Zsófia Bán.
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Erzählungen

Zsófia Bán: „Weiter atmen“ – Der durchschnittene Nachmittag

  • Judith v. Sternburg
    vonJudith v. Sternburg
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„Weiter atmen“: Zwingende Erzählungen der ungarischen Schriftstellerin Zsófia Bán.

Am Anfang stehen folgende Beobachtungen und programmatische Überlegungen, so dass auch gleich klar ist, was für eine ideale Übersetzerin die Büchnerpreisträgerin Terézia Mora dafür ist. Sie hätte das anders geschrieben, aber ebenso vielschichtig und lapidar: „Der Frosch (zum Beispiel, aber ich könnte auch das Krokodil nennen) lebt im Wasser und an Land. Der Frosch ist amphibisch. Amphibien atmen auch über die Haut. Wenn die Haut des Frosches mit Fett eingerieben wird, erstickt er. Der Mensch (zum Beispiel) lebt in der Vergangenheit und in der Gegenwart. (Von der Zukunft hat er ein Bild, es passt gut zur Couch.) Der Mensch ist also auch amphibisch. (Frage: Sind die Amphibischen Menschen, oder: sind Menschen amphib?) Der amphibische Mensch atmet auch über die Haut. Wenn die Haut des amphibischen Menschen mit Fett eingerieben wird, erstickt er. Wir bitten darum, dass das nicht geschieht. Wir bitten darum, die Hautatmung frei zu lassen. Danke.“

Ja, darum will man wohl bitten, aber es ist allgemein bekannt, dass auf das Wohlbefinden von Fröschen (und Krokodilen) wenig Rücksicht genommen wird. Beim Menschen überrascht es vielleicht, dass seine Existenz von dieser Möglichkeit zur steten Verbindung zwischen Vergangenheit, Gegenwart – und überm Sofa das Bild von der Zukunft – abhängen soll, aber es überrascht nur in dieser Wucht.

Was hier so messerscharf logisch gefolgert und von einem höflichen, wenngleich womöglich etwas angespannten, gereizten „wir“ vorgetragen wird, ist in zweifacher Hinsicht eine Klammer für den neuen Erzählungsband der ungarischen Schriftstellerin Zsófia Bán, der entsprechend „Weiter atmen“ heißt: Es geht auf Leben und Tod, und es geht um mutmaßliche Gegensätze. Frösche und Menschen, Vergangenheit und Gegenwart. Was nicht zusammenpasst, trifft doch aufeinander. Manchmal sind es anscheinend gewaltig unterschiedliche Biografien, manchmal Situationen, Überlegungen, Stimmungen.

In einem Krankenhauszimmer liegen zwei Frauen mit Brustkrebs, eine dritte, schlotternd vor Angst und Aufregung, ist für eine Schönheitsoperation hier. „Der Jürgen hat gesagt, dass ich es machen lassen soll.“

Eine andere Frau in einem anderen Krankenhaus fragt eine seit Jahren sterbende Freundin am Ende auf einmal, ob diese den kaltgewordenen Spinat noch will. „Irgendwie hatte ich Hunger bekommen.“

Das Buch

Zsófia Bán: Weiter atmen. Erzählungen. A. d. Ungar. v. Terézia Mora. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 176 Seiten, 22 Euro.

In der aufmüpfigen Stimmung, die viele Ü-60er bei Rolling-Stones-Konzerten überkommt, denkt ein Mann wieder daran, wie er sich beim letzten Klassentreffen gegen den antisemitischen Ausfall eines ehemaligen Klassenkameraden nicht so eindeutig zur Wehr gesetzt hat, wie es angemessen gewesen wäre. „Geschrei hat es gegeben und angeschwollene Halsadern und kalten Schweiß in der Nacht und Magenkrämpfe, das ist aber nicht gerade viel, mein Junge, das ist sozusagen nichts, dafür würde dir Mick nicht ,but you can’t always get what you want‘ singen, denkt er, das sollen sie bei meinem Begräbnis spielen.“

