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Zehn Stunden mit Erlauer Stierblut

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Die Berliner Schriftstellerin Katja Lange-Müller.
Die Berliner Schriftstellerin Katja Lange-Müller. © imago stock&people

Die Frankfurter Poetikdozentin Katja Lange-Müller erzählt davon, wie sie dann doch Schriftstellerin wurde. Eine ungewöhnliche Geschichte, aber sie schwört, dass es keine Legende ist.

Nach der tränenreichen Frankfurter Poetikvorlesung von Marcel Beyer im Winter streifte auch Dozentin Katja Lange-Müller im Laufe der Stunden das Thema. „Wenn der Leser lacht, wirft er das Buch nicht in die Ecke“, erklärte sie, die Dinge gerne klipp und klar ausspricht, und ruhig solle er Tränen lachen, denn jeder Komik wohne eine Traurigkeit inne.

Den „Witz aus Notwehr“ erwähnte sie in diesem Zusammenhang, auch sage man nicht umsonst: „schrecklich komisch“.

Und nicht von ungefähr kam sie von hier auf Kleist zu sprechen, Meister des maßlosen, ins Irre kippenden Grauens. Beim Durchpflügen der Erzählung ?Das Erdbeben in Chili? wünschte sie sich, eine „alphabetisierte Fliege“ zu sein, um nämlich die ungeheuerliche und temporeiche Fülle des Geschriebenen in Zeitlupengeschwindigkeit wahrnehmen zu können.

Über das Schreiben sprach Lange-Müller in den ihr zur Verfügung stehenden fünf Stunden meistens vom Lesen aus, kein Wunder, wie ihren Zuhörern schon seit der ersten Vorlesung klar sein konnte. Da hatte sie von ihrer ausgeprägten, in der Schule brachial weggezwungenen Linkshändigkeit berichtet, was sie über Jahrzehnte praktisch zur Nichtschreiberin gemacht habe (zur Nichtabiturientin ohnehin). Wie sie eingangs auf das erste durchschlagende Leseerlebnis einging – Melvilles „Bartleby“ –, so kam sie zum Schluss auf das erste große Schreiberlebnis zu sprechen.

Im Wein ABC

„Ich schwöre, das ist keine Legende“, sagte sie mit gutem Grund, denn die Geschichte geht so: Im Dezember 1974, die 23-jährige Lange-Müller war als Hilfsschwester in der geschlossenen geropsychiatrischen Abteilung der Berliner Charité in Berlin tätig, starb während ihres regelwidrig allein absolvierten Nachtdienstes eine Patientin. Im Anschluss an ihren Dienst begab sich Lange-Müller an den Tresen einer schließzeitlosen Wirtschaft namens „Wein ABC“. Dort trank sie Erlauer Stierblut und schrieb, und zwar beides offenbar mit einer erbittert konsequenten Dringlichkeit – jener Dringlichkeit, von der sie als Poetikdozentin immer wieder sprach –, zehn Stunden lang. „Es war als hätte sich eine Schleuse geöffnet.“ Nie wieder im Leben habe sie so schreiben können.

Ihr Schwager Heiner Müller habe die hier von der ersten bis zu letzten Zeile entstandene Erzählung „Manchmal kommt der Dot auf Latschen“ dann für eine in Westdeutschland geplante Anthologie empfohlen, für die „subversive Ostgeschichten“ gesucht wurden. Das klappte, aber „von da an ging’s bergab“, aber Katja Lange-Müller wurde jetzt Schriftstellerin. Die Geschichte las sie vor, sie ist schrecklich komisch.

Vor acht Jahren, sagte sie in Frankfurt, habe sie angefangen, sehr intensiv von den Jahren als Hilfsschwester zu träumen – klassische Träume, in denen sie sich auf dem Weg zur Nachtschicht verirrte. Eines Tages sei sie daraufhin aufgestanden, habe eine geraucht, einen Kaffee getrunken, noch eine geraucht und darüber nachgedacht, was aus ihr geworden wäre, hätte sie nicht den Weg der Schriftstellerin, sogar der Diplomschriftstellerin eingeschlagen, sondern wäre Pflegerin geblieben.

Am nächsten Tag verfasste sie die ersten Seiten ihres Romans „Drehtür“, der von der international tätigen Krankenschwester Asta handelt – einer Figur aus der Erzählung „Die Enten, die Wahrheit und die Frauen“ (ein Titel, um den Wilhelm Genazino sie beneidet habe). Auch dies ein Roman, sagte sie, der „geschrieben werden musste“. Jedoch geschah bis dahin eine Menge. Bücher entstehen, aber ein Autor lebt weiter, liest weiter, reist weiter, sieht weiter fern.

Auch die Figuren machen, was sie wollen, schreiben mit. Immer mehr, so Lange-Müller, habe sie sich für Asta als „traumatisierte Überlebende der helfenden Industrie“ interessiert.

Auch in ihrer letzten Vorlesung begann Katja Lange-Müller um haargenau 18.15 Uhr. Um 18.13 Uhr erklärte sie noch, jetzt schon zu beginnen sei unakademisch, obwohl sie das ja die ganze Zeit über versucht habe. Sie kokettierte aber nicht damit, ist gar nicht der Typ. Ebenso verlässlich saß sie im Anschluss draußen vor der Tür, rauchte und interessierte sich für die, die ein Buch signieren lassen oder noch ein bisschen reden wollten. „Drehtür“ kommt am 11. August heraus.

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