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Zeitschrift „Osteuropa“: Die Zukunft verteidigen

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Von: Christian Thomas

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Ein Weltkriegs-Monument aus Sowjetzeiten in Kiew.
Ein Weltkriegs-Monument aus Sowjetzeiten in Kiew. © AFP

Eine kleine Ukraine-Bibliothek (22): „Widerstand“ – die Zeitschrift „Osteuropa“ über ukrainische Kultur in Zeiten des Krieges.

Acht Jahre, in denen Russlands Krieg gegen die Ukraine auch der Schriftstellerin Ija Kiva auf den Fersen blieb, auf der Flucht aus dem Donbass bis nach Kiew, wo er sie im Februar 2022 einholte, so dass sie weiterzog nach Lwiw. Von dort aus das Signal: „Ich bin okay.“

Abgedruckt ist das beklemmend Einsilbige einer Lyrikerin in der Zeitschrift „Osteuropa“ zusammen mit Gedichten und Reflexionen von ihr über „die erste Nacht am sicheren Ort“, wo sich die Erinnerungen an die Flucht als eine mitgeschleppte Habe einstellen. Neben Auszügen aus Kivas Texten hat die Übersetzerin Claudia Dathe weitere Stimmen der ukrainischen Gegenwartslyrik für das Themenheft „Widerstand. Ukrainische Kultur in Zeiten des Krieges“ versammelt.

Kaum eine Zeile, die nicht aus einer horrenden Ohmachterfahrung entstand, so dass Halyna Kruk schreibt: „Gegen Leute mit Maschinengewehren helfen keine Metaphern“. Angesichts der Verwüstungen versagen die herkömmlichen Mittel der Lyrik – umso ungestümer ein Aufbegehren mittels der Deformation der Wörter selbst. Was kaum ein anderer Lyriker so radikal vormachte wie der 1915 in Weißrussland gefallene Münsteraner August Stramm, findet sich ähnlich in den aufgesprengten Wörtern des Gedichts „Zersetzung“ von Ljubov Jakymcuk wieder: „Perwomajsk wurde zu Perwo und Majsk zerbombt/ per foriert im Mai sk andalös quälend“.

Der Krieg geht gegen die Sprache invasiv vor. Dass die ukrainische Gegenwartslyrik damit Wort für Wort konfrontiert ist, verweist auf einen Konflikt, den die Ukraine seit Jahrhunderten gegen das Russische ausficht. Nicht erst seit gestern oder vorgestern sind dem Ukrainischen alltägliche Drangsalierung und Unterdrückung vertraut: „Eine eigene kleinrussische (ukrainische) Sprache hat es nie gegeben, gibt es nicht und wird es nie geben“, verfügte 1863 ein Zirkular auf Geheiß des Zaren, abgedruckt als Dokument, analysiert ebenso wie der berüchtigte Emser Ukas von 1876. Die Ukraine wurde vom Russischen beherrscht, auf Russisch, so Annette Werberger, wurde „befohlen, unterrichtet, polizeilich agiert, und verwaltungsmäßig regiert.“

Das „Einheitsparadigma“, die Ideologie einer „altrussischen Nation“, beruft sich schon seit 1654, seit dem berüchtigten Vertrag vor Perejaslaw, auf die angebliche „Wiedervereinigung“ des Moskauer Zarenreichs mit dem „Kleinrussland“ der Kosaken. Dass dieses Paradigma ausgerechnet in Kiew aufkam, von der dortigen Geistlichkeit als „allrussische Nationskonzeption“ sakral überhöht wurde, war orthodox motiviert, in grimmiger Opposition zum katholische Polen.

Ohne ukrainische Legendenbildungen zu verschweigen, etwa das Klischee vom „ewigen Demokratismus der Ukrainer“, an den ein Mykola Kostomarov (1817–1885) glaubte, wird die immense Dynamik des ukrainischen Nationalprojekts freigelegt. Animiert durch den Freiheitskampf in Polen 1830 und 1863 formulierte sich der ukrainische Selbstbehauptungswille, indem er sich wesentlich auf die eigene Sprache berief. Zu dem von Putin seit Jahren ebenfalls verminten Gelände gehört die Sprachenfrage – ein „polyglottes Erbe“, so Annette Werberger, denn die „historische Mehrsprachigkeit“ der Ukraine, tolerant gegenüber mehreren Minderheitensprachen, „passt in keines“ der Schemata sonst in Europa.

Nicht nur im 19. Jahrhundert wurde Russlands Kulturkampf als „zivilisatorische Mission“ etikettiert, sondern wird, so Anna Veronika Wendland, von Putin auf „sämtliche wissenschaftliche, technische und kulturelle Errungenschaften auf ukrainischem Boden“ ausgeweitet und dem „Werk von Russen“ zugeschrieben. Der Propagandist Putin als Russlands betrügerischer Patentanwalt. Im Westen saß man auch dieser Fälschung auf, indem ukrainische Moderne und Avantgarde gar nicht erst wahrgenommen wurden. Nicht weniger krass die Ignoranz, die Sabine Adler als „Lehrstück aus der deutschen Politik“ bezeichnet, wobei ihr Beitrag, der auf einem Kapitel ihres dramatisch aufschlussreichen Buchs „Die Ukraine und wir“ (Ch. Links Verlag) basiert, insbesondere die schulmeisterliche Selbstherrlichkeit innerhalb der SPD rekonstruiert.