Ein Mann kommt nach langer Zeit nach Brasilien an den Ort seiner Kindheit zurück. Er trifft eine Jugendfreundin und deren geistig behinderte Schwester, die mit einem Wort, dem Namen eines Hundes von einst, den über die Jahre gewachsenen Abstand überspringt. „Das plötzlich herausgeplatzte Wort schlitzte das weiche Gewebe des Nachmittags auf.“

„Weiter atmen“ ist nicht weltumspannend, weil das interessanter ist (ist es aber auch), sondern weil es der Biografie von Zsófia Bán entspricht. Sie wurde 1957 in Rio de Janeiro als Kind jüdischer Eltern geboren, die nach Ungarn zurückkehrten, als sie zwölf war. Bán lebte in beiden Kulturen, später auch in den USA und in Deutschland. Immer entsteht der Eindruck, dass sie genau so viel Nähe und Entfernung zum Erzählten hat, dass sie austarieren kann, wie sie sich dazu verhält. Und wie die Wirkung auf die lesende Person auf der anderen Seite sein wird: entsetzt, amüsiert, gerührt. Auch Ratlosigkeit ist vorgesehen. Schillernd ist die Auswahl, jede Geschichte eine Überraschung, aber immer ist es eine andere Art von Überraschung.

Es gibt Experimente mit und in den Spielräumen der Sprache, wenn beispielsweise in „Mann badet Löwen“ – das Gemälde von Attila Szücs ist auf dem Umschlag zu sehen – ein Absatz von Péter Esterházy immer wieder und immer irrwitziger variiert wird. Es braucht kein zusätzliches Wissen, um das Tollkühne und Raffinierte in Báns Sprache zu erkennen und zu bestaunen, auch wenn man gelegentlich Ereignisse und Personen nachschlagen wird. Den Schneider Franz (François) Reichelt, der am 4. Februar 1912 mit einem unzulänglichen Fallschirm vom Eiffelturm absprang. Oder jenes Foto, das den früh aus dem Blickfeld des Literaturbetriebs entflohenen Dichter Arthur Rimbaud in späteren Jahren in Aden zeigen soll und 2010 für ein bisschen Aufregung sorgte. Bán, die sich in einem autobiografisch wirkenden Text auch selbst als frühe und begeisterte Leserin zu erkennen gibt (in diesem Fall als Gabriel-García-Márquez-Leserin), passt immer auf. Ihre Leserinnen und Leser müssen auch immer aufpassen.

Es gibt Spiele mit Realität und Fiktion. Wie gegensätzlich dieses Gegensatzpaar ist, wird dabei nicht immer klar und es ist auch nicht immer klar. Einmal heißt es: „Manchmal ist es fast gar nicht mehr wahr. Manchmal fast doch.“ Das ist doch nicht möglich. Zsófia Bán hat keine Skrupel, uns damit alleinzulassen. Recht hat sie.

Und es gibt Geschichten über die Welt von heute, zum Beispiel in Orbáns Ungarn. Der Klaviatur der Gefühle haftet nichts Billiges an, wenn Bán auf ihr spielt. Die Geschichte von einer Flüchtlingsfamilie, die an der Grenze hängenbleibt, wo ein älterer Mann vergeblich versucht zu helfen – vergeblich nicht, weil es aussichtslos wäre oder er sich nicht alles sehr, sehr gut überlegt hätte, sondern weil er von Mitbewohnern des Ortes tatkräftig gehindert wird – erzählt mehr über das Leben als manches Sachbuch. Das Sachbuch kann ausgezeichnet sein, die Literatur ist schneller und zupackender. Die titelgebende Erzählung „Weiter atmen!“ komprimiert den Kampf ums Überleben in einer individuellen, ungewöhnlichen, aber vorstellbaren Konstellation. Es geht sogar gut aus, für dieses Mal.

Die Auswahl in „Weiter atmen“ erscheint disparat und zugleich zwingend. Alle Wirkung geht von der Sprache aus. Und nur zusammen ist diese Auswahl vollständig und richtig.

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