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Im Zentrum der Macht: Indonesiens Ex-Präsidentin Megawati Sukarnoputri.

Seyran Ates' neues Buch

Ein Zerrbild

Seyran Ates, eine der bekanntesten deutschen Migrationsforscherinnen, schlägt in ihrem neuen Buch "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution" die Religion über einen Leisten. Von Susanne Schröter

Von Susanne Schröter

Wenn es um ehelichen Sex geht, hat der in Frankfurt lebende Konvertit Hadayatullah Hübsch klare Vorstellungen: Eine Frau, schreibt er in seinem Buch "Frauen im Islam", habe ihrem Gatten stets zu Diensten sein, selbst, wenn sie gerade dabei sei, den Ofen zu reinigen. Das ist eine moderne Abwandlung eines Spruches, der dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird und der besagt, eine Frau solle ihren Mann an jedem Ort und zu jeder Zeit befriedigen, wenn er dies wünsche, selbst auf dem Rücken eines Kamels.

Solche, leider nicht humoristisch gemeinten Ratschläge haben Seyran Ates, eine der bekanntesten deutschen Migrationsforscherinnen, dazu veranlasst, ein neues Buch zu schreiben. "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution", lautet der Titel. In der islamischen Welt, so ihr Befund, stellen Vorstellungen wie die von Hadayatullah Hübsch keineswegs eine Ausnahme dar. Vielmehr seien sie symptomatisch für einen religiös begründeten Mainstream, der sich durch Sexualfeindlichkeit und Doppelmoral, Patriarchalismus und Repression, Gewalt und Gesetzlosigkeit auszeichne. Nur durch eine grundlegende Veränderung, vergleichbar mit der sexuellen Revolution der 68er-Bewegung, ließen sich diese Missstände beseitigen.

Mit diesem Buch beweist Ates Kontinuität. Bereits in ihrer 2003 veröffentlichten Autobiographie "Große Reise ins Feuer" hatte sie das erdrückende Klima nachgezeichnet, dem kurdische Mädchen in ihren Familien ausgesetzt sind und war dann in einer zweiten Monographie mit dem provokativen Titel "Der Multikulti-Irrtum" gegen Kopftuchträgerinnen und muslimischen Machismo zu Felde gezogen.

In beiden Büchern sowie in zahlreichen Interviews, Aufsätzen und Stellungnahmen hatte Ates auf die fatalen Folgen einer Ideologie hingewiesen, die die Ehre der Familie zwischen den Beinen der Frauen lokalisiert und Männern ein kaum eingeschränktes Verfügungs- und Gewaltmonopol über das weibliche Geschlecht einräumt.

Das neue Buch ist einerseits eine Fortsetzung von bereits Geschriebenem, andererseits eine Zuspitzung auf eine repressive sexuelle Ordnung, die teilweise mit dem Islam gerechtfertigt wird, teilweise aber auch in kulturellen Mustern wurzelt. Dabei sind Ates einige treffende Analysen gelungen, vor allem im Hinblick auf das Problem allzu wortgetreuer Auslegungen von Koran und Sunna.

Ein buntes Kaleidoskop

Ates entfaltet ein buntes Kaleidoskop aus Erlebtem, Gelesenem und Erzähltem. Ein bisschen Autobiographie, ein paar Episoden aus dem Leben des Propheten Mohammed, Beispiele von sexuellem Missbrauch, Ehrenmorden, Zwangsheiraten und häuslicher Gewalt in unterschiedlichen Ländern, untermalt mit Zitaten aus Koransuren und islamischen Überlieferungen.

Die dargebotene Montage liest sich flüssig, auch deshalb, weil auf eine genaue Beweisführung ebenso verzichtet wird wie auf eine Reflexion der präsentierten Kontexte. Alles ist bei Ates irgendwie eins, und alles gehört, weil islamisch, schon deshalb irgendwie zusammen. Der Islam, so Ates´ Kernthese, ist grundsätzlich frauenfeindlich und unterdrückerisch und könne daher als Quelle von Frauenfeindlichkeit und Unterdrückung in islamischen Gesellschaften und Gemeinschaften identifiziert werden.

Eine solche Simplifizierung ist weder sinnvoll noch ist sie wahr. Die Gemeinschaft aller Muslime, auf die die Autorin abzielt, ist vielleicht eine imagined community im Sinne von Benedict Anderson, doch wirkmächtig wird sie in der Realität nur selten. Islamische Gesellschaften waren und sind unterschiedlich, nicht zuletzt im Hinblick auf ihre Geschlechternormen und das alltägliche Zusammenleben von Männern und Frauen.

