Literatur

Der Zauderer verspielt sein Leben

Ein trauriges, ergreifendes Buch: Italo Svevos erster Roman in neuer Übersetzung

Von ULRICH RÜDENAUER

Sein letzter Roman "Zeno Cosini" brachte Italo Svevo 1923 endlich den ersehnten Ruhm; aber ein Triumph war das nicht - 25 Jahre hatte er nach seinen beiden ersten, erfolglosen Büchern, die ihrer Zeit weit voraus waren, geschwiegen. Erst durch gutes Zureden von James Joyce wurde die blinde literarische Öffentlichkeit sehend gemacht. Diese überfällige Würdigung dürfte Svevo als feine Ironie empfunden haben, und sein Held Zeno zeigte gleichfalls ironisch, wie man das undurchschaubare Leben meistern kann - sich arrangieren mit den Verhältnissen und doch den Kopf oben behalten; das Leiden diagnostizieren und doch nie recht dahinter kommen, woher das Leiden rührt; die Nichtbeachtung erkennen und doch nicht zu tief gründeln oder gar zugrunde gehen.

Zugrunde kann man gehen, wenn man jung ist und unverstanden: Italo Svevos ersten Helden, den er aus sich geboren und zugleich von sich abgespalten hat, glückt das Kunststück der Duldsamkeit nicht. Alfonso Nitti in Svevos Roman "Ein Leben" (1892) ist ein zaudernder junger Mann. Er entstammt der Provinz und kommt nach Triest, um sein Glück zu machen. Geplagt von Heimweh und verwegenen Träumereien, gerät Alfonso in die unbehaglich-labyrinthische Welt der Angestellten, lange bevor Kafka und Robert Walser in ihre Versicherungs- und Bankhäuser eintreten werden. In der Privatbank von Signore Maller findet er eine Anstellung in der Korrespondenzabteilung; seine Schriftstellerfantasien wollen finanziert sein.

Alfonso ist sehr zu Illusionen aufgelegt: Er träumt sich seinen verstorbenen Vater als Adligen, seine Mutter belässt er, wie sie ist, "so sehr liebte er sie". Er geht am Abend in die Bibliothek, um Studien zu betreiben und sich über die Dürftigkeit des Alltags zu erheben. Er wirft ein paar Gedanken aufs Papier, deren Originalität gemessen an den eigenen Ansprüchen bescheiden ausfällt. Alfonso aber weiß, dass er zu Höherem berufen ist. Ja, er "glaubte Geist zu haben, und er hatte ihn tatsächlich in Selbstgesprächen".

Dann, eines Tages, kann er sich beweisen - und natürlich geht das nicht vonstatten ohne Pein. Francesca, aus Alfonsos Heimatdorf stammend und ihm in ihrem Aufstiegswillen nicht unähnlich, öffnet ihm die Pforte zu Bankier Mallers Haus. Es beginnt ein langes, von Etikette geprägtes Vorspiel, das sich schleichend auf einen Höhepunkt zubewegt: Annetta, die kühle, auf eigenen Nutzen bedachte Tochter Mallers, verwirrt Alfonso. Es entsteht eine Nähe, die von wechselseitigem Missverständnis geprägt ist: Alfonso möchte - das ist Teil seines Wunschprogramms - eine Eroberung machen; sie hingegen liebt es, bewundert und erhoben zu werden durch den Glanz eines künstlerischen Projekts. Gemeinsam wollen die beiden einen Roman schreiben. Die dem kitschigen Geschmack ihrer Zeit huldigende Annetta bestimmt die Form des Machwerks, dem Alfonso wenigstens inhaltlich die gewünschte Richtung geben kann - erzählt wird die Geschichte einer sich langsam steigernden Liebe, deren reale Entsprechung Alfonsos Leidenschaft für Annetta darstellt.

