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Ralf Bönt liest 2009 in Klagenfurt.

Buckkritik

Die Zukunft ist pures Glück

Auffällige Parallelen zu Daniel Kehlmanns Erfolgsroman? Ralf Bönt erzählt in "Die Entdeckung des Lichts" die Lebensgeschichte des Physikers Michael Faraday. Von Christoph Schröder

Von Christoph Schröder

Man kann nicht über Ralf Bönts neuen Roman sprechen, ohne über Daniel Kehlmanns Bestseller "Die Vermessung der Welt" zu reden - schon der Schutzumschlag legt den Vergleich nahe; der Titel "Die Entdeckung des Lichts" ohnehin; und auch Bönt literarisiert die Biografie eines herausragenden Wissenschaftlers des 19. Jahrhunderts, in seinem Fall geht es um den 1791 geborenen Engländer Michael Faraday. Bönt, ein studierter Physiker, versichert glaubhaft, schon vor dem Erscheinen der "Vermessung der Welt" an dem Projekt gearbeitet zu haben. Und ausgerechnet Kehlmann war einer der ersten (frenetischen) Rezensenten von Bönts Roman.

Kehlmanns Buch aber ist ein so glänzender wie lehrreicher Unterhaltungsroman, der mit Hilfe der historischen Distanz ironische Doppelbödigkeit erzeugt. Die fehlt bei Bönt, der stets eng bei seinem Protagonisten bleibt. Das ist die Hauptschwäche der "Entdeckung des Lichts": Es ist ein Text, der keine Sprache für seinen Gegenstand, aber auch nicht aus ihm heraus findet. Brav und chronologisch werden die Lebensstationen Michael Faradays, Entdecker der elektromagnetischen Rotation, aufgezählt und in den historischen Kontext gesetzt.

Der Sohn eines Hufschmieds aus ärmsten Verhältnissen besucht Vorlesungen und arbeitet sich in die Royal Society hinein. Dahinter müsste doch Leidenschaft stecken, Forschergeist, vielleicht Obsession.

All das gibt es auch bei Bönt, zumindest blitzt in Ansätzen der Zusammenhang zwischen Fortschritt und moralischer Schulung, zwischen Wissenschaft, Ethik und Hybris auf: "Welches intellektuelle Wesen", ruft Faraday bei einem Vortrag den Zuhörern zu, "lässt sich denn aufhalten? Jeder neue Gedanke, jede Einsicht ist genug Lohn für die Anstrengung des Weges, und die Zukunft (...) ist pures Glück." Wäre der Roman sprachlich von diesem Drang, vom Denken des 19. Jahrhunderts befeuert, wüsste man, wohin er wollte. Bönt aber bedient sich eines mal referierenden, mal dozierenden Plaudertons, der sich Ausfälle allenfalls in vermeintlich bedeutsames physikalisches Wortgeklingel oder in die Umgangssprache leistet ("Nach dem Essen ging Faraday, was total unüblich war, spazieren."). Die Poetisierung seines Materials, der Brückenschlag zwischen Naturwissenschaften und Literatur will nicht recht gelingen. Was möglicherweise auch an Michael Faraday selbst liegt, dem, nach einer Quecksilbervergiftungdie Kräfte und das Gedächtnis zusehends schwinden.

Ein Sprung durch Zeit und Raum bringt uns nach München, wo die Gebrüder Einstein 1889 das Oktoberfest elektrifizieren, während der kleine Albert Einstein eine erste Ahnung von den Dimensionen der Faradayschen Entdeckungen zu haben glaubt. Unvermittelt steht dieser Teil, auch noch "Die Löschung des Himmels" (Kehlmann winkt erneut) überschrieben, am Ende des Textes. Die Erzählstimme bekommt hier ab und an eine Dynamik und Variabilität, die dem Roman zuvor fehlte. Das ändert nichts am Gesamteindruck: Viel Schatten, wenig Licht.

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