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Zeit für Begriffe

In Zeiten wachsender realer Unsicherheit und Ungewissheit verwundert es nicht, dass das Bedürfnis aufkommt, wenigstens begrifflich Klarheit zu schaffen. Zwei

Von RUDOLF WALTER

In Zeiten wachsender realer Unsicherheit und Ungewissheit verwundert es nicht, dass das Bedürfnis aufkommt, wenigstens begrifflich Klarheit zu schaffen. Zwei unterschiedliche Bücher erkunden die Chancen und Risiken solcher Begriffsklärungsversuche.

Zu den Paradoxien wachsender Unsicherheit und Ungewissheit gehört, dass sie der Hochkonjunktur des Begriffs "Identität" nicht geschadet haben - im Gegenteil. Rolf Eikelpasch und Claudia Rademacher zeigen, wie der inflationäre Gebrauch des Begriffs weitergeht. Das ist eine Reaktion vieler Menschen auf "die Vertreibung aus gewachsenen Lebensverhältnissen, aus dem Erwerbsleben, aus Heimat und Wohnmilieu".

Gesteuert wird diese Reaktion weitgehend durch "Verunsicherung und Angst". Gleichsam zur Abwehr werden die Begriffe "Nation", "Kultur", "Geschlecht" oder "Klasse" zu vermeintlich natürlichen Besitzständen gemacht und damit zu Mitteln, sich von Anderen und Fremden abzugrenzen oder diese auszuschließen.

Die Autoren sehen in diesen Identitätskulten aber nicht nur Regressionen, sondern auch den Versuch, Spielräume für "neue Lebensentwürfe" zu gewinnen - jenseits der alten beruflichen Muster und Wertorientierungen. Gelingen können solche Entwürfe freilich nur, wenn die Teilhabe an postmateriell strukturierten "sozialen Netzwerken" durch Erwerbsarbeit materiell abgesichert ist. Solche Netzwerke sind geschützte Orte der "Unsicherheitsbewältigung".

Mit Rekurs auf Stewart Hall, Oskar Negt, Heiner Keupp, Richard Sennett und andere Autoren verweisen Eikelpasch und Rademacher die Glorifizierung von "vollmobilen Selbstvermarktern" und Scheinselbstständigen ins Reich neoliberaler Propaganda. Identität entsteht nicht durch "die flexible Unterwerfung unter die Imperative des Marktes" sondern durch eine "kämpferische Umgangsweise mit verweigerter sozialer Anerkennung".

Terror, systemtheoretisch

Peter Fuchs gründete gleich am 11. September 2001 ein Arbeitsgruppe, um den Begriff "Terror" systemtheoretisch zu klären. Er setzte sich mit den Seinen in Luhmanns Kinderzimmer und bastelte aus den dort bereitliegendem Begriffsklötzchen "seinen" Terror zusammen. Demnach handelt es sich beim Terror um ein "Sozialsystem", das heißt um eine "Kommunikationsoperation", deren Inhalt die Verabschiedung von Kommunikation ist.

Den Verdacht, hier werde nur die triviale Einsicht, dass das Reden beendet wird, wenn die Waffen sprechen, ins Fuchssche übersetzt, fürchtet er nicht, sondern kokettiert damit: "Der Eindruck der Sterilität, der Weltfremdheit, des Elfenbeinturms" gehört ebenso zum System, das immer nur tut, was das System tut, wie andere Tautologien: "Es geschieht, wie es geschieht" (Peter Fuchs), alles ist im Übrigen irgendwie "normal". Dem "zorn- und wutfrei" beobachtenden Konformismus ist der Terror wie der Wetterbericht ein "Mitteilungsereignis".

Luhmann war ein brillanter Theoretiker, von dem viel gelernt werden kann. Bei seinem Adepten Fuchs erfährt man, dass seine Tochter Marie-Christin heißt, aber wenig über Terror. Am Schluss ist nicht einmal klar, ob es "das System des Terrors" überhaupt gibt. Der Rest ist Spekulation, prätentiöses Gehabe (einschließlich fehlerhaftem Latein) und sprachliche Marotten wie "Umwegigkeit" und "Eigenfaktizität".

Rolf Eickelpasch / Claudia Rademacher: Identität. Transcript Verlag, Bielefeld 2004, 134 Seiten, 12 Euro.

Peter Fuchs: Das System "Terror". Versuch über eine kommunikative Eskalation der Moderne. Transcript Verlag, Bielefeld 2004, 119 Seiten, 13,80 Euro.

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