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Natascha Kampusch, Jahrgang 1988, legt nach „3096 Tage“ ein zweites Buch vor: „10 Jahre Freiheit“.

Natascha Kampusch „10 Jahre Freiheit“

Zehn Jahre nach der Flucht

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Am 23. August vor zehn Jahren gelang Natascha Kampusch die Flucht: Aus diesem Anlass ein paar Bemerkungen über ihr neues, zweites Buch „10 Jahre Freiheit“, das einen zwiespältigen Eindruck hinterlässt.

Am 23. August 2006 gelang Natascha Kampusch die Flucht aus der Gefangenschaft. Mehr als acht Jahre zuvor, am 2. März 1998, war die Zehnjährige auf dem Weg zur Volksschule in der Wiener Donaustadt von dem 36-jährigen Wolfgang Priklopil entführt worden. Der Entführer hielt sie dann in einer Montagegrube unter der zu seinem Haus gehörenden Garage im niederösterreichischen Strasshof an der Nordbahn gefangen.

Viel ist darüber geschrieben worden. Über die Jahre danach auch. Es fehlte nicht an Stimmen, die die Geschichte, wie Natascha Kampusch sie in ihrem Buch „3096 Tage“ und in vielen Interviews erzählte, in Zweifel zogen. Es fehlte dabei auch nicht an Gehässigkeiten.

Das Opfer wurde noch einmal zu einem Opfer gemacht. Von einer Öffentlichkeit, die sich nicht vorstellen konnte, dass jemand mit dieser Geschichte so klar, so selbstbewusst sprechen konnte. Nicht erst nach langer Therapie, sondern sofort nach der geglückten Flucht.

Sie passt nicht ins Schema

Sie passt nicht ins Opferschema, will es auch nicht. Klagen gehört nicht zum Handwerk der Natascha Kampusch. Ich habe sie nie gesprochen, ich habe sie ein paar Mal im Fernsehen gesehen, ihre beiden Bücher (?10 Jahre Freiheit?, geschrieben in Zusammenarbeit mit Heike Gronemeier, ist gerade im List Verlag erschienen: 237 Seiten, 19,99 Euro), viele Artikel über sie gelesen, ihre Website (natascha-kampusch.at) besucht. Das ist die schmale Grundlage für die folgenden Bemerkungen.

In einem Interview wurde Natascha Kampusch gefragt: „Wie würden Sie selbst gerne wahrgenommen werden?“ Ihre verblüffende Antwort war: „Das weiß ich nicht, weil ich mich selbst noch gar nicht ganz gefunden habe. Ich bin noch keine spezielle Person, deshalb kann ich auch nicht sagen, wie ich gerne wahrgenommen werden würde.“

Im selben Interview antwortet sie auf die Frage „Was wäre Ihr Traumjob?“: „Künstlerin beziehungsweise Autorin.“ Also ein Mensch, der über das, was er tut, die totale Kontrolle hat. Ein Wunsch, der in jemandem – dieser Gedanke drängt sich auf –, der total kontrolliert wurde, anwachsen musste. Natascha Kampusch hat die Jahre, die wir andern rebellierend nach uns selbst suchten – die Pubertät –, in einem Verlies verbracht.

Wie sieht ein Ich aus, das unter diesen Bedingungen entsteht? Wir wissen es nicht. Das ist unser Glück. Wir wissen freilich auch, dass wir selbst uns ebenfalls noch nicht gefunden haben. Aber eben auch, dass wir nicht auf die Idee gekommen wären, diese Einsicht als Antwort auf die oben gestellte Frage zu formulieren.

Natürlich bildet sich ein Selbstbild in der Auseinandersetzung mit den Bildern, die sich andere von uns machen. Wie ist das, wenn der einzige Spiegel, den ein Mensch haben, jemand ist, der nichts will, als ihn zu unterjochen? Wie erträgt man eine Situation, zu der es wirklich keine Alternative gibt?

Wir konnten zwischen zehn und achtzehn der Autorität unserer Eltern entkommen und bald hier, bald dort bei anderen Autoritäten unterschlupfen. Wir konnten vergleichen. Natascha Kampusch konnte das auch. Aber ausschließlich im Kopf. Denken, so sagt ein großer Strang der europäischen Geistesgeschichte, mache unglücklich.

Natascha Kampusch erinnert uns daran, dass das Denken auch ein Ausweg sein kann aus dem Unglück. Sie schildert, wie sehr es ihr in verzweifelten Momenten geholfen habe, an die schönen Tage zum Beispiel mit ihrer Großmutter zu denken. Wer die Bücher von Natascha Kampusch liest, dem schießt der Gedanke durch den Kopf: Glücklich, wen das Denken erst unglücklich macht.

Aber wer spricht hier eigentlich?

Wer die Bücher liest, weiß allerdings nicht, ob er Natascha Kampusch oder Heike Gronemeier liest. Selbst wenn man davon ausgeht, dass Natascha Kampusch zu jedem der Worte Ja sagt, so ist doch dem Leser unklar, ob diese oder jene Formulierung von ihr stammt oder nicht. Sie will Autorin werden? Dann muss sie selbst schreiben.

Ich bin nicht darauf eingegangen, wovon das Buch „10 Jahre Freiheit“ handelt, nicht weil es nicht interessant ist, wie darin zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Bernd Eichinger am geplanten Film über Natascha Kampusch beschrieben wird. Es kommt mir aber so vor, als wäre Natascha Kampusch nur an manchen Stellen zu erahnen.

Einmal beschreibt sie eine Szene am Rande der Filmaufnahmen: Der dänische Schauspieler Thure Lindhardt, der den magersüchtigen Wolfgang Priklopil spielte, wollte in einer Drehpause nach einem Stück Kuchen greifen: „Doch bevor er mit der Gabel hineinstechen konnte, blaffte eine Stimme aus dem Wohnwagen: ‚Willst du noch einen härteren Diätplan?!‘ Dabei war er eh schon so dünn. Wobei: Das wäre übrigens eine wirklich authentische Szene gewesen, so, wie sie sich auch in meiner Gefangenschaft hätte ereignen können.“

Unser Gehirn vergleicht. Unentwegt. Es kümmert sich nicht darum, ob man es in diesem Falle darf oder nicht. Stellen wie diese gibt es immer wieder im Buch. Ich mag es darum.

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