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An Konfliktlinien: Knut Berger, Orit Nahmias, Dimitrij Schaad, Lamis Ammar, Karim Daoud.

Literatur

Zehn Jahre später

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Yael Ronens fortgesetzter Nahost-Slapstick „Third Generation, Next Generation“ am Berliner Gorki-Theater.

Kurz vor der Massenschlägerei, bei der sich nach zwei kurzen Stunden die Schauspieler von der Bühne prügeln, werden die Zuschauer noch als Nazis beschimpft. Wir sollten mit unseren arischen Gesichtern nicht so selbstzufrieden grinsen, von unseren hohen deutschen Rössern steigen, wo wir den Abend genössen, unsere dreckigen Gewissen mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt reinigten. Hallo? Das ist ein Missverständnis, wir sind gar nicht selbstzufrieden. Wir sind noch nicht einmal ein Wir. Wir sind das Berliner Gorki-Publikum und können aufgrund unserer heterogenen Herkunft, Mentalität und vielleicht auch sexuellen Orientierung gar nicht über einen Kamm geschoren und mit dem behandelten Konflikt in Beziehung gesetzt werden!

Noch nicht einmal die Zuschauer-Ichs verstehen abschließend, in welcher Weise sie persönlich beteiligt sind und welche Position sie vor ihrem individuellen Gewissen vertreten können. Man weiß schon deshalb nicht, welche Haltung einzunehmen wäre, weil die da auf der Bühne nicht zu greifen sind. Die zehn biografisch konfligierenden, aber auch einfach um die Rampe konkurrierenden Spieler reden einander zwar mit ihren zivilen Namen an und treten als Israelis, Palästinenser oder Deutsche an, aber irgendwann verschwinden sie hinter den gleichnamigen Figuren, die sich um Kopf und Kragen argumentieren.

Man weiß bei der Regisseurin und Ensemble-Stückentwicklerin Yael Ronen nie, wo Fake und Ironie anfangen. Man merkt es immer erst dann, wenn es schon zu spät ist und es kein Zurück mehr gibt. Das ist sehr giftig, aber eben auch sehr komisch. Deswegen grinsen wir vielleicht, aber doch nicht selbstzufrieden, sondern desorientiert. Aus reiner Verlegenheit behalten wir den Gesichtsausdruck einfach bei, auch wenn es eigentlich schon lange nicht mehr komisch ist. Weil wir doch nichts anderes als den Humor haben, um auf Abstand zu bleiben!

Zehn Jahre nach der Premiere von „Third Generation“, dem damals neuartigen kabarettistischen, biografischen, politisch-therapeutischen Ensemblestück, mit dem Yael Ronen in der Schaubühne ihren künstlerischen Durchbruch erlebte, hat sich die inzwischen nach Berlin eingewanderte Israelin das Material noch einmal vorgenommen und mit dem Stand der Wirklichkeit verglichen. Als Vertreterin besagter dritter Generation nach dem Holocaust, der Gründung Israels und dem Palästinakrieg hat sie heute die Hoffnung verloren, dass sich der israelisch-palästinensische Konflikt noch zu ihren Lebzeiten lösen ließe.

Streitpunkte kippen ins Groteske, ins Zerstörerische

Er sei nicht nur an demselben Punkt wie vor zehn Jahren, sagt sie auf dem Programmzettel, sondern die israelische Politik sei weit nach rechts gerückt und die israelische Friedensbewegung tot. Uns überrolle eine Welle von konservativen Backlashs, antisemitische und rassistische Tabus würden auch in Deutschland gebrochen, die Konfliktlinien hätten sich verschärft, das „Nie wieder“ scheine nicht mehr zu gelten.

Was das Ronen-Ensemble – sechs Veteranen von 2009 sind auch diesmal am Start – immerhin zu verändern half, ist das deutsche Theater. Auch dieser neu aufgelegte und ergänzte mehrsprachige Abend „Third Generation, Next Generation“ benötigt nur zehn Stühle im leeren Raum und die Biografien der Schauspieler. Sie werden geschickt gegeneinander aufgehetzt, ihre Streitpunkte erst etwas effizienter zugespitzt, als man es sich in der Kantine vorstellt, um sie dann verblüffend umstandslos ins Groteske, ins Zerstörerische abfliegen zu lassen. Die Personen, mit denen man sich identifiziert, werden früher oder später zu politisch unkorrekten Karikaturen, die gegeneinander hetzen – und dabei erschreckend realistisch bleiben. Das ist es, was einen fertig macht und hilflos grinsen lässt. Jeder Gedankenschritt, mit dem man sich in diesem Konflikt Übersicht verschaffen will, verletzt die Rechte und Gefühle mindestens einer beteiligten Seite. Für das Theaterspiel ist das eine unerschöpfliche Ressource.

Schon der Besetzungszettel lässt sich kaum aufdröseln. Ayelet Robinson, Michael Ronen (der Bruder von Yael) und Orith Nahmias sind Israelis. Lamis Ammar und Karim Saoud sind in Palästina, Yousef Sweid ist als Palästinenser in Israel geboren. Klar, dass sie sich nicht einig werden, wer hier wen ins Mittelmeer jagen will.

Abak Saafaei-Rad ist in Köln geborene Deutsche mit dunkler Haut, die erzählt, wie sie an der israelischen Grenze fast in den Sudan abgeschoben worden wäre und erst einreisen durfte, als sie ihren Nazi-Opa ins Spiel brachte. Dimitrij Schaad kam als Sowjetbürger in Kasachstan zur Welt, macht sich gegen die grassierende Russenfeindlichkeit stark und benennt sich dann für den chauvinistischen Absahnermonolog des Abends in Dieter Schmidt um. Niels Bormann und Knut Berger wissen als Deutsche stets, was richtig ist: der eine entschuldigt sich bei allen, der andere klagt alle an.

Oscar Olivio ist US-Amerikaner und tritt als von Trump geschickter Mediator auf, der eine vertikale Zweistaatenlösung vorschlägt, nach der das umstrittene Territorium einfach verdoppelt wird und Israelis und Palästinenser auf zwei rotierenden Etagen leben. Finanziert wird das Ganze von Globalplayern aus der Privatwirtschaft und von Mexiko. Sein Vorschlag, um dem Konflikt zu entkommen: Die Fakten ignorieren und alternative schaffen.

Ach, wenn man die Vergangenheit abschneiden könnte, deren Marionetten wir sind. Ach, wenn man die Schuldfrage beiseite lassen könnte, um aus Fehlern zu lernen. Ach, wenn Menschen, denen die Wirklichkeit eine Gegnerschaft aufbürdet, miteinander spielen könnten. Sie können. Und das Publikum grinst und applaudiert.

Maxim-Gorki-Theater, Berlin: 28. April bis 1. Mai. www.gorki.de

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