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Henry Kissinger, 2015.

Henry Kissinger

Ein Zauberlehrling

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Ein Schurke und ein Staatsmann, der den Friedensnobelpreis erhielt: Zwei sehr unterschiedliche Biographien über Nixons ehemaligen Sicherheitsberater Henry Kissinger.

Henry Kissinger war eigentlich alles zuzutrauen. Wenn man seinem Biographen Greg Grandin folgt, steht der frühere Sicherheitsberater von Präsident Richard Nixon symbolhaft für den eiskalten Realisten. Mehr noch. Er war das fleischgewordene Beispiel für Skrupellosigkeit.

Der große Sündenfall war Kambodscha. Kissinger begann im Auftrag des gerade vier Wochen im Amt befindlichen Nixon mit der Planung der „Operation Menu“. Das bedeutete nichts anderes als die massive Bombardierung Kambodschas, ohne dass die Öffentlichkeit darüber etwas erfahren sollte. Es war eine der brutalsten Militäroperationen in der Geschichte der USA, schreibt Grandin in seiner exzellenten Biographie.

Der an der New York University lehrende Historiker seziert die politische Aktivität Kissingers bis zu dem Punkt, an dem man dem Politiker und Professor nur noch einen Schurkenstatus attestieren kann. Er, der in seiner Studienzeit Immanuel Kants Schrift „Zum Ewigen Frieden“ las und schätzte, war für einen illegalen und verdeckten Krieg gegen ein neutrales Land verantwortlich, so Grandin. Kissinger erhielt später den Friedensnobelpreis, da er maßgeblich den Krieg mit Vietnam beendet habe, glaubte das Nobelpreiskomitee in Stockholm. Doch in Wahrheit war er einer der großen Kriegstreiber, der für Interventionen nicht nur in Vietnam und Kambodscha, sondern auch in Laos verantwortlich war.

Steht er für das Böse?

Was er plante, wie er handelte – es geschah, so Grandin, unter dem Deckmantel der Illegalität, im Verborgenen. Hierzu zählten illegale Abhör-, Einbruchs- und andere Aktivitäten, sie waren Teil des innenpolitischen Konsenses. Grandin sieht in Kissinger den Zauberlehrling, der für alles Böse in den USA steht. Insofern ist diese Kissinger-Biographie eben das, was man in der Literatur über den Außenminister von 1973 bis 1977 als „Killinger“-Lektüre verstanden hat.

Ganz anders hält es da der konservative und in Harvard lehrende Historiker Niall Ferguson. Seine Biographie über Kissinger reicht bis zu dessen 45. Lebensjahr, spielt also vor der politischen Kompromittierung des in Fürth geborenen späteren Ministers. Und sie trägt den Untertitel: „Der Idealist“. Damit ist das Abgrenzungsprogramm zum eiskalten Realisten bereits vorgezeichnet. Die Biographie wurde von dem 91-jährigen Kissinger höchstselbst bei Ferguson in Auftrag gegeben.

Mehr als zehn Jahre hat er an dem Buch gearbeitet. Er konnte dabei umfänglich aus dem Archiv Kissingers schöpfen. Ferguson schreibt ein durchaus kritisches Porträt des vielleicht umstrittensten US-Politikers des 20. Jahrhunderts. In den Blick tritt der Privatmann, der Familienvater und blitzgescheite Gelehrte. Wer das Außergewöhnliche erwartete, wird freilich enttäuscht. Für die emotionalen Momente sei Greg Grandins Biographie empfohlen.

Greg Grandin: Kissingers langer Schatten: Amerikas umstrittenster Staatsmann und sein Erbe. A. d. Engl. von Claudia Kotte. C. H. Beck, München 2016. 296 S., 24,95 Euro.

Niall Ferguson: Kissinger: Der Idealist – 1923-1968. A. d. Engl. von Werner Roller und Michael Bayer. Propyläen, München 2016. 1120 Seiten, 49 Euro.

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