Zugehörigkeit in der Fremde

Der Soziologe Michel Wieviorka unternimmt es, die Begriffe "Identität" und "Differenz" zu klären

Von RUDOLF WALTHER

Der Begriff "Identität" hängt schon seit geraumer Zeit am Schwungrad - in den Sozialwissenschaften genauso wie in der politischen Publizistik. In beiden Bereichen ist unklar, was der "Plastikbegriff" (Hans-Ulrich Wehler) bedeutet und welche Funktionen er erfüllt, weil sich weder Wissenschaftler noch Publizisten die Mühe machen, darzustellen, welche Anteile von Fremdzuschreibung ("du bist Türke"), Selbstzuschreibung ("wir sind stolz, Deutsche zu sein") und situativ-interessierter Konstruktion ("westliche Identität und Islam sind unvereinbar") in den Begriff eingehen.

Dem Buch des französischen Soziologen Michel Wieviorka kommt das Verdienst zu, mehr Klarheit ins "allseitige Durcheinander" zu bringen. Vorbildlich gelingt ihm das vor allem mit dem Begriff der "kulturellen Identität", der in Soziologie/Sozialgeschichte, in der Philosophie und in Politik/Rechtswissenschaft eine zentrale Rolle spielt und auf diesen Feldern oft in der Polarität von Kommunitarismus und Liberalismus beziehungsweise Relativismus und Universalismus gesehen wird. In dieser Gegenüberstellung steht der Kommunitarismus für die Pflege und den Schutz kultureller Identitäten und der Liberalismus für universalistisch-egalitäre Normen.

Erstaunlich stabile Strukturen

Das ist für den französischen Soziologen insofern "ein künstlicher Gegensatz", als es längst nicht mehr um ein Entweder-Oder geht, sondern darum, "die Anerkennung von speziellen Identitäten" und "von universellen Werten" zu kombinieren. Wieviorka plädiert für "die Rückkehr des Sozialen", mit Berufung auf die amerikanische Philosophin Nancy Fraser, für die "Ausbeutung, gleiche Verteilung und Ausschließung" die wirklichen Angelpunkte der Debatte darstellen.

Kulturelle Identitäten und damit auch kulturelle Differenzen, betont Wiviorka, gibt es nicht nur von Land zu Land und von Epoche zu Epoche, sondern auch innerhalb der einzelnen Gesellschaften und oft quer durch die klassenmäßigen Sozialstrukturen. Obendrein sind kulturelle Identitäten und Differenzen oft über längere Zeitspannen, in denen sich die sozialen und politischen Strukturen stark wandeln, erstaunlich stabil. Empirisch nachweisbar ist das etwa bei alten nordamerikanischen Einwanderergruppen wie den Italienern oder Chinesen. Deren jüngste Generationen gehören zwar ganz verschiedenen sozialen Klassen an und sind weitgehend assimiliert, also amerikanisiert; trotzdem legen sie großen Wert auf kulturelle Differenz beziehungsweise Identität.

Was die Verwendung der Schlüsselbegriffe "Identität/Differenz" betrifft, so sieht Wieviorka zwei Phasen. Bis in die sechziger Jahre hinein blieben Identitätskonstruktionen ziemlich unproblematisch, da Konflikte und Verteilungsansprüche von der Frage der kulturellen Differenz bzw. Identität abgetrennt wurden. Es herrschte Interessen- oder Klassen- und noch nicht Kulturkampf. Seither verbinden sich jedoch soziale und kulturelle Dimension immer stärker.

Facetten des Multikulturalismus

Die Akteure sozialer Bewegungen sprechen im Namen von Schwarzen, Frauen und Behinderten, aber auch von ganzen Regionen, Ethnien; damit verknüpften sie herkömmliche soziale mit neuen kulturellen Ansprüchen. Dies spricht nicht für "eine Tendenz zum Rückzug in die Gemeinschaft" Gleichgesinnter - also für kommunitaristische Isolation -, sondern für ein Bekenntnis zur eigenen Kultur und den Anspruch, an der modernen Gesellschaft gleichberechtigt zu partizipieren. Insofern lösten diese vielfältigen Bewegungen einen Demokratisierungsschub aus.

In dieser zweiten Phase von Identitätskonstruktionen, die zusammenfällt mit der Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums, der Energiekrise, der steigenden Arbeitslosigkeit und der allgemeinen Instabilität, haben sich die Verhältnisse verschärft. Die Integration und Assimilation von Einwanderern durch Lohnarbeit wurde erschwert, weil sich einheimische Arbeitslose oder von Arbeitslosigkeit Bedrohte sowie deren politische und gewerkschaftliche Interessenvertreter unter der Fahne "kultureller Identität" von den Einwanderern abschotteten und die arbeitsuchenden unter diesen vom Arbeitsmarkt ausschließen wollten. Die Forderung der Einwanderer nach kultureller und sozialer Anerkennung wiederum wurde zur Kampfansage an die "Eingeborenen".

Dieser Konflikt kennzeichnet multikulturelle Gesellschaften, in denen indigene Mehrheit, Alt-, Neu- und Illegaleingewanderte in gnadenloser Konkurrenz stehen, die vom nationalen Chauvinismus der Mehrheit befeuert wird. In dieser Phase haben wohlfeile Rezepte der Ausgrenzung bis hin zur Ghettoisierung Konjunktur. Wieviorka dagegen sieht in der "Vermischung" die Chance, "eine Koexistenz von Differenzen" zulassen. Das wichtigste Paradigma für diese "Vermischung" ist der Multikulturalismus. Der Allerweltsbegriff ist jedoch nur sinnvoll, wenn man - wie Wieviorka - seine drei Dimensionen unterscheidet und differenziert diskutiert: demographisch-deskriptiv geht es um die Herkunft, Sozial-, Alters- und Geschlechterstruktur der Einwanderer. Auf ideologisch-normativer Ebene ist zu klären, welche Integrationsansprüche welchen Integrationserwartungen gegenüberstehen. Programmatisch-politisch erfordert das auch eine demokratisch abgestützte Willensbildung unter den "Eingeborenen", wie viele Fremde und Andere sie ertragen wollen.

In dem Maß, wie eine Gesellschaft fähig und bereit ist, bei dieser Willensbildung darauf zu verzichten, Identitäten und Differenzen, die Fremd- und Selbstzuschreibungen sind, zu "Wesenheiten (zu) machen und sie als Gegebenheiten (zu) betrachten", um andere auszuschließen, nur weil sie anders sind, bekräftigt sie ihre demokratische Substanz. Dabei sind auch Identitätskonstruktionen im Spiel. Unter den Bedingungen moderner Gesellschaften beruht der Rekurs auf "kulturelle Identitäten" im Wesentlichen auf revidierbaren Wahlentscheidungen. Wechselnd mit dem Alter, dem Bildungsgrad, dem Einkommen und anderer Kriterien können die meisten Mitglieder einer Gesellschaft (fast) jede im bunten Angebot der "kulturellen Identitäten" auswählen.

Wachsendes Konfliktpotenzial

Diese Chance haben massiv benachteiligte Gruppen in einer Gesellschaft der Arrivierten nicht. Ihre einzige "Identität" ist das Stigma der Nichtzugehörigkeit. Deshalb ist die Konjunktur von Identitätskonstruktionen in reichen Gesellschaften geradezu ein Index für das wachsende Konfliktpotential zwischen unten und oben in sozial, ethnisch, religiös und anders gespaltenen Gesellschaften. Ob von außen, von oben oder von innen oder von unten - jeder Identitätskonstruktion haftet nach Wieviorka "eine gewisse Neigung zur Selbsteinschließung" an. Diese Neigung entspringt, etwa beim Aufstieg des ideologisch-religiös geprägten Islamismus in Frankreich, der Enttäuschung über den Graben zwischen dem Versprechen von "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" für alle und den tatsächlichen gesellschaftlichen Realitäten.

Insgesamt besticht die pragmatische Nüchternheit, mit der Wieviorka über die Probleme multikulturellen Zusammenlebens nachdenkt, denn eine Patentlösung ist nicht in Sicht. Abschließend weist der Autor auf das Paradox jeder Identitätskonstruktion hin: Alle Konstruktionen binden Subjekte ein in vorgegebene Muster und entbinden sie partiell oder vollständig von Selbstreflexion und Verantwortung. Aber: Das Subjekt existiert nur, insofern es autonom über "Distanzierung, Reflexivität und Rückzug" bestimmt, also genau das verteidigt, was ihm Identitätskonstruktionen - von woher auch immer - verweigern.

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