Zoli singt wieder

Unversöhnlich, bewundernswert: Colum McCanns Zigeunerroman

Von YAAK KARSUNKE

Das Wort Zigeuner wird von den mit ihm bezeichneten Menschen heute als Diskriminierung empfunden, sie selbst nennen sich Roma, falls sie deutsche Staatsbürger sind auch Sinti - andererseits verweist "Zigeuner" auf eine mehrhundertjährige (nicht nur: Sprach-)Geschichte. Allerdings haben die meisten der zahlreichen Wortverbindungen, die das Grimmsche Wörterbuch auf mehr als sieben Textspalten auflistet, einen herabsetzenden Beiklang, nur ein geringer Anteil bezieht sich positiv auf Begriffe der sogenannten Zigeunerromantik, die die freie und ungebundene Lebensweise, das farbige Erscheinungsbild oder die Musikalität des fahrenden Volkes bewundernd hervorhebt. Zum literarischen Problem wird der Streit um die "korrekte" Benennung, wenn es um die Schilderung historischer Ereignisse geht, in denen die Verwendung von "Sinti und Roma" eine Verfälschung darstellen würde. Der irische Romancier Colum McCann benutzt deshalb in seinem Roman Zoli, dessen Titelfigur eine Zigeuner-Sängerin und -Dichterin aus dem vorigen Jahrhundert ist, vornehmlich die historische Bezeichnung (und gibt damit auch den Sprachgebrauch dieser Rezension vor).

Zoli Novotna kommt Ende der 1920er Jahre in der Nähe von Bratislava zur Welt. Als sie sechs Jahre alt ist, fallen ihre Eltern und Geschwister einem Pogrom der (nach dem Vorbild der deutschen SA organisierten) slowakischen Hlinka-Gardisten zum Opfer. Dem Massaker entgehen nur sie und ihr Großvater Stanislaus, in dessen Wohnwagen sie von nun an aufwächst. Der alte Man besitzt ein einziges Buch, aus dem er seiner Enkelin zuweilen vorliest, "es klang so seltsam und lächerlich und war voll riesengroßer Wörter", über die es wenig später heißt: "Sie haben ihn genauso verwirrt, wie sie alle verwirrt haben" - es handelt sich um Das Kapital von Karl Marx. Der Großvater bringt dem Kind auch Lesen und Schreiben bei, obwohl die meisten Mitglieder der Zigeunersippe das für überflüssig halten.

Reiht euch ein!

Stanislaus und Zoli überleben gemeinsam die Schikanen und den Terror der Hlinka-Garden und später die Repressalien der deutschen Besatzer, vor deren Vernichtungsprogramm viele jüngere Zigeuner in die Wälder zu den Partisanen flüchten. Zoli wird mit 14 Jahren an einen wesentlich älteren Mann, einen namhaften Zigeunergeiger, verheiratet, den der Großvater ihr ausgesucht hat. Stanislaus selbst kommt kurze Zeit darauf bei einem deutschen Luftangriff ums Leben; wenig später marschieren die russischen Truppen ein. "Wir bekamen Ausweise, Dosenfleisch, weißes Mehl und Kondensmilch", wird Zoli sich später an das Kriegsende erinnern, vom Himmel flattern Flugblätter mit der Botschaft: "Zigeuner, ihr seid Bürger - reiht euch ein!"

In dieser Aufbruchstimmung beginnt auch der Aufstieg Zolis zu einer geachteten und gefeierten Repräsentantin ihres Volkes. Ein kommunistischer Schriftsteller, der bei den Partisanen das Vertrauen vieler Zigeuner gewonnen hat, "entdeckt" in der jungen Frau, die mit selbstverfassten Liedern auftritt, "die vollkommene proletarische Dichterin" und fördert sie nach Kräften. Er stellt eigens einen jungen Mann ab, Zolis Lieder auf Tonband mitzuschneiden, um sie später transkribieren und als Gedichtband herausbringen zu können. Jahre später denkt dieser Stephen Swann - der nach dem Krieg aus England in die CSSR übergesiedelte Sohn eines slowakischen Arbeitsemigranten - darüber nach, "an was wir damals glaubten: die Revolution, Gleichheit, Gedichte".

Die Revolution erstickt in den stalinistischen Strukturen des real existierenden Sozialismus, der kommunistische Schriftsteller wird in einem Geheimprozess abgeurteilt und erschossen. Die Gleichheit wird als administrative Gleichmacherei exekutiert - die Zigeuner werden mit Zwangsmaßnahmen sesshaft gemacht: Ihre Pferde werden beschlagnahmt, die Räder ihrer Wohnwagen zerstört und sie selber in Plattenbauten eingewiesen. Zolis Gedichte werden in der Kampagne für diese "Befreiung" vom Nomadenleben instrumentalisiert, was ihr literarischer Mentor Swann (dessen Geliebte sie nach dem Tod ihres Mannes geworden war) nicht verhindern kann: ihre Liebe zerbricht daran. Ihre Sippe, für die sie mit ihrem Erfolg Teil der ihnen feindlichen Gesellschaftsordnung geworden ist, stößt sie in einem förmlichen Verfahren aus, mit der Partei und dem Schriftstellerverband bricht sie selbst.

Nie gefragt, ob sie Zigeunerin sei

Es folgt eine dreijährige Flucht, allein und unter unmenschlichen Strapazen, mit illegalen Grenzübertritten von der Tschechoslowakei durch Ungarn bis nach Österreich, wo sie einige Zeit in einem Flüchtlingslager unterkommt, bis sie zuletzt von einem Schmuggler über die Berge nach Italien gebracht wird. Mit diesem Mann lebt sie dann bis zu seinem Tod zusammen: "Ich wollte von Enrico wissen, warum er mich nie gefragt habe, ob ich Zigeunerin sei. Er sagte, ich habe ihn ja auch nie gefragt, ob er kein Zigeuner sei. Es war vielleicht die schönste Antwort, die ich je bekommen habe." Das schreibt sie im Jahr 2003 ihrer gemeinsamen Tochter nach Paris, zwei Jahre später wird sie sie dort besuchen, wo Francesca einen Kongress "Vom Wohnwagen ins Parlament - Vermächtnis und Vorstellungswelt der Zigeuner" organisiert hat. Dabei begegnet Zoli noch einmal ihrer Vergangenheit - und dort singt sie noch einmal vor fremden Menschen ihre Lieder über ihr Leben und das Leben ihres Volkes.

"Meine Familie", schreibt Colum McCann in einer Nachbemerkung, "hat keinerlei Verbindung zur Kultur der Roma - es ist wohl das Vorrecht des Schriftstellers, sich in etwas hineinzustürzen, vor dem andere aus guten Gründen zurückschrecken." Er selbst hat dieses Vorrecht in einer bewunderungswürdigen Art genutzt. Er bezeugt, erzählend und berichtend, einer unleugbar fremden Lebensweise großen Respekt - ohne sie zu beschönigen oder gar zu idealisieren. Er leugnet die Widersprüche zwischen den Fahrenden und den Sesshaften nicht, er bietet auch keine versöhnlichen Lösungen an. Er beharrt auf dem Lebensrecht der unterschiedlichen Existenzformen. An eine - wie immer geartete - Revolution glaubt er dabei wohl nicht, eine nicht erzwungene Gleichheit bleibt dennoch weiter erstrebenswert: ohne Gedichte wie die der Zoli Novotna wird sie nicht zu erreichen sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion