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„Zerborstene Zeit“ von Michael Wildt: Im Dunkel tappen

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Von: Harry Nutt

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Ein Turm aus Geldscheinen: Hyperinflation im Jahr 1923.
Ein Turm aus Geldscheinen: Hyperinflation im Jahr 1923. © imago images/United Archives Int

Michael Wildts historische Studie „Zerborstene Zeit“ erzählt deutsche Geschichte von den Rändern her und riskiert den Willen zum Fragmentarischen.

Die revolutionäre November-Stimmung leuchtete im München des Jahres 1919 dem feinsinnigen Dichter Rainer Maria Rilke unmittelbar ein. „Der Dunst aus Bier und Rauch und Volk“, schrieb er an seine Frau Clara, „ging einem nicht unbequem ein, man gewahrte ihn kaum, so wichtig wars und so über alles gegenwärtig klar.“ Mittendrin war auch Oskar Maria Graf, der bei aller Gefahr, die vom Getümmel ausging, erstaunt bemerkte: „Die meisten Menschen lachten und schwatzen, als ging’s zu einem Fest.“ Selbst Thomas Mann bemerkte eine Mischung aus Umsturz und Festlichkeit. „Irgendwie begehen die Menschen den Anbruch einer neuen Zeit.“

Für den Historiker Michael Wildt ist es „zerborstene Zeit“, die er in zwölf Kapiteln einer veränderten Betrachtung zu unterziehen versucht. Dabei ist der Ausgangspunkt seiner Überlegungen, dass die vielgestaltig erforschte deutsche Geschichte zwischen 1918 und 1945 keiner weiteren linearen Gesamtdarstellung bedarf. Vielmehr ist er bemüht, den Rissen und Brüchen, die aus den eruptiven Ereignissen des frühen 20. Jahrhunderts resultieren, mit Blick auf die Gesellschaftsgeschichte auch methodisch Rechnung zu tragen.

Der Zugriff auf Tagebücher, die Momentaufnahmen transportieren und keinen Anspruch auf analytische Klarheit erheben, bietet sich dabei an, und gegen die berufenen Stimmen von Schriftstellern und Intellektuellen schneidet Wildt die Aufzeichnungen der Luise Solmitz, Tochter einer gutbürgerlichen Hamburger Kaufmannsfamilie und Volksschullehrerin, sowie des katholischen Kommunalpolitikers Matthias Joseph Mehs aus Wittlich in der Eifel. Mit dem erklärten Willen zum Fragment, den Wildt in einer Einleitung ausdrücklich hervorhebt, lässt er die beiden neben anderen als in das Zeitgeschehen hineingeworfene Akteure mit ihren Bemerkungen paradieren.

Kriegsende, Revolution, Hyperinflation und nationalsozialistische Machtergreifung machen etwas mit den Menschen, die aber erst im Rückblick, wenn überhaupt, in vollem Umfang zu erkennen vermögen, wie sehr sie Zivilisations- und Epochenbrüchen ausgesetzt waren. Durch den Versuch, die deutsche Geschichte von der Peripherie und von den Rändern aus zu betrachten sowie von unten und von außen zu beschreiben, gelingen Michael Wildt immer wieder erstaunliche Zugriffe auf vermeintlich historisch Bekanntes. Zwar ließe sich das Inflationsjahr 1923 auch entlang der Lebensmittelpreise und den Bemühungen der Menschen beschreiben, mit den rasenden ökonomischen Entwicklungen Schritt zu halten. Wildt lenkt den Blick stattdessen auf die psychosozialen Folgen einer Entwertungserfahrung, die für den Schriftsteller Stefan Zweig entscheidend für sein Verständnis des heraufziehenden Nationalsozialismus war. In diesem Sinne resümiert Michael Wildt: „Bürgerliche Grundsätze wie: ,Gutes Geld für gute Arbeit‘ oder ,Sparen heißt das Alter sichern‘ zerstoben im Wirbel der Hyperinflation, die eben nicht nur materielle Sparvermögen vernichtete, sondern auch den Glauben an die Gültigkeit der immateriellen Werte bürgerlicher Gesellschaft.“

Das Buch:

Michael Wildt: Zerborstene Zeit. Deutsche Geschichte 1918 bis 1945. Verlag C. H. Beck, München 2022. 638 S., 32 Euro.

