommen sei. Das gilt, in blanken Zahlen, für die Jungen, die mit den Füssen abstimmen: 200 000 gut Ausgebildete verließen im Jahr 2002 das Land. Und es gilt ideologisch: Die Zentren schiitischer Volksfrömmigkeit, wo der Chomeinismus einst starken Rückhalt hatte, haben sich abgewandt, die Kleinstädte, der traditionelle Mittelstand, die armen Quartiere der Großstädte. Immer mehr Kritiker der konservativen Geistlichkeit kommen von innen, aus dem eigenen System. Und in der ersten Reihe islamischer Feministinnen stehen die Töchter hoher Geistlicher, theologisch bestens gebildet.

Unislamisch oder zu religiös?

Katajun Amirpur gehörte zu den wenigen in Deutschland, die den Namen Ebadi kannten, als das Nobelpreiskomitee im Oktober 2003 seine Entscheidung bekannt gab. Doch das vorliegende Büchlein hat alle Schwächen des hastig Geschriebenen, kaum Lektorierten - ein etwas atemloser Bericht aus einer Werkstatt des gesellschaftlichen Umbruchs. Was aber bewirkt der Nobelpreis an eine Frau, die zuvor im eigenen Land zwar bekannt, aber nicht berühmt war? Wird sie nun, wie die Autorin hofft, zur "bitter benötigten Symbolfigur" einer Reformbewegung von unten, die den gescheiterten Reformpräsidenten Chatami hinter sich lässt?

Selbst für das Präsidentenamt zu kandidieren, das wäre 2005, hat Ebadi abgelehnt; dass die Frage erörtert wird, zeigt bereits: Der Nobelpreis kann auch eine Last sein. Zumal unter einem Regime, das allein die Vergabe des Preises als westliche Einmischung betrachtet. Die Burmesin Aung San Suu Kyi hat diese Erfahrung gemacht; sie wurde 1991 über Nacht weltberühmt, ausgezeichnet für ihren Widerstand gegen die Militärdiktatur. Die Frau mit der Blume im Haar erstarrte zur Ikone; im Land bewegte sich nichts, die Generäle regieren immer noch. Die Verhältnisse im Iran sind völlig anders, doch auch Schirin Ebadi muss nun jedes Wort abwägen, gerät leicht zwischen alle Stühle: Die konservativen Geistlichen rügen sie als unislamisch, für die Ohren mancher Oppositioneller klingt die Juristin bereits zu religiös.

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