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Polnische Literatur

Zofia Nalkowska: „Medaillons“ – „Er sah aus wie ein Wilder!“

Makellose Prosa über das Unaussprechliche: Zofia Nalkowskas „Medaillons“ zum Holocaust. Von Christine Schneider

Im ersten Text geht es um Seifenherstellung aus Leichen. Alle Helfer grausten sich vor der Seife, berichtet der junge polnische Handlanger, sie sei aber gut gewesen. „Man kann sagen, in Deutschland wissen die Menschen etwas zu machen – aus nichts.“ Im zweiten Text sagt eine Überlebende, dass ihr da noch etwas Interessantes einfalle. Einmal sei der Viehwaggon geöffnet worden, weil ein deutscher Offizier habe sehen wollen, wer da so schrie. „Sie können sich das nicht vorstellen! Als er uns sah, wurden seine Augen rund und seine Finger hatte er vor Angst ganz weit gespreizt! So war er von unserem Anblick erschrocken! Er sah aus wie ein Wilder!“

Dass Zofia Nalkowskas „Medaillons“, wie man liest, in Polen Schullektüre sind, während in Deutschland jetzt glücklicherweise Schöffling wieder die Entdeckung dieses 1946 erschienenen Buchs ermöglicht, macht nachdenklich. Die Rede ist von einem Band, der in die allererste Reihe von Literatur gehört, in der Menschen schreibend versuchen, das Geschehen in den NS-Vernichtungslagern unmittelbar zu erfassen und zu vermitteln.

Das Buch

Zofia Nalkowska: Medaillons. A. d. Poln. u. mit einem Nachwort von Marta Kijowska. Schöffling & Co.. 145 S., 20 Euro.

Die polnische Schriftstellerin Nalkowska (1885-1954) ist 60, als sie die „Medaillons“ schreibt, sie schreibt mit einer immensen Sicherheit, auch Formsicherheit. Die „Medaillons“ sind keine Reportagen, keine Protokolle, sondern eine sehr frühe literarische Reaktion auf das Unvorstellbare, aber soeben unbezweifelbar Eingetretene – darum stehe ein Staunen im Vordergrund, wie Nalkowska selbst bemerkt. Die Texte speisen sich aus ihrer Tätigkeit in einer Kommission zur Untersuchung deutscher Kriegsverbrechen, 1945 eingesetzt.

Nalkowska kühlt das Erzählte unmanieriert runter, reduziert es auf die Gebeine der Wahrheit – geschliffene Prosa ohne Kommentare und Erklärungen. Das schließt Abschweifungen nicht aus, aber es müssen die Abschweifungen der (meist traumatisierten, um alles im Leben gebrachten) Sprechenden sein. Wobei Nalkowska selbst auch einmal einen Friedhof schildert, als letztem Ort, an dem Tote friedlich und herkömmlich tot sein können. Das Mantra des Buchs: „Dieses Schicksal haben Menschen den Menschen bereitet.“

Es ist eine ironische Volte, dass die Schriftstellerin selbstverständlich von „polnischen Todeslagern“ schreibt, eine Formulierung, die ihr heute in Polen juristische Probleme bereiten müsste. Marta Kijowska, der die makellos wirkende Übersetzung zu verdanken ist, weist auf die innerpolnischen Verrenkungen hin, die das nach sich zog.

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