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Was Peggy Mädlers Ansatz eher ungewöhnlich macht, ist die Weite des historischen Fokus, den sie aufzieht.

Roman

Peggy Mädler: „Wohin wir gehen“ - Die zögerliche Almut, die kühne Rosa

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Peggy Mädlers Roman „Wohin wir gehen“ erzählt weitgefächerte Geschichte aus dezidiert weiblicher Perspektive.

Vom Osten Deutschlands aus betrachtet, stellt sich die deutsche Geschichte etwas anders dar als aus Richtung Westen. Das hat geografische und politische Gründe, wobei die einen von den anderen nicht zu trennen sind. Die Perspektive, die Peggy Mädler, vor wenigen Wochen mit dem Fontanepreis ausgezeichnet, in ihrem Roman „Wohin wir gehen“ einnimmt, ist in beiderlei Hinsicht entschieden ostdeutsch. Und die Geschichte(n), die sie darin erzählt, geht in geografischer Hinsicht durchaus über das hinaus, was wir heute als „ostdeutsch“ verstehen. Ihr Erzählfaden verbindet die brandenburgische Provinz und Berlin mit Sachsen, dieses wiederum mit Nordböhmen; und alle Geschichten, in die dieser Roman sich verästelt, haben ihren historischen Anfang im mährischen Brno, zu deutsch Brünn.

Dort werden Anfang der dreißiger Jahre zwei Mädchen geboren, Rosa, Tochter der Kommunistin Ida und eines Mannes, der ein paar Jahre später als Soldat fallen wird, und Almut, Tochter einer Deutschen und eines Tschechen. Für den Roman, der die Lebensgeschichten dreier Generationen von Frauen verfolgt, ist Almut so etwas wie ein stilles Zentrum; ihr Dasein ist es, das er von Anfang bis Ende umfasst, auch wenn zwischendurch die Leben anderer Personen wichtiger werden – einfach weil sie ihre Leben aktiver gestalten. Almut, deren Eltern früh sterben, wird von Rosas Mutter Ida aufgenommen, als die Deutschen nach dem Krieg aus Brünn vertrieben werden. Sie landet mit den Mädchen im Brandenburgischen, wo die Neuankömmlinge nicht eben mit offenen Armen empfangen werden.

Peggy Mädler:  Wohin wir gehen. Roman. Galiani, Berlin 2019. 224 Seiten, 20 Euro.

Während Ida bald ganz in der Aufgabe aufgeht, den sozialistischen deutschen Staat mit aufzubauen, treten die Mädchen eher aus pragmatischen Gründen der FDJ bei. Rosa, die Ältere und Temperamentvollere, hat Probleme damit, sich stets der Parteidisziplin unterzuordnen, und geht Anfang der sechziger Jahre in den Westen. Almut, die bleibt, bekommt Schwierigkeiten, da sie die Pläne der Freundin nicht verraten hat, und auch Ida bricht den Kontakt zu ihr ab. Erst nach Jahren kann Almut wieder als Lehrerin arbeiten, lernt einen neuen Mann kennen und bekommt spät ein Kind: Elisabeth, genannt Elli.

Elli und ihre beste Freundin Kristine, die ihrerseits auch eine Tochter hat, bilden die dritte Frauengeneration in diesem Roman, der perspektivisch flexibel mal bei dieser, mal bei jener Figur ist. Als Almut im Alter an Parkinson erkrankt, ist es die in der Nähe lebende Kristine, die sich am meisten um sie kümmert, während Elli eine internationale Karriere als Bühnenbildnerin verfolgt.

Alltagsgeschichte aus dezidiert weiblicher Perspektive zu erzählen, ist als Programm nicht neu; was Peggy Mädlers Ansatz eher ungewöhnlich macht, ist die Weite des historischen Fokus, den sie aufzieht. Am Leben der 1932 geborenen Almut kann Mädler exemplarisch deutsche Geschichte zeigen: die Nazizeit im Sudetenland, die Vertreibung, die ersten Jahre der DDR, schließlich die Nachwendezeit. Insbesondere die Aufbaujahre der DDR werden sehr ausführlich behandelt. Es ist die Epoche, die im Roman mit Abstand am meisten an Farbe gewinnt und als einstige Realität vorstellbar wird.

Das Leben auf dem brandenburgischen Lande mit seinen bescheidenen Vergnügungen wird geschildert, die ersten mühsamen Schritte zu einem Aufbau einer sozialistischen Jugendorganisation im Ort, die mühsame Beschaffung dreier blauer FDJ-Fahnen durch den noch auf einsamem Posten agierenden Jugendfunktionär. Mädler imaginiert – oder dokumentiert, denn genau so könnte es gewesen sein – den ausgedehnten Briefwechsel des Funktionärs mit der Tuchfabrik, die den Fahnenstoff liefern kann, aber selbst unter Engpässen leidet. Am Ende tauscht man Fahnen gegen Futtermittel.

Es ist hübsches Zeitkolorit, das Mädler auch unter Verwendung solchen und ähnlichen dokumentarischen Materials aufzubauen gelingt. Doch der starke Fokus auf einer bestimmten historischen Phase bedeutet, dass der Rest der Zeitläufte in diesem Roman irgendwie – und ziemlich rasch – vorbeifließt, vieles angerissen oder angedeutet wird, aber letztlich wenig Eindruck hinterlässt und wie hinter einem Schleier erzählt wirkt.

Wenig Eindruck, und das ist sehr schade, hinterlassen ebenso die Romanfiguren. Die Lebensumstände der Frauen, um die es geht, werden grundsätzlich eingehender geschildert als die Personen selbst, die sämtlich wenig konturiert erscheinen und anhand plakativer Eigenschaften und Dichotomien voneinander unterschieden werden: die zögerliche Almut und die kühne Rosa. Die sesshafte Kristine und die reisende Elli. Ida, die kommunistische Funktionärin. Keine dieser Figuren ist dazu angetan, in ihrer Leserin, ihrem Leser echte Anteilnahme zu wecken. Sicher, nicht vorrangig um das individuelle Erleben geht es in diesem Roman, sondern um Alltagsgeschichte, die ein wenig literarisch verpackt wurde. Aber ist es nicht so, dass Literatur gerade dann entsteht, wenn Individuelles so erzählt wird, dass daraus etwas viel Größeres entsteht? Das ist hier jedenfalls nicht passiert.

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