+
Der englische Schriftsteller und ehemalige Kriegsreporter James Meek erzählt in seinem Roman "Fremdland" von der Liebe und ihrer Unmöglichkeit im Krieg.

"Fremdland"

Die Zeitung, der Roman, die Wirklichkeit

Journalisten und Schriftsteller träumen stets von den Möglichkeiten, die dem jeweils anderen zur Verfügung stehen: "Fremdland", James Meeks selbstreflexiver Reißer über einen Afghanistan-Reporter.

Von MICHAEL RUTSCHKY

Uasik, Gulbahar, Schalwar Kamis - es fehlt die Erklärung, was das sein soll; man muss es im Weiterlesen erschließen: ein Fahrzeug, ein Ortsname, ein Kleidungsstück. Es ist kein literarischer, vielmehr ein journalistischer Trick, die Berührung mit der Wirklichkeit vorzuspiegeln. "Ich war da", wo solche Worte von den Einheimischen ganz selbstverständlich gebraucht werden. Noch genauer: ein literarischer Trick, auf den nur ein Journalist verfallen kann, der schmerzlich daran gewöhnt ist, dass der Redakteur jedes Fremdwort aus seinem Bericht tilgen und durch einen den Lesern bekannten Ausdruck ersetzen wird. Als Romancier, träumt der Journalist, wird er sich endlich all dieser Fremdworte hemmungslos bedienen und die schönsten Realitätseffekte erzielen können!

James Meek ist Journalist, und er hat für den britischen Guardian als Reporter aus Afghanistan berichtet, wo jene Worte siedeln. Aber den Roman, den er - mit einem Reporter namens Adam Kellas als Held - aus diesem Material fabriziert hat, vermeidet die romantischen Unterscheidungen zwischen Journalismus und Literatur, Wirklichkeit und Imagination, Unterscheidungen, die jeweils die andere Seite - wo wir gerade nicht sind - zu verhimmeln erlauben.

So bildet einen Strang von Meeks Roman der Roman, welchen Kellas verfertigt, um endlich das große Geld zu machen, das ihn von der Zeitungsarbeit für die literarische Arbeit befreit. Ein Blockbuster, der als Film und Videospiel erschöpfend ausgewertet wird; Kellas hat genug von den durchschnittlichen Qualitätsromanen, die er bislang verfasst hat, ohne nennenswerten Erfolg. Ein richtiges Meisterwerk, wie es sein bester Freund Patrick M'Gurgan, ein dionysischer Schotte, geschrieben hat, traut Adam Kellas sich nicht zu; "Book of Forms" heißt es und verknüpft sich gleich mit den Ikunabeln des Modernismus, während Adam Kellas' "Rogue Eagle Down" es bloß zu einer Paraphrase von Tony Scotts Titel "Black Hawk Down" bringt (ein Film, der die misslungene US-Intervention in Somalia bearbeitet).

Der Weg nach Chincoteague

Was Adam Kellas' Roman schildert, das ist ein Krieg zwischen Europa und Amerika, wie er ausbrechen könnte, denkt man die unilateralistischen Operationen des 43. Präsidenten der USA kühn zu Ende. Keine Sorge, Meek quält Sie nicht damit, dass Kellas seinen skrupellos geplanten Reißer abbrechen muss, weil ihn die wirklichen Erfahrungen des wirklichen Krieges in Afghanistan läutern. (Mustert man die einheimischen Gewächse, kommt man gleich auf Nicolas Borns "Die Fälschung", der 1979 den Bürgerkrieg im Libanon in diesem Sinn als Bildungsroman eines Journalisten erzählte.) Kellas schließt seinen zynisch-manipulativen Roman erfolgreich ab und fliegt nach New York, dem märchenhaften Vorschuss seines internationalen Verlages entgegen. Wie nichts daraus wird, wie Adam Kellas mittellos durch die amerikanische Provinz reist, in seinem feinen Anzug und dem weißen Hemd mit dem Blutfleck wie Daniel Craig als James Bond, das erfreut den Leser als intelligente Erfindung. Kellas ist auf der Suche nach Astrid Walsh, klar, die seine große Liebe werden soll; sie schrieb ihm eine lockende E-Mail, dachte er - ein Irrtum, wie sich zeigt, als Kellas Walsh in dem Nest Chincoteague findet. Sie trinkt unmäßig, wie wir es von den Reportern des Zweiten Weltkriegs - der Fotografin Lee Miller beispielsweise - kennen.

Die Souveränität und Eleganz, mit der James Meek dies Material durcharbeitet - einschließlich der Beobachtung zweiter Ordnung, der Aufmerksamkeit für die Genres, die dabei ins Spiel kommen - ist ganz frei von jedem postmodernistischen Zwinkerzwinker. Zwar weist Adam Kellas' Superbestseller über den europäisch-amerikanischen Krieg offen parodistische Elemente auf, doch die Erklärungen des fiktiven Konfliktfalls liest man mit Wirklichkeitssinn; Robert Kagan, der nicht Präsident John McCains Sicherheitsberater wird, grüßt herüber.

Es kommt mir so vor, als wirke sich in James Meeks Romankunst die von David Lodge aus, der vor allem in seinen Campus-novels demonstriert hat, wie man Kenntnisse und Erfindungen, Beobachtungen erster und zweiter Ordnung und die Imagination schön und lehrreich verwebt. Bei David Lodge geht es vor allem um die Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und das globalisierte akademische Leben - James Meek befasst uns mit dem internationalen Journalismus, wie er sich auf den islamischen Kriegsschauplätzen manifestiert.

Er schließt mit einem unheimlichen Bild von großer Überzeugungskraft. Adam Kellas und Astrid Walsh eilen im Jeep zu den Schauplätzen von George W. Bushs Irakkrieg, und James Meek bringt sie, mit einem kühnen Rückwärtszoom in die Höhe, auf den Bildschirm des Militärs, und wir wissen nicht, ob sie die letzten Sätze des Romans überleben.

James Meek: Fremdland. Roman. Aus dem Engl. von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Fahrenheit Verlag, München 2008, 345 S., 19,90 Euro.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion