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Ich zitiere dich, du zitierst mich

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Und wer hat, dem wird gegeben: Georg Franck misst die Ökonomie der Aufmerksamkeit nach

Erfolgreiche Bücher prägen Schlagworte, die sich dadurch auszeichnen, dass man sie verwenden kann, ohne noch genaueren Bezug auf die Inhalte der Bücher nehmen zu müssen, die das Schlagwort geprägt haben. Wer weiß schon genau, in welchem Zusammenhang Habermas von der "neuen Unübersichtlichkeit" gesprochen hat? Wer von denen, die meinen, wir lebten in einer "Risikogesellschaft", hat tatsächlich das gleichnamige Buch von Ulrich Beck gelesen? Wer schließlich kennt die wissenschaftlichen Kontexte, in denen die Wendung von den "neuen Kriegen" ursprünglich aufgekommen ist?

Eine ähnlich erfolgreiche Karriere wie die genannten Begriffe hat der von Georg Franck geprägt Begriff der "Aufmerksamkeitsökonomie" hinter sich. Schon bald nach Erscheinen von Francks Buchs über die Ökonomie der Aufmerksamkeit im Jahre 1998 löste sich der Begriff aus seinem Entstehungskontext und tingelte erfolgreich durch all die Diskussionen, in denen es darum ging, die Gesetze moderner Massenmedien möglichst prägnant auf den Punkt zu bringen. Wer in solchen Zusammenhängen etwa sagte: "Da sieht man mal wieder, wie die Aufmerksamkeitsökonomie funktioniert!", der hatte ungefähr Folgendes im Sinn: In unseren Gesellschaften wird Aufmerksamkeit wie eine Kapitalart verwendet, also etwa wie Geld. Wir können Aufmerksamkeit "einnehmen", wir können sie aber auch "ausgeben". Wir geben sie aus, wenn wir anderen Aufmerksamkeit schenken, wir nehmen sie ein, wenn andere uns Aufmerksamkeit schenken. Weil Aufmerksamkeit auf diese Weise wie Geld funktioniert, gibt es eine "Ökonomie" der Aufmerksamkeit und auch Märkte, auf denen um Aufmerksamkeit "gefeilscht" wird.

Wo Beachtung eingeheimst werden soll, wird die Sache selbst sekundär

Wie angemessen dieses Verständnis noch ist, lässt sich nun überprüfen: Mit Mentaler Kapitalismus. Eine politische Ökonomie des Geistes hat Franck ein neues Buch vorgelegt, das explizit an die Vorgängerstudie anknüpft. Auffällig sind dabei zunächst tatsächlich die Parallelen. Wie schon in dem früheren Buch unternimmt Franck den Versuch, einen immateriellen Kapitalismus zu beschreiben, dessen Hauptwährung die Kategorien der Aufmerksamkeit und der Beachtung sind. Und wie schon in dem früheren Buch lässt Franck in Mentaler Kapitalismus keinen Zweifel daran, dass die Währung Aufmerksamkeit keine tieferen Gründe oder Argumente braucht, um ihre eigenen Ausgaben und Einnahmen zu rechtfertigen. Wir beachten nicht den, der Beachtung "verdient" hat, wir beachten den, der beachtet wird. Im Universum der Aufmerksamkeitsökonomie gibt es niemanden, der "zu Recht" zum Star avanciert, es gibt nur Stars, die es, wie auch immer, geschafft haben, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und schon allein dadurch in die Lage geraten, noch mehr Aufmerksamkeit einzunehmen. Wer hat, dem wird gegeben.

