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Rezension

Zuhause ist, wo man es aushält

Ja, es sind zutiefst österreichische Bücher, die Reinhard Kaiser-Mühlecker schreibt, und ja, sie sind auf dem Land angesiedelt. Doch der von Austriazismen durchsetzte Tonfall von "Magdalenaberg" hat nichts Manieriertes.

Von Christoph Schröder

Ja, es sind zutiefst österreichische Bücher, die Reinhard Kaiser-Mühlecker schreibt, und ja, sie sind auf dem Land angesiedelt; die Stadt erscheint, wenn sich die Figuren dorthin begeben, immer als etwas zumindest Fremdes; man findet sich nicht zurecht oder kommt gar darin um. Und nein, die Prosa des 1982 geborenen Autors ist nicht von einem Hang zur Idylle getragen und nicht von der Innerlichkeit einer beseelten Natur. Und andererseits auch und schon gar nicht von einem brachialen Beschimpfungsgestus.

All das nicht, aber was dann? Landschaften und Menschen, Topografie und Mentalität, das ist das Bestechende an diesem Autor, fügen sich auf eine sprachlich natürliche Weise zusammen. Der von Austriazismen durchsetzte Tonfall hat nichts Manieriertes; er ergibt sich zwangsläufig aus der Bewusstseinskonstellation der Figuren und ihres Umfeldes, das in "Magdalenaberg", Kaiser-Mühleckers zweitem Roman, unverschlüsselt benannt wird: In Kirchdorf an der Krems sind sowohl der Autor als auch der Ich-Erzähler geboren: Ein Mann Mitte dreißig, der Leben, Begegnungen, Erlebnisse mehr durch sich hindurchfließen lässt, als sie aktiv zu gestalten; ein langsamer und umso genauerer Beobachter.

Nach einer Erbschaft hat er die Arbeit nicht unbedingt nötig, und in Hallstatt, rund 100 Kilometer vom elterlichen Hof und vom Geburtsort entfernt, lebt er allein in einem Haus: "Immer hatte ich einen Ort gesucht, der zu mir passen würde, oder zu dem ich passen würde, für länger als sagen wir drei, vier Monate, ein halbes Jahr. Jeder Aufenthalt in einer anderen Landes- oder Weltgegend war stets gleichzeitig wie eine Prüfung gewesen: ginge es hier, hielte ich es hier aus, passte ich hierher? Aber nirgends war es auszuhalten, an keinem Ort, und immer kehrte ich zurück, enttäuscht, und ich sah, dass die Zeit verging, und wurde zusehends unruhiger. - Bis dann Hallstatt kam, wie von selbst." Zuhause ist dort, wo man es aushält.

"Magdalenaberg" ist ein Buch der in kreisenden, tastenden Erzählbewegungen protokollierten Verluste. Wilhelm, der um vier Jahre jüngere Bruder des Ich-Erzählers, ist wenige Jahre zuvor bei einem Unfall ums Leben gekommen; seitdem unternimmt Joseph, der Erzähler, geradezu verzweifelte Erinnerungs- und Annäherungsversuche an einen Menschen, der ihm zu Lebzeiten fremd geblieben ist. Es ist, als sei eine Membran gespannt zwischen Joseph und der Welt; ein Zeitverschiebungsmodul, das für eine Art von Handlungsverzögerung verantwortlich ist, weil sich zwischen die Gegenwart und die unmittelbare Reaktion darauf immer wieder die Abschweifung schiebt.

Das ist nicht nur evident in der Verbindung zum Bruder, nicht nur in Bezug auf die Eltern und den elterlichen Hof, sondern auch in Josephs Beziehung zu Katharina. Auch hier fließt alles in einem trägen Strom; eines Tages steht sie, die er nur flüchtig kennt, vor der Tür seines Hauses. Zwei Jahre später fährt sie nach Graz zurück und kommt nie wieder.

Was er den ganzen Tag eigentlich mache, fragt sie ihn einmal. "Wir kannten uns da nun schon lange, ja wir waren ein Paar, aber in dem Moment war mir, als redeten wir in zwei unterschiedlichen Sprachen und als kennten wir uns nicht. Was wollte sie?" Im Zickzackkurs schickt Kaiser-Mühlecker Joseph von einem Endpunkt zum nächsten: hin zu dem Tag, an dem er dem Vater verkündet, dass er in Zukunft nicht mehr ministrieren werde - "das Ende der Kindheit" - oder auf den Magdalenaberg hoch über dem Ort, wo die Zeit beim Blick hinunter langsam zerfließt. Die Zeit und das Gefühl dafür sind Joseph abhanden gekommen, unwichtig geworden im Reflexionsstrom.

Kaiser-Mühlecker hat seinem Roman ein Zitat Arnold Stadlers vorangestellt: "Erinnerung, zweite Gegenwart". Unter der eleganten Klarheit des Tonfalls spürt man eine Rastlosigkeit der Gedanken; etwas Beunruhigtes und Beunruhigendes zugleich. "Magdalenaberg" ist die Geschichte eines jungen Mannes, der nicht mehr mitkommt, weil selbst die Langsamkeit ihm zu schnell ist.

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