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Ein VW-Käfer, ein R4, ein Traktor, ein Dorf in den 70er Jahren.

Peter Kurzeck

„Die Zeit selbst fing zu fahren an“

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Bisher noch vollkommen unentdeckt: Aber der Roman-Künstler Peter Kurzeck schrieb immerzu eine ganz spezielle Auto-Biografie fort.

Man möchte nicht übertreiben, aber ohne genau hinzuschauen, kam Peter Kurzeck an keinem Auto vorbei. Der Erzähler zeigte sich geradezu angezogen von Autos.

Hätte man es dem Einzelgänger und Spaziergänger Kurzeck auch nur zugetraut? Doch, als Kurzeckleser Kurzeck schon, wenn man nur seinen ersten Roman durchstöbert. Wenn man liest oder bereits damals las, 1979, etwa von den „Benzinfeudalisten“ an Tankstellen. Geschwind die Fahrt eines Liebenden der Geliebten entgegen, so etwas wie ein Gefühlsstau in einem Porsche, so brettert der Liebende auf dem Beifahrersitz mit über den Brenner. Und was hätte die bundesdeutsche Mentalität der Nachkriegsjahre trefflicher charakterisiert als die Beschreibung eines Opel Rekord, Baujahr 1958, als „treu“!

Peter Kurzeck und das Auto – diese so offensichtliche Verbindung ist bis auf den heutigen Tag vollkommen vernachlässigt worden. Dabei lässt Kurzeck seine Figuren in seinem Werk von Automobilen schwärmen. Etwa einen Aston Martin bewundern oder, Welten mögen dazwischen liegen, einen Karmann-Ghia gut abschneiden. Kurzeck weiß, dass Welten dazwischen liegen.

Denn es ist das Auto, das genauer hinschauen lässt. Und so stößt der Kurzeckleser in dem soeben erst veröffentlichten, nachgelassenen Fragment „Der vorige Sommer und der Sommer davor“ auf die Stelle: „Im Auto. Bergab. Unser Morgenweg. Sie fährt barfuß. Das kurze Stück so langsam es geht, sagte ich. Sie bremst – schaltet – bremst. Nackte Beine. Der Bremsbelag abgenutzt.“

Die Beine kann der Beifahrer sehen, die nackten Bremsbelege spürt er. Und die nackten Beine? Sehen – spüren – sehen. Beides ist bei Kurzeck stets unmittelbar verbunden, auch hier, während Fahrerin und Beifahrer in etwas anderem sitzen als einer bloß leblosen Maschine: „Das Auto stöhnt und knirscht, als ob es alle seine Innereien auswürgen wird für immer.“ Heißt es nicht auch, wenn ein Auto ausgedient hat: ein Auto ausschlachten?

Die unbelebten Dinge beseelen. Ein Scheunentor im Wind, in quietschenden Angeln. Die kalte Erde, den Staub der Straßen. Nackten Asphalt. Selbst einen Schrottplatz sprechen lassen. Als Peter Kurzeck 2013 starb, herrschte mehr als bloß Betroffenheit, vielmehr Bestürzung. Leser trauerten um ihn, ob Laien oder Kritiker, Kurzeck hinterließ eine Gemeinde, eine, die er berauscht hatte durch seine Romane – durch seine Lesungen, durch seine Stimme, ein hartes R, ein gedehntes I. Allein diese Stimme war verführerisch. Was für ein Glück, dass sie konserviert ist auf CD. Auf schillernden Scheiben balsamiert der Kurzecksound. Auf tausenden Seiten nachgelassen der unverwechselbare, für das Ohr bestimmte Kurzeckton.

1979 formulierte der Erzähler in seinem Romandebüt seinen literarischen Anspruch und sein poetologisches Verfahren: „Alles in Lebensgröße, Faksimiledruck, alle Details unter der Lupe.“ Kurzeck legte Details des 20. Jahrhunderts unter die Lupe – für den Erzähler zählten zum Detailwissen auch Autos, Autoträume: „Lieber einen Sportwagen. Offen. Einen alten Austin oder MG. Einen Triumph TR3. Sogar der kleine Austin Sprite mit den Froschaugen wäre ihm als Traumauto recht. (…) Aber am liebsten einen Jaguar E-Type.“

Autor Peter Kurzeck.

