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Yeva Skalietska: „Ihr wisst nicht, was Krieg ist“ - Zersprengte Kindheit

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Von: Lisa Berins

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Im Zug: Yeva Skalietska schreibt Tagebuch. Iryna Skalietska
Im Zug: Yeva Skalietska schreibt Tagebuch. ©  Iryna Skalietska

Die zwölfjährige Yeva schreibt Tagebuch über den Ukrainekrieg und ihre Flucht.

Das Tagebuch schimmert in Regenbogenfarben und trägt ein Herz auf dem Titel. Yeva Skalietska, eine zwölfjährige Ukrainerin, hat darin die Schrecken des Krieges festgehalten. Die Angst und die Bomben, die in ihr Leben hereinbrechen und alles Bisherige, alles Vertraute, alle Träume ausradieren. Das Unvorstellbare – Yeva Skalietska hält es fest, in der schnörkellos pointierten Sprache einer Heranwachsenden, in Chatverläufen aus ihrer Freundes-Whatsappgruppe. Ihr Tagebuch ist jetzt unter dem Titel „Ihr wisst nicht, was Krieg ist“ - auch als Hörbuch - erschienen.

Es kostet Überwindung, es in die Hand zu nehmen. „Hinter jedem Satz steht ein Abgrund“, schreibt Marina Weisband im Vorwort. Erträglicher macht es das Wissen: Die Schreiberin kann – anders als Anne Frank – dem Grauen entkommen, zumindest physisch. Auf ihrer Flucht lernt Yeva in Uschhorod nahe der slowakischen Grenze Reporter des britischen Fernsehsenders Channel 4 kennen, die ihr und ihrer Großmutter Irina bei der Einreise nach Irland helfen und sie auf ihrer Flucht begleiten. (Auf der Website von Channel4 ist ein Bericht über Yeva abrufbar).

Yeva Skalietska feiert am 14. Februar ihren zwölften Geburtstag: Luftballons im Zimmer! Eine Bowlingparty im Nikolsky-Einkaufszentrum! Yeva ist ein fröhliches Mädchen. Sie mag die Schule, liebt es zu malen und Klavier zu spielen. Mit ihrer Großmutter Irina lebt sie in Charkiw – eine tolle Stadt, wie Yeva findet, in der es „super viel Schönes“ gibt: Parks, einen Zoo, einen Musikbrunnen mit Affen, ein Delfinarium.

Der 14. Februar. An diesem Tag positionieren sich die russischen Truppen, Russland könnte jederzeit in die Ukraine einmarschieren – das liest man nicht in Yevas Einträgen. Der Verlag hat den Kapiteln Presse-Schlagzeilen vorangestellt, die die Welt erschütterten. Für Yeva muss all das so fern und abstrakt gewirkt haben, nichts, was mit ihrer Lebensrealität zu tun hatte. Und dann geschieht es, aus heiterem Himmel.

24. Februar, um 5.10 Uhr: Yeva hat tief geschlafen, als ein metallischer Krach sie weckt. „Oma steht am Fenster und guckt auf die russische Grenze, und da brennt der ganze Horizont, und es fliegen Raketen über die Felder. Und dann fliegt eine riesige Rakete genau an unserem Fenster vorbei und explodiert mit so einer Wucht, dass mir das Herz in der Brust eiskalt wird.“ Yeva hat furchtbare Angst: „Ich hatte so oft vom Krieg gehört, aber ich war noch nie in einem Krieg.“

Das Buch

Yeva Skalietska: Ihr wisst nicht, was Krieg ist. Übersetzt von Alexandra Berlina. Knaur HC. 192 S., 18 Euro.

Den kommenden Tag und die Nacht verbringen sie im Keller des Wohnblocks, ab und zu gehen sie zurück, um sich zu waschen, zu essen – und um das Tagebuch zu holen. Yeva will von jetzt an alles aufschreiben. Die Angriffe werden lauter, kommen näher. Panzer fahren vorbei. Raketen zischen. Explosionen krachen: „BUMM!“. Am zweiten Tag schaffen sie es vor einem Angriff gerade noch rechtzeitig in den Keller. Die Oma beschließt: Sie müssen weg, und sie müssen alles zurücklassen. Freunde, Malsachen, die geliebte, rosa Plüschkatze Tschupapelja. „Unser Leben ist wichtiger!“, sagt die Oma.

Mit dem Taxi fahren sie zu einer Freundin im Nowobawarskyj-Viertel. Am fünften Tag wird ein Wohnblock in Charkiw zerstört. Es gibt Verletzte und Tote. Eine Freundin schreibt im Chat: „Wir werden jetzt gerade bombardiert. Ich habe so viel Angst.“

Tag sechs trägt die Überschrift: „Ich will leben!“. Yeva schreibt: „Mit jeder Bombe bleibt mein Herz kurz stehen. Jede Minute, jede Sekunde festhalten. Es könnte die letzte sein.“ Auf Charkiw hagelt es Bomben, Schüsse fallen. Yeva erfährt, dass ihre alte Wohnung getroffen wurde – von Submunition einer Streubombe, deren Einsatz ein Kriegsverbrechen ist. Die Küche ist zersprengt, der Flur voller Trümmer. Es ist, als wäre ein Teil von ihr zerstört worden, notiert Yeva. „Die Dinge selbst sind mir nicht so wichtig, aber sie waren ein Teil meiner Kindheit! Ich habe das Gefühl, jetzt ist auch sie zersprengt.“

Später, nachdem Yeva und ihre Oma in den überfüllten Zug in die Westukraine gestiegen, nach Uschhorod und dann über Ungarn nach Irland geflüchtet sind, als sie in kürzester Zeit ein neues Leben in Dublin beginnen, betritt ein Bekannter Yevas alte Wohnung in Charkiw, um einige Dinge zu retten. Alles ist zerstört, die Möbel zerfetzt, die Fenster kaputt. „Aber auf dem Bett liegt meine Tschupapelja und sieht rosa und kuschelig aus wie eh und je! Durch ein Wunder hat sie überlebt!“

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