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Zucken, Zwinkern

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Heillos fremd auf dem Terrain des Begehrens: Ulrike Draesners neue Erzählungen sind nicht gerade tröstlich

So wird wohl das Endstadium unserer rationalistisch abgekühlten Liebesverhältnisse aussehen: Urbane Jungmenschen, die sich in ihrem beschleunigten Alltag aller romantischen Ideen entwöhnt haben, üben sich in der Abtötung unerwünschter Leidenschaften. Ihr Lebensglück haben sie an die Reproduktionsmedizin delegiert. Das Material, woraus Liebesaffekte entstehen könnten, muss dagegen kalt gehalten werden.

Dieses Szenario von der Liebe im Zeitalter der künstlichen Reproduktion hat Ulrike Draesner bereits in einigen Gedichten und in ihrem exzellenten Roman Mitgift (2002) entworfen, dem einige Kritiker freilich den verschwenderischen Gebrauch von einschlägigen "Gender"-Theorien über Transsexualität, postfeministische Identität und die Aporien der Reproduktionstechnologie verübelt haben.

Wenn Draesner nun in zwölf Erzählungen erneut das prekäre Terrain des Begehrens betritt, wird man ihr eine notorische Theorielastigkeit oder Kommentierwut nicht mehr vorwerfen können. Denn die Erzählungen sind dicht und intensiv geschriebene Lektionen über mehr oder weniger traumatisierende Liebesversuche und gescheiterte Paarbildungen. In diesen Geschichten von verbotenen Berührungen, unerfüllten Liebes- und Kinderwünschen, sexuellen Übertretungen und reproduktionsmedizinisch erzeugten Schwangerschaften müssen sich die Helden damit abfinden, dass ihre Glücksansprüche zerfallen. Das Wort "Liebe" kommt allenfalls in ein, zwei Nebensätzen vor, als ferne Erinnerung an eine Zeit, da das Begehren von Mann und Frau noch fest in symmetrische Verhältnisse eingebunden war.

Gefühle mäandern durch eine Gesellschaft von bindungsunfähigen Subjekten, sexuelle Akte fungieren nur als Vorspiel zur weltweiten Distribution von Spermaproben - "zum gefälligen Zeugungsgebrauch". Da ist die Romanistikstudentin Regina, die ihre Liebhaber einzig zu dem Zweck akquiriert, um erstklassiges Befruchtungsmaterial an ihren anonymen Auftraggeber liefern zu können. Was die Geschäfte stört, ist ein unerwarteter amour fou der Heldin zu einem ihrer Klienten. Komplementär zu dieser Geschichte der "Samentrapperin" Regina verhält sich die Erzählung der unglücklichen "Anna Selbzwei", die sich vergeblich um die Erfüllung ihres Kinderwunschs bemüht, um dann über eine "Fremdsamenspende" ans Ziel zu gelangen.

Gleich zweimal wird von Draesner die prekäre Konstellation einer verbotenen Liebe durchgespielt. In der Dunkelheit eines privaten Atombunkers kommt es zum zarten ersten Kuss zwischen zwei Schülerinnen ("Wackelkontakt"). In der sehr artifiziell gebauten, von symbolischen Objekten überfrachteten Erzählung "Zucken und Zwinkern" erwacht nach langer Triebunterdrückung die erotische Leidenschaft eines Geschwisterpaars.

Es sind straff gebaute, sorgsam auf Verknappung und auf die Vermeidung von Psychologie bedachte Erzählungen, mit denen Ulrike Draesner auf unerhörte Begebenheiten zusteuert. In dem einen oder anderen Fall bekommt ihre Sprache etwas Schrilles, etwa wenn sie die Gedankenwelt der "Samentrapperin" Regina mit überdrehten Anglizismen auflädt. Aber meist gelingt der Autorin eine famose Rollenprosa, folgt sie der Spermen-Händlerin Regina mit dem gleichen Einfühlungsvermögen wie dem proletarischen Hundezüchter Zack.

In fast allen Erzählungen haben sich die Grenzgänger des Begehrens mit Tieren verbündet, den eigentlichen Protagonisten dieses Buches. Es sind vornehmlich Hunde, die hier als stolze, aggressive, aber auch gequälte Kreaturen auftreten und von ihren Besitzern in der Regel zu zweifelhaften Zwecken instrumentalisiert werden.

Den markantesten Auftritt haben sie in der Titelgeschichte des Bandes, "Hot Dogs", die nicht von den einschlägigen, in ungenießbaren Teigwaren verpackten Würstchen handelt, sondern von grausam zugerichteten Welpen. Ulrike Draesner lief diese Geschichte in ihrem Wohnviertel am Prenzlauer Berg buchstäblich über den Weg, als sie dort auf eine Pitbull-Besitzerin traf. Angesiedelt im subproletarischen Milieu, handelt diese Geschichte von dem Gelegenheitsjobber Zack, der auf die Idee verfällt, in seiner Wohnung eine illegale Kampfhund-Zucht zu betreiben. An ihrem grausamen Ende steht der Backofen-Tod von elf jungen Hunden.

Das Motiv des rein funktionalen One-Night-Stands, der einen verzweifelten Kinderwunsch erfüllen soll, und das der fetischistischen Tier-Liebe kreuzen sich in der Erzählung "Der Jodler", die nicht zufällig im Zentrum des Buches steht. Die heillose Fremdheit der Liebes-Akteure, die sich hier gegenübertreten, wiederholt sich in der Konfrontation der Tiere. Hier taucht nicht nur ein exquisiter Züchtungs-Hund auf, sondern es flattert auch ein berühmter schwarzer Vogel durch die irritierende Erzählung: ein Rabe, der - wie einst bei Edgar Allen Poe - als Vorzeichen eines furchtbaren Verhängnisses agiert.

Die erschütterndste Szene menschlicher Grausamkeit gegenüber Tieren findet sich freilich in der letzten Erzählung des Bandes ("Europa"), die als sehr alltägliche Geschichte eines Jugoslawien-Urlaubs beginnt und mit der fundamentalen Erschütterung einer Familien-Idylle endet. Gewiss kann man hier eine allzu plakative Symbolsprache beklagen. Denn Draesner lässt ihre Heldin, ein zehnjähriges Mädchen, an dem Zusammensetzen eines Europa-Puzzles scheitern, kurz nachdem das Vater-Bild des Mädchens schockartig aus den Fugen geraten ist. Die Erzählung endet mit einer fast unerträglich suggestiven Szene, der Nahaufnahme einer Tierquälerei. Ein Junge tötet in kindlichem Sadismus eine Eidechse, und kein schauriges Detail wird ausgelassen. Wenn Ulrike Draesner bis zu diesem Zeitpunkt das Vertrauen in menschliche Liebesfähigkeit noch zu nähren wusste - mit diesem beklemmenden Finale wird es endgültig zerstört.

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