Autos, zumal britische Sportwagen, repräsentieren die feinen Unterschiede. Automobile sind Statussymbole, ach ja? Eminent elegante werden im Kurzeckkosmos quasi aufgefahren als vorzeigbare Zeichen einer fein abgestuften Hierarchie. Sind sie deswegen überflüssig? Peter Kurzeck lässt sie gar sprechen. Damit soll ihre Existenz nicht bewispert werden, darin wird wohl aber angedeutet, wie sehr sie sich, Tücke des Objekts, in ihrer Existenz verselbständigen.

Peter Kurzeck und das Auto, diese Beziehung muss unbedingt noch erforscht werden, auch wenn das Internet so gar nicht auf das Problem eingestellt ist. Natürlich finden sich unter der Stichworteingabe „Kurzeck UND Auto“ zahlreiche Ergebnisse, solche, die auf das unbedingt um das eigene Autoren-Ich kreisende Schreiben dieses Erzählers verweisen, doch so kommt man nicht weiter – trotz der in seinem autobiografischen Werk zweifellos untergebrachten Auto-Biografie.

Liebe Forscher also: Ein erster Autokontakt ist in dem Roman „Kein Frühling“ beschrieben: „Jetzt in der neueren Zeit. Kommt fremd ein Auto durchs Dorf, rollt so und zögert, hält an und fragt nach dem Weg.“ Diejenigen, die am Straßenrand angesprochen werden, wundern sich, denn die Begegnung der unbekannten Art geht ihnen nicht aus dem Kopf, so dass es drei Seiten später heißt: „Ja wirklich, wir haben mit dem Auto gesprochen, als ob es das Auto selbst sei, das uns nach dem Weg fragt.“

Kaum dass es aufgetaucht ist, hat sich das Auto schon selbstständig gemacht. Es teilt die Zeit neu ein, es vermisst die Räume neu, es verhängt den Tod über die Dorflinde, es erklärt die Kirche für baufällig, wie zu lesen in „Vorabend“. Vom anfänglichen Fremdkörper entwickelt sich das Auto zu einem Vehikel des Fortschritts (um es fesch oder autogerecht zu formulieren). Aus dem Schotterweg werden geteerte Straßen, aus Straßen asphaltierte Umgehungsstraßen. Das Automobil als Raubbaumaschine an der Natur. Es führt in den Städten die autorgerechte Stadt ein, in den Dörfern den autogerechten Ort und um die Dörfer herum die Ortsumgehung.

Autobesitz strukturiert Zeit und Raum neu: „Als Autobesitzer Freitagnachmittag im Main-Tanus-Zentrum, ins Hessen-Center“, beobachtet der Erzähler in dem Roman „Als Gast“. Was durch das Auto in der Welt geschieht, ließe sich anhand des Kurzeckkosmos historisch oder soziologisch verschlagworten, auch ökologisch, weil unter dem Auto die Tierwelt, Wald und Felder leiden. Das Auto walzt die Tiere platt, Igel und Hasen, für das Auto wurde so etwas Ungeheuerliches gebaut wie der „Gießener Ring“, eine Stadtautobahn, nicht die einzige, eine „Straße auf Stelzen“, nach amerikanischem Vorbild, abgeschaut den „amerikanischen Serien“, ein Abziehbild der autogerechten Städte in den USA. Unübersehbar das Protzprestige der Amischlitten, ob in Gießen oder Frankfurt.

Auf das, was da mit dem Auto auf die Welt (Stadt und Land) zurollte, reagierte der Erzähler in Kurzecks Romandebüt „Der Nußbaum gegenüber vom Laden in dem du dein Brot kaufst“ nicht nur wegen der verschwindenden Nussbäume und Läden gereizt: „Sonntag: ein dauerhaftes atlantisches Hoch! Ganze Karawanen, lauter vollbesetzte chromschnauzig-grinsende Viertakter in aktueller Zweifarbenlackierung, glotzäugig“.

