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Playa del Barronal, Cabo de Gata – Andalusien (2015).
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Playa del Barronal, Cabo de Gata – Andalusien (2015).

Flucht übers Mittelmeer

Die Zonen der Verheißung und des Scheiterns

Die südlichen Strände des Mittelmeers als Zonen der Verheißung und des Scheiterns: Die Literatur erzählt von Flüchtlingen und Migranten seit langem.

Von Reinhart Wustlich

Südliches Licht, sprühende Brandung, Halbmondbucht, fernes Kap. Vulkangestein im Hintergrund. Einsame Dünen, dicht mit Agaven bestanden. Playa del Barronal, Cabo de Gata. Über dem Flutsaum, auf dem hohen Strand: das Wrack eines Bootes. Die Dollborde stark beschädigt, eine Bootswand zerbrochen. Blau leuchtet das Innere. Du kannst nicht wissen, ob das Boot aus Afrika kam. Dennoch, das Bild hat diese doppelte Codierung: südliche Idylle, verdecktes Grauen.

Der Strand, dieser Strand, liegt auf der westlichen Route des Mittelmeers. Die Herkunftsländer der Flüchtlinge: Kamerun, Algerien, Mali.

Ein Bild von einem Strand

Doppelte Codierung: der alte Traum, von der neuen Wirklichkeit überlagert. Einer der frühen Grenzgänger des Meeres, Albert Camus, bekannte: „Ich wuchs am Meer auf, und die Armut schien mir kostbar; dann verlor ich das Meer, und aller Luxus schien mir fortan grau und das Elend unerträglich.“

Wollen wir doppelte Codierungen wahrhaben? „Natürlich sucht der Reisende in Metaphern auszudrücken, was er empfindet“, notiert 2012 José Saramago in „Die portugiesische Reise“: „Aber wenn er hoch oben von den Bergen das grenzenlose Meer sieht und am Fuß der Felsen den unhörbar brandenden weißen Saum, wenn er trotz der Entfernung im kristallklaren Wasser den Sand und die bemoosten Steine sieht, denkt er, dass nur große Musik ausdrücken könnte, was die Augen lediglich sehen. Oder nicht einmal Musik. Wahrscheinlich nur Schweigen.“

Scheinbar Entgrenztes

Das „grenzenlose Meer“. Auch das Wort hat Codierungen. Da ist der Glanz. Die unermessliche Weite. Die verlockende, die scheinbare Abwesenheit von Grenzen. Dabei ist das Meer selbst die große, die grausame Grenze. Auf den Seekarten des Mare nostrum erscheint Cabo de Gata als östliches Widerlager der Straße von Gibraltar, in deren mittlerer Passage der südlichste Punkt der iberischen Festlandsmasse erkennbar ist: Tarifa, Strand der Surfer. Europa an der engsten Stelle der Straße von Gibraltar, es hat einen eigenen, grausamen Subtext im Menschenhandel gegen Vorkasse.

„Tarifa Traffic – Tod in Gibraltar“: Joakim Demmers Dokumentarfilm zeigte schon 2003 den Alltag als nicht abreißenden Strom illegaler Einwanderer auf der Suche nach einer Zukunft in der „Festung Europa“.

Einige Kilometer weiter nach Westen, vor Morgendämmerung. Oben, auf der hohen Düne über der Bucht: Der Blick geht hinüber nach Tanger. Bald werden die Lichter der Nacht verlöschen. Jebel Musa, der mit 830 Metern Höhe schon majestätische Berg Moses’, liegt schon im Morgenlicht. Kein Wind. Tahar Ben Jellouns Roman „Verlassen“, 2006 veröffentlicht, liegt auf dem Rucksack. „Wie schön es ist mit seinem glänzenden Kleid, seinen feinen Düften“, klingt es von drüben, „doch dieses Meer verschlingt euch und wirft euch stückweise wieder aus...“

Verlassen ist als Sinnbild der Unauflösbarkeit einer Flucht geschrieben, deren Ausgangspunkt Tanger, die afrikanische Hölle aus Armut, Korruption und Demütigung sich als Spiegelbild des Endpunktes erweist, der europäischen Hölle aus Einsamkeit, Prostitution und Verlust der Würde. Sie erwartet den Flüchtling. Auch dessen Träume: doppelt codiert.

