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Zerstörung, Zerstreuung

Claudio Magris' Essays über Literatur und Gesellschaft

Von Franziska Meier

"Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen; und jeder geht zufrieden aus dem Haus", davon hängt, so der Theaterdirektor in Goethes Faust, der Erfolg eines Stückes ab. Formuliert wird darin zugleich ein wohl bis heute geltende Leitsatz, nach dem Verlage immer wieder gern Sammlungen mit Essays und Artikeln bekannter Autoren herausbringen. Im Falle des Triestiner Germanisten Claudio Magris allerdings, der sich inzwischen lieber als Dichter versteht, bewahrt das Abgestandene und thematisch Disparate überraschend seinen Reiz. Denn zusammengehalten wird die Fülle von Essays durch den feinen, leichten, melodiös schwingenden Stil des Schreibers, den die Übersetzer gut ins Deutsche übertrugen, und vor allem durch seine Persönlichkeit. Denn Buffons Diktum "Le style, c'est l'homme" trifft auch auf Magris zu.

Die Essays fächern verschiedene Facetten seiner Persönlichkeit auf: diesmal weniger den profunden Kenner der Habsburger Donaumonarchie als den Germanisten, der etwa über Fontanes versöhnende Distanz zu der ihm fremd gewordenen Zeit schreibt; den Literaturliebhaber Magris, dem das Werk Borges' ebenso vertraut ist wie das von Stevenson oder Victor Hugo; den italienischen Intellektuellen, der mit Eugenio Montale und Primo Levi verkehrte und sich geistig in ihrer Schuld weiß; sowie den engagierten Zeitzeugen Magris, der sich über unlogische Äußerungen im Fernsehen aufregt oder über Allgemeinmenschliches wie das Abschreiben und Vorsagen in der Schule nachsinnt. Kurz: Wer Magris gerne liest, wird in diesem Band auf seine Kosten kommen.

Neben den literarischen Essays sind vor allem die Zeitdiagnosen bemerkenswert. Denn sie werfen einen verfremdenden Blick auf das, was uns so selbstverständlich geworden ist. So sieht ausgerechnet der gebürtige Triestiner, der von der Vielfalt der Kulturen und Ethnien geprägt ist und sich selbst nur im Dialog mit dem Andern bestimmen kann, in der heute so vollmundig gepriesenen Multi-Kulti-Gesellschaft keinen Vorzug. Überall nimmt er lediglich wachsende Indifferenz und Nivellierung von Werthierarchien am Werk: "dieses Sammelsurium - das Kant und den Müll der schwarzen Messen in einen Topf wirft und nie Position bezieht, sondern, wie es auch in den Zeitungen geschieht, Meinungen aneinander reiht - ist das Gegenteil des Dialogs und der Begegnung unterschiedlicher Menschen und Welten."

Spannend ist zu verfolgen, wie ausgerechnet Claudio Magris, der für sich selbst und in der austroungarischen Literatur den Wert der Grenzerfahrung für die Identitätsbestimmung immer wieder herausgearbeitet hat, in solchem Nebeneinander von Kulturen nurmehr die Zerstörung oder Zerstreuung menschlicher Identität wahrnimmt. Er diagnostiziert das Aufkommen eines zentrifugalen, beinahe amorphen Ich, in dem alles beliebig Platz habe, ohne die Identität zu prägen oder zu bereichern. Übrigens bestimmt Magris dabei seinen eigenen Standort eigenartig widersprüchlich. Er sieht sich und seine Generation als Verlängerung einer strindbergschen Zerrissenheit, eines Auslebens unversöhnlicher Gegensätze, aber eben auch als Zeitgenossen, an dem die Amorphisierung des Ich nicht spurlos vorübergegangen ist. Zu integrieren vermag selbst er sie nicht in sein Identitätsverständnis.

Claudio Magris hält es weithin mit der Vergangenheit, zu der ihm die Literatur den Schlüssel liefert. Um die Gegenwart zu verstehen, wartet er auf einen neuen Roman, der es ihm erst erlauben werde, das Neue an sich zu definieren. Die Essays sind insofern das Werk eines Dinosauriers. Weltfremd wirkt etwa das Plädoyer für ein Weltverständnis, das teils aus Max Weberscher Entzauberung teils aus einem ungetrübten Willen zur Utopie bestehen soll. Hilflos erscheint auch die durchaus richtige Ermahnung, nach den Gesetzen der Vernunft und Logik zu handeln.

Und es ist heute wohl nur noch einem italienischen Germanisten möglich, in alter Weise die "Größe der deutschen Kultur" in ihrem "religiös-poetisch-philosophischen Horizont" zu suchen, "der es ihr ermöglicht, bis auf den Grund des Lebens und der Geschichte vorzudringen und sich jenem Sinn für das Göttliche und Absolute zu öffnen, aus dem höchste Poesie" entstehe.

Magris' Geschichten, Hoffnungen und Illusionen der Moderne sind schön zu lesen, weise, aber sie zeugen eben auch von Ratlosigkeit gegenüber der herrschenden Welt.

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