Ende der 1970er-Jahre, als der Roman erschien, war das Automobil kulturgeschichtlich entzaubert: „Jeder gafft! In fünfzehn Jahren haben wir hier, längst ferngesteuert, eine Welt für Autos.“ Angesichts der Allgegenwart des Automobils sprach die Kulturkritik von einem begafften Fetisch in einer verdinglichten Welt. In ein solches Horn stößt auch der Erzähler: „Gestern ganzen Nachmittag im fröhlichen Familienkreis frischgeputzt und gesalbt und poliert.“ Nicht in jedem Roman hat der Erzähler so erregt oder auch aggressiv auf Chrom, Viertakter, Zweifachlackierung oder Weißwandreifen reagiert, im Gegenteil: Kurzeck hat nicht nur die kulturpessimistische Variante der Motorisierung erzählt, sondern auch die Geschichte von Befreiung und Aufbruchstimmung, heraus aus der autoritären Enge der Dörfer. Ein Aufbruch, animiert von der Attraktivität eines Alfa oder Lancia.

Bei aller Hektik, die das Auto verbreitet, hat es doch auch eine metaphysische Dimension. Woher, wohin? Lange Blicke aus dem Autofenster. Schaut der Erzähler aus ihm hinaus, versonnen, um zu schauen, wie es in ihm aussieht, in ihm selbst, ob er nun in einem französischen oder deutschen Fabrikat sitzt. Das Automobil ist ein Katalysator der Wahrnehmung. Ein Vehikel der Innenschau, vor allem wenn man nicht selbst am Steuer sitzt, so wie Kurzeck.

Sicher, es wird auch schnell gefahren, doch es werden eigentlich keine Kilometer gefressen, sondern weite Distanzen überwunden. Kurzeck mag das Automobil kulturkritisch sehen, allein es bringt die Liebenden zusammen. „Unterwegs zu dir“ auf einer Fahrt durch Oberitalien fiebert der Erzähler der Geliebten entgegen „mit singenden Reifen“, wie es beiläufig heißt, zugleich lyrisch.

Eine bummelnde Autofahrt reiht die Eindrücke auf, anders als eine rasante, die die Eindrücke verdichtet, aufstauen lässt. Kompakte Gleichzeitigkeit. Auch Peter Kurzecks autobiographisches Erzählen kommt dem Leser nicht als wohlgeordnete Chronologie unter die Augen. Vielmehr gilt das Prinzip immerwährender Gleichzeitigkeit. Faszinierte den Erzähler deswegen so sehr das Fortkommen in einem Auto, nicht nur die über tausende Seiten fortgeschriebene Autobiografie, sondern auch so etwas wie eine Auto-Biografie, mit einem Erzähler, der nicht selbst am Steuer sitzt, und doch wie ein Luchs den Nutzfahrzeugen und Spaßfahrzeugen hinterher ist, den Marken und Typen, so entsteht ein Inventar aus „Lloyd-Volkswagen-Opel-Ford-BMW und Mercedes“. In dieser Karawane grell aufleuchtend ein „knallroter Witwengolf GTI“.

Aufgefahren werden die tortencremefarbenen Amischlitten, die Pontiacs, „Chevys“ oder Cadillacs, aufgefahren werden alte Schrottlauben, und mit zwei, drei Handgriffen umfunktioniert zu Liebeslauben. Details und Finessen, nicht jede praktisch, im Gegenteil. Dass eine VW-Busschiebetür erst beim dritten, vierten Schwung ins Schloss fiel, weil der Schnappmechanismus eine Fehlkonstruktion war, wird ins Gedächtnis gerufen. Allein dieses Geräusch im Ohr ist es kein Wunder, dass der so musikalisch schreibende Kurzeck genau hinhört, hier der hohle, „nicht gut klingende“ Zweitakter des DKW Junior, dort der satte Ton eines Austin Healey 3000, heute noch weithin heraushörbar. Liegt am Doppelvergaser.

Unwillig reagiert er in dem Roman „Oktober oder wer wir selbst sind“ jedoch auf den diffusen Lärm der Großstadt: „In Deutschland, sagte ich, seit der Krieg vorbei ist, unentwegt Lärm.“ Der Verkehr wird zur Zumutung - nicht so das einzelne Auto, auch wenn es komisch ist: „Ein Kirschkern im März“, 2004 erschienen, darin Autos, die „blöken und stolpern und blinzeln“, und die nicht anspringen, nicht einmal mit einem ADAC-Kabel. Aber auch Autos, die direkt höflich sind: „Es bremst, das Auto macht einen Knicks.“ Vor allem aber Autos, die nicht anspringen wollen. In vielen Autos ist der Wurm drin.