Zur Reihe:

Eine kleine Ukraine-Bibliothek, nicht chronologisch angelegt, nicht systematisch zusammengestellt, gedacht als Angebot zur Orientierung. Davon ausgehend, dass sich Schauplätze, ob fern oder fremd, durch Bücher von jedem Ort der Welt aus aufsuchen lassen.

Zeitschrift „Osteuropa“, Heft 6-8/2022: „Widerstand. Ukrainische Kultur in Zeiten des Krieges“. 480 S., 32 Euro.

Zuletzt ins Regal gestellt: Julia Kissinas „Frühling auf dem Mond“, Erzählungen von Nikolai Gogol, die Bände „Herbstfeuer“ und „Samson und Nadjeschda“ von Andrej Kurkow, Artem Tschechs „Nullpunkt“, Yevgenia Belorusets‘ „Glückliche Fälle“ und „Anfang des Krieges“ sowie die Nestorchronik.

Als nächstes werden Michajlo Kozjubynskyjs „Fata Morgana“ und andere Erzählungen vorgestellt.

Ausgehend von dem Gedanken der „zwei Ukrainen“, so Mykola Rjabatschuk 2005 in seinem brillanten Essay „Die reale und die imaginierte Ukraine“ (edition suhrkamp), verweist Tamara Hundorova auf den Donbass als mehrfach doppeltes Terrain im Werk von Serhij Zhadan: als „Schlucht zwischen den Staaten“, als „eigenes Territorium“ und als Transitraum. Bitter die Erfahrung der Leere von Protagonisten aus einer „letzten Sowjetgeneration“, mit hochfliegenden Plänen, beruflich gescheitert, ohne Halt in der Gesellschaft, von „nomadischen Figuren“ in einem Grenzland innerhalb des Grenzlands Ukraine, verstrickt in Konflikte krimineller Gangs.

Auf nicht weniger als 480 Seiten haben Manfred Sapper und Volker Weichsel über dreißig Aufsätze versammelt. Kein Beitrag, der nicht deutlich machte, dass Russland mit seinem Vernichtungskrieg den Bruch sämtlicher Konventionen vollstreckt, darunter den angedrohten atomaren „Zivilisationsbruch“. Russland ruiniert gezielt die ukrainischen Archive, die Bibliotheken des Landes, seine Museen. Einblicke, wie das historische Gedächtnis den Raketen und Granaten Russlands „weitgehend schutzlos ausgeliefert“ ist, bieten Bert Hoppe, Svitlana Kravcenko und Elena Korowin.

„Allen Widrigkeiten zum Trotz“ behaupten sich Verleger („Büchermachen im Krieg“), nicht anders als Filmemacher und Musiker. Die Zuversicht, die man nicht preisgeben will, weil es gilt, die Zukunft zu verteidigen, ist der Erkenntnis abgerungen, dass die Ukraine seit Jahrhunderten einer „systematischen und kontinuierlichen Gewaltpolitik“ durch Russland ausgesetzt ist. Sergej Lebedev verweist auf eine „Kontinuitätslinie“, die auf einem „offenen oder verdeckten Überlegenheitskomplex“ Russlands ebenso basiert wie auf der „Angst vor dem Zerfall“ eines nationalistisch aufgeputschten Imperiums.

Mit der ukrainischen Intelligenz der 1930er Jahre traf es im Wald von Sandarmoch unter 6000 Opfern des stalinistischen Terrors Hunderte Intellektuelle, zumeist solche der „ersten sowjetischen Generation“. Nicht einmal bemüht Lebedev den verantwortungslosen Zynismus „Säuberung“, nur ein einziges Mal die fahrlässige Vokabel „Hinrichtung“ für ein Massenmordprogramm. Eine Porträtgalerie erinnert an 30 der mehr als 300 Opfer der „erschossenen Renaissance“.

Ihr zu Sowjetzeiten verscharrtes und in Putins Russland geächtetes Erbe würdigt ebenfalls Ulrich Schmid in seiner „Kleinen Geschichte einer großen Literatur“. Ausgehend von ihren mittelalterlichen Anfängen reicht sein Abriss bis in die Gegenwart – in den Kriegsalltag. „Die Schweigesprache der Wut“, Vers aus einem Gedicht der bereits erwähnten Ilja Kiva, verweist auf eine Invasion der vernichtenden Waffen und verlogenen Wörter in die Sprache selbst.

Darüber auch ein Gedicht des Lyrikers Lesyk Panasjuk, der aus seinem Haus fliehen musste, aus Butscha, vor der Freude am Verbrechen: „Die russischen Soldaten springen mit Fallschirmen aus unseren Gesichtern herab/ halten sich an unseren Mundwinkeln fest/ (…) Die russischen Soldaten bereiten Essen zu (…) auf einem Freudenfeuer aus unseren Büchern/ (…) Die russischen Soldaten wollen ein bisschen Spaß haben/ und sehen sich unsere Kinderfotos an“.

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