Zuerst eine Brauerei

Alex Capus präsentiert einen Kolonial-Roman

Von CHRISTOPH SCHRÖDER

Der Schweizer Schriftsteller Alex Capus ist ein Spezialist für die literarische Verwandlung historischer Stoffe. In "Fast ein bisschen Frühling" erzählte er die Geschichte zweier Bankräuber, die in den Dreißigerjahren in Richtung Indien zu fliehen versuchen. Oder er ging in "Reisen im Licht der Sterne" mit dem Schriftsteller Robert Louis Stevenson auf Schatzsuche. Seinen Texten liegt stets akribische Recherchen zugrunde. Nun war Capus in der Frankfurter Romanfabrik, um seinen neuen Roman "Eine Frage der Zeit" zu präsentieren.

Romanfabrik-Leiter Michael Hohmann verglich die Methode Capus' mit der von Alexandre Dumas, der mit seinen Erzählungen auch ganze Abendgesellschaften zu unterhalten wusste. Ähnlich erging es auch dem Publikum an diesem Abend, lieferte Capus doch weniger eine Lesung als vielmehr einen unterhaltsamen, frei erzählten Streifzug durch das Kuriositätenkabinett der Welt- beziehungsweise Kolonialgeschichte.

Die Handlung des Romans setzt 1913 ein. In Papenburg im Emsland, wo normalerweise, wie der Autor erklärte, "alles im Sumpf versinkt", ist eine Schiffbauindustrie entstanden. Die Werft bekommt auf Wunsch Kaiser Wilhelms II. den Auftrag, ein gewaltiges Dampfschiff zu bauen - um es nach der Taufe umgehend wieder in seine Einzelteile zu zerlegen. In fünftausend Holzkisten verpackt, reist das Schiff, begleitet von drei wackeren Gewerkschaftern, nach Daressalam, heute Regierungssitz von Tansania, damals Stützpunkt der Kolonisten in Deutsch-Ostafrika. Von dort aus soll es weitergehen an den Tanganjikasee, südlich des Kilimandscharo, knapp 1500 Kilometer entfernt - ein Wahnsinnsplan und die Machtdemonstration eines Imperiums zugleich.

Es war Alex Capus anzumerken, welche Freude ihm die Recherchearbeit zu seinem Buch bereitet hat: Im kolonialen Bildarchiv der Frankfurter Universität hat er Kuriositäten gefunden wie jenen goldenen Tropenhelm des deutschen Gouverneurs Albert Heinrich Schnee. Capus berichtete auch von seiner eigenen Reise an den Tanganjikasee, die auch heute noch mehrere Tage dauert, weil alle paar Kilometer angehalten werden muss, um ein Huhn zu braten. Eine Reise übrigens auf der von Deutschen gebauten Bahnlinie - wische man den Staub von den Schwellen, so Capus, erkenne man noch die Inschrift "Krupp 1913". Und noch etwas Interessantes hat Capus herausgefunden: "Eine der ersten Gründungen in deutschen Kolonien war stets eine Brauerei. Dann folgte eine Kegelbahn."

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