„In Tanger verwandelt sich das Café Hafa im Winter in ein Observatorium der Träume und ihrer Folgen“, notierte Ben Jelloun, der bis 1995 zurückgriff. „Manche Gäste sitzen auf Matten mit dem Rücken zur Wand und stieren auf den Horizont, als befragten sie ihn zu ihrer Zukunft. Sie blicken auf das Meer, auf die mit den Bergen verschmelzenden Wolken, sie warten auf das Aufblinken der ersten Lichter Spaniens.“

Frühe Strände

Strände als Orte der „Elegien auf die frühen Jahre“, so Klaus Reichert, bei Virginia Woolf („Zum Leuchtturm“), bei Albert Camus („Hochzeit des Lichts“), bei John Banville („Die See“). In Tomas Espedals Roman „Gehen“ (2011) konnte es, ganz unschuldig, „der Anblick der weißen Bucht“ der Biskaya sein. Die jungen Protagonisten verließen „überstürzt“ die Küstenbahn. „Der Zug fuhr eine Kurve, und wir erblickten von der Eisenbahnbrücke aus für einen flüchtigen Moment den Strand. Das genügte, um uns zu überzeugen.“

In Antonio Tabucchis Elegie „Erklärt Pereira“ (1995), die im Lissabon der Diktatur Salazars spielt, konnte aus Anlass einer Fahrt im Vorortzug vom Cais do Sodré nach Estoril stehen: „Als sie an Santo Amaro vorbeifuhren, wachte Pereira aus seinen Träumereien auf. Es war eine schöne Sandbucht, und man sah die Badekabinen aus weißblau gestreiften Zeltplanen. Der Zug hielt an, und Pereira überlegte sich, ob er aussteigen und schwimmen gehen sollte, er konnte ja den nächsten Zug nehmen. Es war stärker als er.“

Vielleicht, so Tabucchi, überkam es den alten Mann, „weil er an seine Zeit in Coimbra und an das Baden am Granja-Strand gedacht hatte“. Später, am Ziel, in der Klinik für Thalassotherapie in Parede, durch den Badearzt zu den Lebensgewohnheiten befragt („... und ich muss wissen, was Sie träumen“), der Seufzer: „Ich träume oft von der Granja, gestand Pereira. Ist das eine Frau, fragte Doktor Cardoso. Es ist ein Ort, sagte Pereira, ein Strand in der Nähe von Oporto ...“

Besagter Vorortzug bedient seit jeher die legendäre Strecke an der Mündung des Tejo, vorbei an den historischen Quais der Reede von Alcántara. In Erich Maria Remarques Roman „Die Nacht von Lissabon“ (1964) ist dies der dramatische Ort europäischer Emigrantenschicksale. „Ich starrte auf das Schiff. Es lag ein Stück vom Quai entfernt, grell beleuchtet, im Tejo. Obschon ich seit einer Woche in Lissabon war, hatte ich mich noch immer nicht an das sorglose Licht dieser Stadt gewöhnt. (...) Wer von hier das Gelobte Land Amerika nicht erreichen konnte, war verloren. Er musste verbluten im Gestrüpp der verweigerten Ein- und Ausreisevisen, der unerreichbaren Arbeits- und Aufenthaltsbewilligungen, der Internierungslager, der Bürokratie, der Einsamkeit, der Fremde und der entsetzlichen allgemeinen Gleichgültigkeit gegen das Schicksal des Einzelnen, die stets die Folge von Krieg, Angst und Not ist. Der Mensch war um diese Zeit nichts mehr, ein gültiger Pass alles.“ Ureigene europäische Erfahrung. 

