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Quo vadis, Rom? Herfried Münkler rekonstruiert in seinem neuen Buch die Logik imperialer Politik mit aller gebotenen Akribie und Nüchternheit - das Ergebnis ist verblüffend.
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Quo vadis, Rom? Herfried Münkler rekonstruiert in seinem neuen Buch die Logik imperialer Politik mit aller gebotenen Akribie und Nüchternheit - das Ergebnis ist verblüffend.

Die Zukunft des Imperiums

In Herfried Münklers jüngstem Buch erscheint der Traum von einer Welt ohne imperialen Akteur als Albtraum

Von SASCHA MICHEL

Für avantgardistische Kerneuropäer gehört der Begriff des Imperiums zu den Unworten des vergangenen Jahrhunderts. Zu Recht haben etwa Jürgen Habermas und Jacques Derrida nach dem Irak-Krieg daran erinnert, dass für die großen europäischen Nationen gerade die Erfahrung des blutigen Verlusts von imperialer Macht konstitutiv ist. Imperium, das klingt diesseits des Atlantiks vor allem nach sinnlosem Krieg und Massenmord, und angesichts der Ruinen untergegangener Kolonialreiche haben auch noch so gut gemeinte Modernisierungsprojekte längst ihre Unschuld verloren.

Der zunächst irritierende, sich bei weiterer Lektüre aber als höchst produktiv erweisende Ausgangspunkt von Herfried Münklers Imperien-Buch liegt darin, dass es aus dieser spezifisch europäischen Erfahrung keine universalistische Position ableitet, für die allein "eine globale Ordnung gleichberechtigter Staaten ohne imperialen Akteur das Wünschens- und Erstrebenswerte ist".

Imperiales Agieren, so seine zentrale Prämisse, sollte "nicht von vornherein als schlecht und verwerflich wahrgenommen" werden; vielmehr stellt es für Münkler eine ernst zu nehmende "Form von Problembearbeitung neben der des Staates und anderer Organisationsformen des Politischen" dar.

Die ordnungspolitischen Funktionen

Dass diese Form der Problembearbeitung so manches Problem überhaupt erst erzeugt, weiß natürlich auch Münkler, der sich insbesondere über die Grausamkeit imperialer und antiimperialer Kriegsführung keinerlei Illusionen macht. Wenn Münkler bei aller Skepsis gegenüber Imperien dennoch nicht auf die Kantsche Hoffnung supranationaler Kooperationsformen setzt, hat das schlicht mit den Problemen zu tun, die derzeit die internationale Politik bestimmen. Angesichts nämlich der terroristischen Bedrohung, eines allenthalben zu beobachtenden Staatenzerfalls oder der unkontrollierbaren Proliferation von Massenvernichtungswaffen erfüllt eine imperiale Vormacht in einer unipolaren Weltgemeinschaft wichtige ordnungspolitische Funktionen. Mehr noch: Aus Münklers Sicht verstehen die Europäer weder sich selbst noch die Rolle der USA, wenn sie die Chancen und Schattenseiten dessen verkennen, was er die "Logik der Weltherrschaft" nennt.

Das Brillante an Münklers Buch besteht darin, dass es die Logik imperialer Politik mit aller gebotenen Akribie und Nüchternheit rekonstruiert und aus dieser historisch gesättigten Rekonstruktionsarbeit zugleich die Funken für eine der erhellendsten Gegenwartsanalysen schlägt, die man zurzeit lesen kann. Die aktuellen Irritationen gegenüber den USA sind für ihn zum Beispiel nur dadurch zu erklären, dass die USA eben nicht als Imperium mit eigener Logik, sondern als normaler Staat verstanden werden. Im Unterschied aber zu normalen Staaten hat ein Imperium keine scharfen Grenzen nach außen; es strebt nicht als primus inter pares nach zwischenstaatlicher Hegemonie, sondern weist eine klare Asymmetrie zwischen Zentrum und Peripherie auf; darüber hinaus zeichnet es sich durch seine räumliche Ausdehnung und den interventionistischen Anspruch auf "Weltherrschaft" aus, wobei "Welt" eine historisch variable Größe ist, wenn man die USA mit dem Römischen Imperium vergleicht.

Missionarischer Charakter

Zur Logik jedes Imperiums gehört vor allem sein missionarischer Charakter. Das geradezu heilsgeschichtliche Ausmaß imperialer Missionen ist einer der Gründe dafür, warum es so ein Imperium nicht lassen kann, sich selbst als Inbegriff der Zivilisation überhaupt und alles andere als "barbarisch" zu inszenieren. So gesehen ist George W. Bush kein durchgeknallter Eiferer, sondern er folgt einer uralten Logik, wenn er von der "Achse des Bösen" spricht.

Münkler kritisiert diese "imperiale Dämonologie" nicht als ideologischen Schein, hinter dem sich klare ökonomische Interessen verbergen. Vielmehr sieht er im Missionszwang eine Art Autosuggestion der politischen Eliten, die keinem Kosten-Nutzen-Kalkül gehorchen muss und die vor allem deshalb problematisch ist, weil sie in Konflikt geraten kann mit den Selbsterhaltungsimperativen des Imperiums, und das heißt auch: mit der für die "Welt" insgesamt nützlichen imperialen Ordnungsräson.

Bei seinen zahlreichen historischen Exkursen, etwa zum Untergang des Steppenimperiums von Dschingis Khan, geht es Münkler immer wieder um diese Ordnungsräson. Was ihn interessiert, sind nicht kurzfristige Eroberungsgewinne oder das imperialismuskritisch beschworene Ende der Weltherrschaft, sondern, ausgehend von einem zyklischen Geschichtsmodell, die dauerhafte Konsolidierung von Imperien. Um diese Konsolidierung zu beschreiben, greift Münkler auf Michael Doyles Begriff der "augusteischen Schwelle" zurück: Imperien gelingt es immer dann, die von ihnen geschaffene Weltordnung dauerhaft aufrechtzuerhalten, wenn sie ihren eigenen Herrschaftsanspruch nicht überdehnen und insbesondere die Peripherien zunehmend integrieren, ja sogar an Entscheidungsprozessen beteiligen, ohne dass wiederum die Unzufriedenheit im Zentrum zu groß wird.

Sicherlich könnte man von Münklers Buch bei so viel machiavellistischem Interesse für internes Krisenmanagement etwas mehr Kritik an der Barbarei imperialer Zivilisationshüter fordern. Man könnte auch aus Münklers eigenem Hinweis auf den Kreislauf von imperialer und antiimperialer Dämonologie die strukturelle Untauglichkeit von Imperien ableiten, das Problem des Terrorismus zu lösen. Und ob die Entscheidungseliten in den USA mit ihrer Nahost-Politik je die augusteische Schwelle überschreiten, ist ebenfalls mehr als zweifelhaft.

Was Münklers Imperien-Buch aber insgesamt so unverzichtbar macht, ist die Erschütterung gewohnter Perspektiven und Kritikmuster. Vor allem der kerneuropäische Traum von einer multipolaren Welt ohne imperialen Akteur erscheint nach der Lektüre eher als Albtraum denn als avantgardistisches Projekt.

Herfried Münkler:Imperien. Die Logik der Weltherrschaft - vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2005, 332 Seiten, 19,90 Euro.

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