Zum Leitmotiv jedoch wird das Fahren im falschen Gang. Der falsche oder der vierte Gang werden zum Synonym für die Invasion des 20. Jahrhunderts in eine Welt, in buchstäblich stehengebliebene Verhältnisse, die Kurzeck als „Mittelalter“ bezeichnete. Im hessischen Staufenberg der späten 40er, frühen 50er Jahre, in dem das Mittelalter weiterhin nicht ausgesegnet worden war, wird häufig im falschen Gang angefahren. Was für ein Rumrühren im Getriebe – will sagen: Der Erinnerungskünstler Kurzeck lässt seine Leser noch einmal hören, er machte sie zu Komplizen oder Kollaborateuren.

Mitgefahren bei Kurzeck – mitgefangen von Sätzen wie: „Einer hupt, Bremsen quietschen, eine Straßenbahn klingelt. Die Straße stoppt und ruckt gleich wieder an.“ Das Auto, das sich verselbstständigt hat, sorgt dafür, dass sich auch die Straße verselbstständigt: „Die Straßen fingen zu fahren an. Die Zeit selbst fing zu fahren an.“

Zu Kurzecks Auto-Biografie gehören die Discobesuche am Wochenende, die verwegenen Hinfahrten, die gemeingefährlichen Rückfahrten, die tödlichen Zusammenstöße auf der B3. Dazu zählen die gemächlichen Sonntagsausflüge, flugs durch die freie Natur. Das Auto als Freizeitmaschine oder auch als Flucht-Auto, denn der Aufbruch im VW-Bus (Bulli) nach Südfrankreich ist ja auch eine Ausreise, eine Entscheidung gegen Frankfurt, für den Süden.

Viel wird getrampt und „beim Trampen ist immer jetzt“. Per Anhalter geht es ruckweise vorwärts in einer alten DS 19 oder einem nagelneuen Passat, mitgenommen wird der Erzähler von einem „Testfahrer von Peugeot“ der dem Zugestiegenen seinen Fahrtenschreiber vorführt, der dem Autor als eine allwissende Instanz dünkt.

Das Auto ist alles andere als bloß ein schnöder fahrbarer Untersatz, vielmehr so etwas wie eine Schatzkiste, aus der sich Erinnerungen fischen lassen, ob aus alten, schäbigen Kisten oder aus schnittigen Cabrios, Groß das Erstaunen über spektakuläre Sportwagen: „Da steht ja ein weißer Ferrari“, heißt es in „Keiner stirbt“. Weiße Sportwagen geistern immer wieder durch den Kurzeckkosmos, tauchen auf – und sind schon nach nur einem Satz wieder verschwunden. Autos wie im Scheinwerferkegel, der durch die Nacht irrlichtert.

Von welchem Medium außer noch dem Film, dem Roman (oder auch dem Traum) lässt sich sagen, dass es direkt von einer Autobahn in eine nicht ganz geheure Schneelandschaft führt. Eben noch auf eine „rote Ampel“ zurollen – und schon ist das Paar zwölf Zeilen später in dem „Nußbaum“-Roman verloren in einem „dichten finsteren Tannenwald“. Das Auto macht es möglich, der Roman, ein rasantes Erzählen, ruft eine beklemmende Szene auf, darin „Ausgesetzte, Hänsel und Gretel, uralte vedische Schriftgelehrte aus dem Jenseits“. Das Automobil wird zum Vehikel einer schier unbegrenzt ausgreifenden Assoziation, zu einem Gedankenflug durch Raum und Zeit. Oder zur düsteren Geisterfahrt.