Überlagerungen

Am Saum Europas spitzten sich Bedingungen menschlicher Existenz zu. Bereits zu Zeiten transatlantischen Sklavenhandels waren die Mündungen kontaminiert. Neuerdings wird daran erinnert, in Nantes, in Bordeaux. Im Südwesten Portugals waren die Nationalheroen der Seefahrt involviert. „Lagos besitzt einen Sklavenmarkt“, notiert Saramago, „möchte aber anscheinend nicht, dass man es weiß. Es ist eine offene Halle auf der Praça da República, ein paar Säulen tragen das Dach, hier fanden die Versteigerungen statt.“

Einige Schritte voraus, an der Kante des Platzes, steht eine Statue Heinrichs des Seefahrers, „der vom Sklavenhandel profitierte“. Eine „Statue der Ware“ (Saramago) würde „gut dazu passen“. Der Patz öffnet sich aus dem steinernen Festkörper zu den Weiten des Atlantiks. Der Blick der Statue streift, scheinbar entrückt, weit nach Südosten. Dort in der Ferne: Tarifa.

Am Mittelmeer, an den Stränden des Mare nostrum, in Marseille, war es zu Zeiten der Emigrantenwellen kaum anders als in Lissabon. Anna Seghers’ Beobachtungen in ihrem Roman „Transit“ (1951) galten dem Café, das den Alten Hafen überblickte. Lebensgeschichten klangen in Wortfetzen an: „Festgesetzte“, die „ganz gut von der Furcht und der Abfahrtswut“ der Menschen auf der Flucht lebten, amüsierten sich über „ein Schiffchen, das zwei junge Ehepaare, die Männer waren gemeinsam aus dem Lager geflohen, für höllisch viel Geld gemietet hatten. Doch der Verkäufer hatte sie betrogen, das Schiffchen hatte ein Leck. Sie kamen bis an die spanische Küste.“

Auch in Spanien konnte es sein, selbst in der Nach-Franco-Zeit, dass Ausgestoßene auf dem Strand vor Barcelona hinter zwei Bahnlinien lebten, die von der Estación de Francia nach Nordosten führten. Heute glänzt hier der Paseo Maritimo mit Dünenparks und neuen Stadträndern als illustre Vedute der Metropole am Meer.

Bis in neueste Zeiten bilden die Strände des iberischen Südens Zonen der Verheißung wie des Scheiterns ab. Maximale Überbauungen, zeitweise Krisen. In Rafael Chirbes’ Roman „Am Ufer“ (2014), liegt der „Boulevard von La Marina, eigentlich eine Landstraße, die parallel zum Strand hinter der ersten Gebäudereihe verläuft und sich [über] zwanzig Kilometer erstreckt“, am Saum des Canal de Ibiza südlich von Valencia. „Die Küste ist ein Ort des Verderbens, pflegte er (der Großvater des Protagonisten, R.W.) zu sagen. Das Meer spült den Abfall an und zieht den Abschaum her. Das war schon immer so: Scharlatane, Hütchenspieler, Schlägertypen.“

Vor der Krise tauchten Migranten des Maghreb, die es über das Meer geschafft hatten, als Hilfsarbeiter am Bau auf. „Jetzt gehen die Marokkaner nach Frankreich, nach Deutschland, und die Lateinamerikaner kehren in ihre Länder zurück“.

Seit den Attentaten auf den Madrider Bahnhof Atocha im Jahr 2004 weckt „jeder Verdacht, der aus Marokko kommt (...) oder etwas mit Islam oder Islamismus zu tun hat.“ Migranten wandern nach Süden, stranden in Feldfabriken der Turboplantagen, immensen Plastikgewächshäusern der zweiten Generation, die ganze Landstriche um Almería überziehen. 

Gegenüberliegend gespiegelt

"Es wurde zu einer Obsession“, heißt es bei Ben Jelloun, „einer Art Wahn, der ihn Tag und Nacht beschäftigte. Wie sollte er es schaffen, wie der Demütigung entkommen? Weggehen, diese Erde verlassen, die ihre Kinder verstößt, diesem schönen Land den Rücken zukehren und eines Tages stolz und vielleicht reich zurückkommen (...).“ Die Meerenge trennt Orte, die einander so gegenüber liegen, dass sie sich, wie Saramago zum Gegenüberliegenden bemerkte, „voneinander gespiegelt empfinden“ müssen. „Auch beim Lachen und Weinen dürfte es keine großen Unterschiede geben.“ 

Der Autor veröffentlichte zuletzt: Nordische Passagen. Am Saum Europas I, Berlin 2014 (nicolai-verlag).

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