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„Der Mensch, den du siehst, existiert nicht, weil du ihn siehst, sondern weil er es ist, der dich anschaut.“
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„Der Mensch, den du siehst, existiert nicht, weil du ihn siehst, sondern weil er es ist, der dich anschaut.“

„Die grünen Kinder“

Zukunft voller alter Geheimnisse

  • vonJan Opielka
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Olga Tokarczuks „Bizarre Geschichten“ zeigen Lebenswelten, die einmal sein könnten – und solche, wie sie lieber nicht sein sollten.

Mit einem Erdbeben beginnen und dann ganz langsam steigern“ – ein altes Bonmot aus der Filmbranche, und doch, als künstlerisches Vehikel, vielseitig verwendbar. Auch Olga Tokarczuk mag in ihrem jetzt auf Deutsch erschienenen Erzählband „Die grünen Kinder. Bizarre Geschichten“ an dies dramaturgische Instrument angedockt haben. Denn schon mit der ersten der zehn Kurzerzählungen, auf nur vier Seiten gebannt, stößt die 58-jährige Literaturnobelpreisträgerin aus Polen ein delikates inneres Beben an, das viele Leserinnen und Leser auch bei den folgenden Geschichten kaum verlassen dürfte. Da erzählt der „Passagier“ von mächtigen Schattenfiguren und Ängsten aus Kindertagen, die Jahrzehnte lang unbemerkt im Stand-by-Modus überdauern können, doch letztlich in der Katharsis münden, und in dem Satz: „Der Mensch, den du siehst, existiert nicht, weil du ihn siehst, sondern weil er es ist, der dich anschaut.“

Der Gedanke ist auch den folgenden neun Erzählungen eingeprägt, die einen Hauch von magischem Realismus verströmen. Geschichten von Menschen sind es, die Unglaubliches und Surreales entdecken, erleben, erfahren. Wie in der „Wahren Geschichte“, in der ein etwas schrulliger Professor der einzige ist, der eine schwer gestürzte, obdachlose Frau retten will. Doch unversehens wird er selbst, durch eigene kleine Fehlentscheidungen und gnadenlose gesellschaftliche Gleichgültigkeit, als Täter gebrandmarkt. Eine absurde Lebenswendung nimmt ihren fatalen Lauf, die umso kontrastreicher und tragischer wirkt, als er kurz zuvor einen kurzen, erhabenen Augenblick empfand, „zu dem man sagen möchte ... Nur die größten Dichter wussten ihn wiederzugeben, nur die Genies unter den Malern fanden die Farben dafür. Der Professor konnte es nicht, er war lediglich ein gewöhnlicher, wenn auch anständiger und durchaus gebildeter Mensch; er konnte diesen Augenblick nur spüren, eintauchen und versinken in dem allumfassenden Vertrauen, das alle Vorstellungskraft übersteigt.“

In der Erzählung „Die grünen Kinder“ indes, die dem Band ihren Titel gab, greift Tokarczuk bereits auf jenen Begriff vor, den sie seit Kurzem nachhaltig in der öffentlichen Debatte zu verankern sucht: „Ex-Zentrum“. Ein Denken von den Rändern des Zentrums her sei dies, von der geistigen, aber auch geographischen und zivilisatorischen Peripherie her. „Die Welt“, sagt der Ich-Erzähler, „ist aus Kreisen aufgebaut, die sich um einen bestimmten Ort herum fügen. (...) Mit einem Zirkel könnte man Kreise um die Mitte schlagen, und je näher man sich zu dieser Mitte befindet, desto wirklicher erscheint einem alles, desto leichter fassbar, und je weiter man sich entfernt, desto brüchiger scheint die Welt zu werden, gleich einem moderfeuchten Leinen, das zerfällt.“ Dieses Leinen ist das Wolhynien des Jahres 1656, seinerzeit in Ostpolen und heute in der Ukraine gelegen. Eine phantastische Geschichte, in der Tokarczuk eine unzivilisierte, mit sich und der Natur in Einklang lebende Gemeinschaft skizziert. Und zugleich kleine, subtile Wahrheiten andeutet, für deren vollständige Dechiffrierung Sprache allein nicht reicht, „prägen uns doch die Ränder der Welt für immer eine rätselhafte Ohnmacht auf“.

Geschichten ohne Abschluss sind es, mit beunruhigenden, aber auch offenen Enden, die zeigen, dass das menschliche Schicksal kein Fatum ist – und Hoffnung keimt, wo man sie kaum vermutet. So auch in der Geschichte „Berg aller Heiligen“, die in der Schweiz spielt. Eine todkranke polnische Psychologin wird beauftragt, Jugendliche, allesamt Adoptivkinder, ihrem weltweit bekannten Charakter-Test zu unterziehen. Doch die Ziele des auftraggebenden Instituts bleiben nebulös. Die Psychologin kommt in einem Frauenkloster unter, in dem sieben alte Nonnen ihrerseits ein Geheimnis hüten – ein „heiliges“. Die Erzählung ist in ihrem Schlussakkord mysteriös und mystisch zugleich: von eineiigen Zwillingen ist die Rede, vom Klonen, von Reinkarnation.