Aber was ist das für eine Liebe? Verlangen und Kalkül, Selbstdemütigung und romantisches Sehnen, Wirklichkeit und Fiktion vermischen sich darin auf seltsame Weise. Irgendwann übertritt Alfonso eine Schwelle: Der sexuelle Akt, der "Raub", wird dezent angedeutet; und da er nun einmal vollzogen ist, tut sich dem Helden die große Tür zu Reichtum und Ehe auf. Aber sein Zögern und Zaudern behindern ihn auch hier. Plötzlich stellt Alfonso fest, dass er sich in seinem Gefühl getäuscht hat. Oder täuscht er sich auch darin, dass er denkt, er täusche sich? "Wie immer war sein Nachdenken nichts als eine Travestie seiner Gefühle", heißt es einmal. Er flieht aufs Land zu seiner Mutter, die im Sterben liegt - und die schönste Zukunft ist selbstverschuldet dahin.

Alfonso taktiert und analysiert, wägt sein Vorgehen allzu gründlich ab, um dann vom Geschehen mitgerissen zu werden. Er versucht, sein Handeln vor sich selbst zu beschönigen, und scheitert. Er ist ein ganz und gar moderner Held: Eingebunden in feste Strukturen der Arbeitswelt, angetrieben von libidinösen Ambitionen und irritiert von seinen Illusionen der Selbstverwirklichung. Nicht nur, dass zwischen diesen Kraftfeldern große Spannungen entstehen; die jeweiligen Sphären selbst sind voller Widersprüche und äußerst kompliziert. Er hält dieses Zerrissensein aus - aber doch nicht gänzlich. Das Ende des hoffnungsfrohen, aber von Anfang an zur Selbstanmaßung neigenden Mannes kommt abrupt und ist konsequenter, als man es noch im Verlauf seines kurzen Lebens ahnen konnte.

"Una Vita" heißt der Erstling Italo Svevos, der in einer schön die unbalancierte Gefühlswelt auslotenden Übersetzung von Barbara Kleiner nun wiederzuentdecken ist. "Ein Leben" hat schon diesen sehr unscheinbar daherkommenden Svevo-Ton, der beim "Zeno" etwas Reifes und Tragikomisches gewinnt: Man könnte glatt über die Dramatik und Aufwühlungen und Pendelbewegungen des Gefühls hinweglesen, die sich im Innern Alfonsos abspielen.

Die Traurigkeit einer solchen parvenühaften, ins (beziehungs)ökonomische Wirrwarr gerissenen Figur aber offenbart sich dem lesenden Auge, das nicht nur an den Zeilen entlang der doch recht unspektakulären Geschichte folgt, sondern die darunter sich verbergende Sprengkraft erkennt. "Der Mensch sollte zwei Leben leben dürfen: eins für sich und eins für die anderen", sagt sich Alfonso Nitti. Das geht freilich nicht, und Einklang lässt sich zumindest für ihn nicht herstellen. Er ist untauglich für dieses gespaltene Dasein - "Ein Untauglicher" wollte Svevo seinen Roman ursprünglich nennen. Der Titel "Una Vita" aber trifft ebenfalls: sowohl im Sinne einer verunglückten Biografie als auch eines Wunsches, aus verschiedenen Strängen einen Lebensstrang zu zwirbeln.

Italo Svevo, 1861 in Triest geboren und unter dem bürgerlichen Namen Ettore Schmitz dort lebend, war der Sohn eines deutsch-jüdischen Kaufmanns, besuchte ein Internat nahe Würzburg, konvertierte zum Christentum und arbeitete als Korrespondent für Deutsch und Französisch bei einer Bank, als er seinen ersten Roman niederschrieb. Der wurde ebenso wie der zweite nicht beachtet, und so zog er sich von der Literatur zurück, heiratete eine Fabrikantentochter und reüssierte als erfolgreicher Kaufmann in der Firma seines Schwiegervaters.

Sein Pseudonym Italo Svevo - "italienischer Schwabe" - deutet das Hin- und Hergerissensein dieses großen Schriftstellers an: zwischen zwei Sprachen, zwischen der Arbeitswelt und der Kunst, zwischen Wirklichkeit und Fiktion. "Noch nie in seinem Leben, dem Leben eines Träumers, hatte der Traum ihn so vollkommen in seiner Macht gehabt wie jetzt", wird einmal von Alfonso behauptet. Italo Svevo war ebenfalls ein Träumer; aber er hatte die Fähigkeit, anders als sein Held, mehrere Leben zu leben.

Italo Svevo: Ein Leben. Roman. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner. Nachwort E. Sallager. Manesse Verlag, Zürich 2007, 701 S., 24,90 Euro.

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