Es gibt noch weitere Parallelen zum Vorgängerbuch. Wieder wird die Wissenschaft als paradigmatische Disziplin der Aufmerksamkeitsökonomie behandelt: "Wissenschaftler investieren eigene Aufmerksamkeit, um an die Aufmerksamkeit anderer Wissenschaftler zu kommen." Ich zitiere dich, du zitierst mich. Wer am häufigsten zitiert wird, ist reich an Reputation und Ruhm. Und es bleibt dabei: "Worum es in der Sache geht, ist sekundär." Deutlich wird durch das Beispiel Wissenschaft allerdings auch, dass Francks Thesen, die immer dann eine fast schon betörende Plausibilität gewinnen, wenn sie auf die Massenmedien und ihre hohle Gier nach Superstars und Blitzlichtsternchen angewendet werden, ihrem Anspruch nach umfassender sind. Neben der Wissenschaft findet in Mentaler Kapitalismus die Architektur breiteren Raum, was wohl - neben einer recht theoretisch formulierten Kritik an Bourdieus Kapitalbegriff - als einer der wenigen substantiell neuen Punkte des Buchs bezeichnet werden muss.

Im Kern geht es Franck dabei um den Nachweis, dass auch die neuere Architektur, er denkt vor allem an Figuren wie Peter Eisenman, Frank Gehry und Daniel Libeskind, zunehmend am Kampf um Aufmerksamkeit beteiligt ist. Aus seiner Bewunderung für diese Stararchitekten macht Franck dabei keinen Hehl, gelang es ihren Bauten doch zunächst, "massenhaft Aufsehen zu erregen, ohne sich den Massen anzubiedern". Nur leider hat der Erfolg hier wie anderswo "Verschleißkräfte" auf den Plan gerufen und dafür gesorgt, dass uns ein Gebäude von Gehry oder Eisenman nicht etwa aufgrund seiner architektonischen Qualitäten gefällt, sondern weil es eben ein Gebäude von Gehry oder Eisenman ist.

Nicht dass diese Gebäude keine herausragenden architektonischen Qualitäten hätten! Franck spart nicht mit Detailbeschreibungen, die das Können dieser dekonstruktivistischen Architekten unter Beweis stellen sollen. Aber es ist nun mal ein ehernes Gesetz der Aufmerksamkeitsökonomie, das Qualitäten irgendwann im eher undifferenzierten Dickicht erworbener Beachtungsquanten untergehen und damit die Sachhaltigkeit der Diskurse zerstören. Man bemerkt es kaum, aber hinter der kühlen, sachlichen, etwas verquasten Prosa Francks weht gelegentlich der vergebliche Hauch der Kulturkritik.

Trotzdem werden vehemente Nostalgiker der Sachhaltigkeit fragen: Stimmt's? Ist Aufmerksamkeit im Sinne einer bloßen mentalen Bewusstseinsleistung (ich sehe dich) tatsächlich alles, was wir wollen? Ein Hinweis aus älterer Quelle sei erlaubt. Ausgerechnet der vermeintliche Erzkapitalist Adam Smith stellt in seiner Theorie der ethischen Gefühle fest: "Das aufrichtige Lob kann uns nur wenig Freude bereiten, wenn es nicht als irgendeine Art von Beweis für unsere Lobenswürdigkeit betrachtet werden kann." Was doch wohl in Übertragung auf unseren Zusammenhang heißen soll, dass wir nicht einfach nur gesehen werden wollen, so wichtig uns das Gesehenwerden ist. Vielmehr wollen wir gesehen werden, weil wir uns für gute Schauspieler, gute Köche, gute Sportler oder gute Wissenschaftler halten und über den Blick und die Anerkennung anderer eine Art Vergewisserung und Bestätigung suchen. Das Problem an Francks Entwurf ist, schlicht gesagt, seine oberflächliche Psychologie. Sicher, es gibt mediale Ereignisse, die schnellen Ruhm auf der Basis bloßer oberflächlicher Beachtung ermöglichen. Schwierig wird es aber dann, wenn diese Fälle zum Ganzen stilisiert werden, wenn aus Phänomenen der Massenmedien Phänomene des "Kapitalismus" oder gar der Gesellschaft werden. Francks aufmerksame Diskussion einzelner architektonischer Raffinessen zeigt: Es gibt sie noch, die Suche nach sachlicher Qualität, die Aufmerksamkeit verdient. Der Autor widerlegt sich selbst, und das ist irgendwie beruhigend.

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