Mit Zauberwasser gegen Gewehrkugeln

Ein Sammelband erinnert an den Maji-Maji-Krieg gegen die deutsche Kolonialherrschaft im heutigen Tansania

Von GOTTFRIED OY

Im Jahr 2004 hat sich die damalige Bundesregierung in Person von Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) endlich dazu durchgerungen, Namibia angesichts der deutschen Gräueltaten im Herero-Nama-Krieg von 1904 in der früheren deutschen Kolonie um Vergebung "unserer Schuld" zu bitten - und gleichzeitig jegliche Form von Reparationszahlungen abgelehnt.

Ein ähnliches Schuldeingeständnis steht aber 100 Jahre nach Beginn des Maji-Maji-Krieges von 1905 im einstmaligen Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, noch aus. Die zeitgenössische Darstellung, dass es sich beim Maji-Maji-Krieg um einen unbedeutenden lokalen Aufstand handelte, gilt in weiten Kreisen bis heute, da lediglich 15 Europäer bei den Kämpfen getötet wurden - gegenüber weit mehr als 1000 getöteten afrikanischen Söldnern in Diensten der Kolonialmacht und bis zu 300 000 Toten auf Seiten der Einheimischen.

Zwangsarbeit für die Kolonialmacht

Felicitas Becker und Jigal Beez rücken dieses Bild in ihrem Sammelband nun zurecht. Die Beiträge beginnen konsequenterweise jenseits der Kriegsgräuel beim nicht weniger brutalen Alltag in Deutsch-Ostafrika. Das Kolonialregime beruhte von Anfang an auf brutaler Unterdrückung, Raub, Erpressung und Folter. Carl Peters hatte 1884 die "Gesellschaft für deutsche Kolonisation" gegründet, um das Gebiet zwischen Victoria-, Tanganyika- und Nyasa-See sowie der afrikanischen Ostküste wirtschaftlich auszubeuten.

1891 erfolgte die offizielle Gründung der Kolonie, es sollte aber noch neun Jahre dauern, bis das Land vollständig unter der Kontrolle der deutschen "Schutztruppe" stand. Eine Zivilverwaltung löste die Herrschaft des Militärs ab, um mit der ökonomischen Ausbeutung in größerem Maßstab zu beginnen. Allerdings war diese Verwaltung keineswegs zivil, immer wieder kam es zu Gewaltexzessen gegen die Einheimischen.

Der wirtschaftliche Erfolg des Unterfangens blieb jedoch aus, die Einnahmen aus der Kolonie konnte bei weitem nicht die Kosten decken, selbst die Einführung von Steuern brachte keine Abhilfe. Ein Großteil der Steuerschuld konnte nur als Zwangsarbeit eingetrieben werden. Dadurch verarmten die Einwohner immer mehr, da sie ihre eigenen Felder nicht mehr bewirtschaften konnten, weil sie Zwangsarbeit auf deutschen Plantagen leisten mussten. Im Jahr 1903 drehten die Deutschen weiter an der Steuerschraube und verboten überdies die Jagd, was die soziale Lage der Bevölkerung weiter verschärfte.

In dieser Zeit verbreitete sich der Maji-Glaube, wonach, so Jigal Beez, man sich gegen die Gewehrkugeln der deutschen Schutztruppe durch die Einnahme eines Wundermittels schützen könnte. Am 20. Juli 1905 wagten, durch diesen Glauben gestützt, Aufständische in Kibata erstmals, eine Baumwollplantage als Symbol der Kolonialherrschaft zu zerstören. Felicitas Becker schildert den weiteren Verlauf: Es folgte die Eroberung einer deutschen Boma, einer Befestigung der Schutztruppe. Im September 1905 erreichten die Kämpfe ihren Höhepunkt, den Maji-Kriegern gelang es, mittels Guerillataktik die militärisch überlegene Schutztruppe immer wieder zu schlagen.

Dem Aufstand folgt eine Hungersnot

Die "Ungoni-Expedition" der Schutztruppe läutete zum Jahreswechsel 1905/06 jedoch die Niederlage der Aufständischen ein: Nicht nur die Maji-Krieger wurden regelrecht hingemetzelt, bis zum Kriegsende 1907 wurden komplette Ernten in den zentralen Landwirtschaftsgebieten um den Nyasa-See zerstört, systematisch Vorräte und schließlich ganze Dörfer vernichtet, sodass die sich anschließende Hungernot, die fast ein Jahrzehnt andauern sollte, weit mehr Todesopfer fordern sollte als die Kampfhandlungen selbst.

Informationen über diese Ereignisse kamen kaum im Deutschen Reich an, wie Inka Chall und Sonja Mezger zeigen. Zeitungen wie die Deutsche Kolonialzeitung im Reich oder die Usambara-Post im Kolonialgebiet druckten, wenn überhaupt etwas erschien, unkommentiert die Feldtagebucheinträge der Offiziere und Hauptmänner. Erst im Jahr 1968, im siebten Jahr der Unabhängigkeit Tansanias, beschäftigte sich erstmals ein groß angelegtes Forschungsprojekt der Universität Daressalam mit den Überlieferungen der Bewohner der Kriegsgebiete, schreibt Ingrid Laurien.

Die tansanische Unabhängigkeitsbewegung hatte den Maji-Maji-Krieg zuvor zu ihrem Gründungsmythos erhoben. Julius Nyerere, der spätere Präsident Tansanias, erklärte 1956 in seiner berühmten Rede vor den Vereinten Nationen den Maji-Maji-Krieg zum Beginn des Kampfes um die nationale Souveränität, dem schließlich 1961 Erfolg beschieden sein sollte.

Und heute? Die Region um Liwale, der Schauplatz des Maji-Maji-Krieges, ist weiterhin das Armenhaus Tansanias, die geringe Bevölkerungsdichte, die mangelnde Infrastruktur und das schlechte Bildungssystem lassen sich bis in deutsche Kolonialzeiten zurückverfolgen. Auch das internationale Aushängeschild der Region, das Selous Game Reserve, das mit 50 000 Quadratkilometern größte Wildreservat Afrikas, verdankt seine Entstehung dem Krieg. Schließlich war es die sprunghafte Vermehrung des sich von (menschlichem) Aas ernährenden Großwildes in den entvölkerten Kriegsgebieten, die zur Gründung des Tierparks führte.

Der Band schließt mit einem Beitrag von Isack Majura zur Schuldfrage. Überraschenderweise nimmt er darin von Reparationsforderungen Abstand und stellt das Moment der Versöhnung in den Mittelpunkt. Vor der Versöhnung aber steht erst einmal eine Auseinandersetzung mit diesem blinden Fleck der deutschen Geschichte.

Das BuchFelicitas Becker / Jigal Beez (Hrsg.):Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika 1905-1907.Christoph Links Verlag, Berlin 2005, 235 Seiten, 22,90 Euro.

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