In der Allgegenwart des zumeist trüben und eingenieselten Taunus taucht natürlich auch ein Ford Taunus, ein „Buckeltaunus“ (mit der Weltkugel über dem Kühlergrill) auf. Dort, wo kürzlich noch das Vieh schlief, „schläft in der Nacht“ in einem Stall im Hintertaunus jetzt ein Ford Taunus. Der Kurzeckkosmos ist besiedelt zunächst von VW-Käfern, Opeln, später kommen die BMWs dazu. Die Wohlhabenden der 50er Jahre fahren Mercedes-Benz, die Taxifahrer den 180 D, die Bauern auch. Die Ärzte sind die ersten, die ein Auto haben, das bringt sie rascher zu den Kranken. Es folgen, das bringt sie rascher zu den Tieren, die Metzger. Lachen lassen die Autos unter sich auf der Werkstatthebebühne, und wenn vor Autos (kreischend) zur Seite gesprungen wird, dann wegen der Pfützen, durch die sie spritzen. Gelegentlich wird’s auch blutig.

Bis heute hat die Kritik das offensichtliche Interesse des Autors Kurzeck glatt übersehen. Eine erstaunliche Ignoranz, obwohl es im Kurzeckkosmos von Autos nur so wimmelt. Ignoriert wurde eine Inventarisierung der Bundesrepublik, zu der die Bahnhofsviertelschlitten gehören, die BMW der Türken, die motorisierten Untersätze der Freaks, die vorsintflutlichen SUVs der Indienfahrer, der „verbeulte Ford Transit (alte Autoreifen auf dem Dach)“, nicht zu übersehen in dem Roman „Als Gast“. Oder die Schrottkarren, deren Zustand in dem einzigen Erzählungsband Kurzecks, „Vor den Abendnachrichten“, diagnostiziert wird: „... jetzt drehst du die Musik im Autoradio-Cassettenrecorder so laut es nur geht, noch lauter! Und fährst ab, egal morgens oder abends, abgefahrene Reifen, Bremsen, die Nerven, die Kupplung ausgeleiert, zwo Zylinder im Arsch, die Kardanwelle mit Draht und Isolierband, der Kühler fängt bei Standgas zu kochen an (darfst du in keinem Stau und an keiner Ampel halten)...“

Wenn da nicht mal ein Mechaniker sprach. Dennoch. in den über 40 von mir durchgecheckten Rezensionen, die seit 1979 zum Werk Kurzecks erschienen sind, finden sich keine fünf expliziten Hinweise auf die automobile Welt. Was für eine Rezensentenwelt, in der eine die Welt sozial und kulturell, ökologisch und ökonomisch beherrschende Dingwelt wie das Automobil überhaupt nicht wahrgenommen wird. Man muss sich ja nicht auf die metaphysischen Dimensionen dieser Dingwelt einlassen, aber vielleicht doch wenigstens auf deren mentale Durchdringung der gesamten Lebenswelt. Dominierte es sonst dermaßen den öffentlichen Raum, die Privatsphäre, die Gespräche – oder die Urlaubsfotos, die Fotoalben der Wirtschaftswunderjahre, nur der Wirtschaftswunderära? Auch die Kinderzeit: „Manche den Ranzen nach vorn um, dann sind sie ein Auto. Sind Fahrer und Auto.“

Immer wieder ist der Erzähler ganz mit seinen Gedanken beim Auto. Er ist beim „Vergaser einstellen“, beim Auswechseln der Zündkerzen (zum Weihnachtsfest), bei seiner Fahrt von „Staufenberg bis an den äußersten südlichen Rand des Peloponnes“, ein Abenteuer, auf das er auch in dem soeben veröffentlichten Nachlass zurückkommt. Denn das Auto trägt den Erzähler in Gedanken fort, über Stock und Stein, dabei von Hölzchen aufs Stöckchen kommend. Die Mobilität an Gedanken, die das Automobil auslöst, ist enorm. Das Tempo nicht minder, es gibt kaum ein Halten, so dass dem Erzähler klar wird: „Nur jetzt keine Autogeschichten, sagst du dir, weil man mit Autogeschichten nicht leicht ein Ende findet.“

Aus keinem anderen Grund schrieb Peter Kurzeck 1990 über den Lastkraftwagenfahrer Horst Meier einen Roman, „Keiner stirbt“. Erzählende Dichtung, in der es abgeht, eine Epopöe des 20. Jahrhunderts.

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