Zwischen den indonesischen Minangkabau auf Sumatra, von Ethnologin Peggy Reeves Sanday als matriarchalische Gesellschaft bezeichnet, und den Kurden im ländlichen Anatolien, deren düsteres Regelsystem der Filmemacher Yilmaz Güney schon in den 1960er und 1970er Jahren in bedrückenden Geschichten festhielt, gibt es nahezu keine Gemeinsamkeiten - bis auf die Tatsache, dass beide islamisch sind.

Ähnlich verschieden wie die islamischen Kulturen sind auch die Möglichkeiten von Frauen, eigene Lebensentwürfe umzusetzen. Nahezu nichts verbindet eine gebildete islamische Feministin in den USA mit einer muslimischen Analphabetin aus dem ländlichen Afghanistan oder eine saudi-arabische Ministerin mit einer türkischen Putzfrau in Kreuzberg.

Bei allzu vorschnellen Verurteilungen islamischer Geschlechterverhältnisse sei auch daran erinnert, dass, lange bevor Angela Merkel deutsche Kanzlerin wurde, Benazir Bhutto im Pakistan das Amt der Premierministerin bekleidete, ebenso wie Megawati Sukarnoputri in Indonesien, Sheik Hassina Wajed und Khaleda Zia in Bangladesch.

Zu kurz greifende These

Frauen erobern auch in islamischen Ländern Führungspositionen, andere dagegen werden missbraucht und geprügelt. Welche Art von Existenz eine islamische Frau führen kann, lässt sich nur teilweise auf die Religion zurückführen. Der kulturelle Hintergrund, Bildung, Beruf, Herkunft und Status einer Frau sind meist weitaus wichtiger.

Ates´ These, der Islam sei an allen von ihr zu Recht angeprangerten Missständen schuld, greift zu kurz. Sicher ist es nicht zu bestreiten, dass man ohne Mühe frauenverachtende Suren im Koran aufspüren kann und dass in der islamischen Überlieferung, der Sunna, einige grauenvolle Vorstellungen von Geschlechterverhältnissen tradiert werden. Das allerdings gilt für alle Weltreligionen, auch für das Christentum. Letzteres, mag man einwenden, habe sich gewandelt, habe einen Prozess der Liberalisierung und Säkularisierung durchlaufen. Das ist richtig. Doch diese Entwicklung ist im Islam gegenwärtig ebenso zu beobachten.

Islamische Theoretiker und Theoretikerinnen wie Khaled Abou El Fadl, Abdullah Ahmed An-Na´im, Siti Musdah Mulia, Aina Wadud, Ali Asghar Engineer und Lily Zakiyah Munir, um nur einige zu nennen, haben längst Vorschläge für eine neue Interpretation der islamischen Quellen vorgelegt und werben für einen emanzipativen Islam.

Islamische Frauenorganisation wie die malaysischen "Sisters in Islam" oder transnationale Netzwerke wie "Women Living under Muslim Law" kämpfen nicht ohne Erfolg für die Umsetzung der UN-Agenda zur Abschaffung jeglicher Diskriminierung von Frauen, die mittlerweile von fast allen islamischen Länder ratifiziert wurde.

Seyran Ates erwähnt solch positive Entwicklungen in ihrem Buch durchaus, aber sie misst ihnen zu wenig Gewicht bei, und sie verfängt sich immer wieder in wenig hilfreichen Vermengungen zwischen einem undifferenziert gezeichneten Islam und den repressiven Strukturen muslimischer Migrantengemeinschaften in Deutschland.

Viele Muslime sehen Reformbedarf bei der Auslegung des Korans und der Sunna und engagieren sich für Frauenrechte innerhalb der islamischen Gemeinschaften. Sie lehnen es allerdings ab, den Islam unter Generalverdacht zu stellen und fühlen sich angegriffen, wenn ihre Religion auf ein misogynes Zerrbild reduziert wird. Anstelle eines groben Rundumschlags gegen die Religion wäre es der Sache dienlicher, denjenigen Gläubigen die Hand zu reichen, die selbst, mit oder ohne Kopftuch, daran arbeiten, ihre Religion so zu interpretieren und zu praktizieren, dass sie mit der Emanzipation der Frauen und einer offenen Gesellschaft vereinbar wird.

Ates selbst ist von diesen Akteurinnen gar nicht so weit entfernt, wie sie in ihren zornigen Schimpftiraden zu sein vorgibt. "Wer an Gott glaubt und seinen Verstand gebraucht", schreibt sie am Schluss ihres Buches, "kommt nicht umhin zu erkennen, dass die Herrschaft des Mannes im Namen der Religion und Unterdrückung der Frauen im Namen der Religion nicht von Gott gewollt, sondern von Menschen gemacht sind." Damit können sich sicherlich viele Muslime in aller Welt einverstanden erklären.

Seyran Ates: Der Islam braucht eine sexuelle Revolution. Eine Streitschrift. Ullstein Verlag, Berlin 2009, 288 Seiten, 19,90 Euro.

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