Den Verlust jeglichen Einschätzungsvermögens beklagt denn auch der berühmte Tagebuch-Schreiber Victor Klemperer: „Eva und ich stehen mitten in den Ereignissen, stehen geistig darüber, haben jahrelange Erfahrungen, haben geschichtliche, philosophische Kenntnisse, lesen und hören, kennen das Ausland – und nicht den ungefähren Verlauf des Allernächsten können wir ahnen, wir tappen im tiefsten Dunkel (…) Ich bin überzeugt, Kahr und Ebert und Hitler und Stresemann und auch Pointcaré tasten im gleichen Dunkel wie wir.“

Hitler ist in diesem Zusammenhang bloß eine Nebenfigur. Indem Michael Wildt den Blick jedoch auf dessen deutlich Konturen annehmende Ambitionen richtet, wird unmissverständlich klar, dass das antisemitische Programm, das schließlich in den Holocaust mündet, bereits sehr früh Gestalt annahm. Eine aufmerksame, für demokratische Prinzipien einstehende Gesellschaft hätte dies erkennen und einhegen können. Der antidemokratische Geist aber wucherte gleichermaßen im linken und rechten Milieu und ging mitunter erstaunliche Koalitionen ein. Weitverbreitet waren antisemitische Ressentiments in der bürgerlichen Mitte, die etwa auch den redlichen katholischen Kronzeugen Matthias Joseph Mehs erfassten. Eine im Bürgertum grassierende Angst vorm Bolschewismus war größer als die möglichen Bündnisse gegen den verhängnisvollen Kurs auf die zivilisatorische Katastrophe.

Wildt gelingt das Kunststück, den Blick sowohl auf historische Details wie auf jene soziale Dynamik zu richten, die zu einer sich als Versprechen gerierenden Volksgemeinschaft tendiert. „Zerborstene Zeit“ wird so zu einer Lektion, die anregt und zu einer historischen Reise einlädt, anstatt zu belehren oder Faktenkolonnen aufmarschieren zu lassen.

Wie ergiebig dieses auch in stilistischer Hinsicht gelungene Unterfangen ist, zeigt auf eindrucksvolle Weise das Kapitel über die ukrainisch-polnische Stadt Lemberg im Jahre 1941, das vor dem Hintergrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine als Schlüsseltext zum Verständnis des Putin’schen Gewaltexzesses gelten kann. Lemberg/Lwiw/Lwow ist im 20. Jahrhundert immer wieder von Krieg, Besatzung und ethnisierter Gewalt heimgesucht worden. Es gab schwere Konflikte zwischen Polen und Ukrainern, es gab sowjetische und deutsche Besatzung und furchtbare Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung und schließlich die Ermordung der Juden im Holocaust. Was Wildt in diesem Kapitel in konzentrierter Form über eine kaum hinreichend bearbeitete Gewaltgeschichte in Osteuropa zusammenträgt, bietet Erklärungsansätze dafür, den gegenwärtigen Selbstbehauptungswillen der ukrainischen Bevölkerung verständlich zu machen.

Wildts „Zerborstene Zeit“ ist ein Lesebuch im besten Sinne. Am deutlichsten wird dies in dem Kapitel über das Jahr 1926, in dem er die Erfolgsgeschichte der Tänzerin Josephine Baker mit einer Sozialgeschichte schwarzer Menschen in Deutschland verknüpft. Josephine Baker war zur Projektionsfläche sexueller Begierden geworden, deren Abwehrbemühungen mit einem systematischen Rassismus kurzgeschlossen wurden. „Schon als junge Frau war Baker selbstbewusst genug, um sich nicht in weiß-schwarze Schubladen einsortieren zu lassen. Vielleicht war dies ein wichtiger Grund, warum die völkische Rechte gerade Josephine Baker angriff.“

Michael Wildts Buch handelt von der Erkenntnis, dass das Bemühen der Nachkriegszeit, die Trümmer der Vergangenheit hinter sich zu lassen, jene Dissonanzen, die das Zerklüftete und Zerborstene bereiten, nicht beseitigt. Sie sollte gerade jetzt beherzigt werden, wo die Illusion einer mehr oder weniger geglückten Nachkriegszeit im Streubombenhagel in der Ostukraine untergegangen ist.

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