Vielleicht knüpfte die Autorin durch die Wahl des Schweizer Ortes an Friedrich Nietzsche an, der in Sils Maria einst Wiederkehrendes fand, oder an den „Zauberberg“ Thomas Manns, den Tokarczuk alle paar Jahre immer wieder neu liest, oder auch an C. G. Jung, der für die ausgebildete Psychologin ein „privater Meister“ ist. Wie auch immer: der „Berg aller Heiligen“ bildet neben der das Buch schließenden Erzählung „Kalender der menschlichen Feste“ zweifellos einen Gipfelpunkt.

Buchinfo

Olga Tokarczuk: Die grünen Kinder. Bizarre Geschichten. A. d. Poln. v. Lothar Quinkenstein. Kampa. 240 S., 22 Euro.

Das Besondere an dem Band ist der filigrane Balanceakt, Tokarczuks behutsames Beschreiten einer schmal gespannten Linie, von der aus sie Realismus und Phantastik, Absurdes und Tragisches trennt – und verbindet. Die Sprache ist hier, auch in der feinfühligen Übertragung Lothar Quinkensteins, klar, zugleich voller subtiler Metaphern. Beim Lesen schwankt man dennoch immer wieder: Ist das zum Lachen, zum Weinen – oder einfach verstörend, geheimnisvoll?

Es sei kein Zufall, sagte die Autorin nach der Veröffentlichung der Erzählungen, dass die „Grünen Kinder“ direkt nach den „Jakobsbüchern“ (2015) entstanden seien. Denn die sechsjährige Arbeit an jenem Fakten-getränkten Großwerk sei für sie überaus erschöpfend gewesen. Daher entschloss sie sich bei den „bizarren Erzählungen“ für das Gegenteil: „Jegliche Bremsen zu lösen und alles zu schreiben, was mir in den Kopf kam – wohlwissend, dass dabei Sonderbares, Traumartiges, Groteskes herauskommen könnte“. Und nicht nur das – durch etliche Zeilen schimmert immer wieder zart Metaphysik hindurch. Mit Kausalität allein kann und will die Welt nicht erklärt werden, scheint Tokarczuk sagen zu wollen, zumal, wie es im „Transfugium“ heißt, Ursachen „mit dem Staub vergleichbar“ seien: „Als einzelne Teilchen sind sie nicht zu bemerken, erst in bestimmter Konzentration formt sich die Wolke einer Zwangsläufigkeit“.

Und dennoch: die auf Polnisch bereits 2018 veröffentlichten Geschichten wirken aus der Perspektive des Jahres 2020 etwas entrückt gegenüber Tokarczuks aktuellem Wirken – und zu ihrem Widerstand gegen den Rechtsruck in Polen. So lehnte sie im September dieses Jahres die Annahme der Ehrenbürgerschaft in ihrer schlesischen Heimatregion ab, weil zugleich ein Bischof geehrt werden sollte, der sich gegen Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transsexuelle wendet. Auch unterstützt sie die Proteste gegen die Verschärfung der Abtreibungsgesetze in Polen, denn: „Dies ist die nächste Runde des Krieges, den das Patriarchat seit Jahrhunderten gegen Frauen führt, diesmal unter dem Vorwand des Schutzes des Lebens. Ab heute sind wir alle Kriegerinnen“, schrieb sie im Oktober. Und exakt ein Jahr nach Erhalt des Nobelpreises hat sie mithilfe ihrer Stiftung und gemeinsam mit anderen Intellektuellen ein literarisch-publizistisches Projekt initiiert – unter dem Motto der erwähnten „Ex-Zentrizität“.

Dies ist auch Thema in dem Mitte November auf Polnisch erschienenen Essay-Band „Der einfühlsame Erzähler“, in dem Tokarczuk das Potenzial von Literatur auslotet. „Eine schwere Krankheit der Wortwörtlichkeit zehrt an uns“, schreibt sie in einem der Essays. Symptome seien „die mangelnde Fähigkeit, Metaphern zu verstehen, dann die Verarmung des Sinns für Humor“ und die „Nichttolerierung des Mehrdeutigen“.

Natürliches Mittel gegen diese Krankheit sind aus Tokarczuks Feder, für ein deutschsprachiges Publikum, bis auf Weiteres auch die lesenswerten, in die Grundfarbe der Natur getränkten „Grünen Kinder“.

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