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Die zartfühlende Metzgerin

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Eva Menasse bei der Wiener Buchmesse 2009.
Eva Menasse bei der Wiener Buchmesse 2009. © reed messe wien

Meint sie uns? Eva Menasse erzählt von "Lässlichen Todsünden" und schildert Redakteure, Lehrerinnen und Unternehmer in ihren kleinen Verfehlungen und Lebenslügen. Von Jörg Plath

Von Jörg Plath

Der prallrote Apfel auf dem Titelbild des Buches passt in jeder Hinsicht. Denn die Figuren in Eva Menasses Erzählungsband "Lässliche Todsünden" sind nicht nur Sünder, sondern auch voller Saft und Kraft. Frische und Knackigkeit eignet all den Redakteuren, Lehrerinnen, Gastwirten, Regisseursehefrauen, Unternehmern, freien Journalistinnen. Eva Menasse bereitet ihr kulturbürgerliches Personal im besten Alter ab etwa 40 höchst appetitlich zu, um dann sorgsam das Messer anzusetzen. So arbeiten nur zartfühlende Metzger, die ihre lieben Tierchen seit langem kennen.

Die sieben Erzählungen handeln nicht nur auf den ersten Blick weniger von den Todsünden, nach denen sie benannt sind, als vielmehr von alltäglichen Ereignissen: Da lässt sich ein Familienvater von der geschiedenen Ehefrau und seinen Töchtern sein Leben vorschreiben ("Trägheit"), ein Ehepaar erschrickt im Sommerfrischeasyl über die ungebremste Wut ihres Sohnes ("Zorn"), ein alternder Adliger vertändelt durch umfassende Kontrolle die Liebe einer jungen Frau ("Hochmut"), eine junge Journalistin recherchiert erfolgreich für einen Freund ihres Vaters über dessen politischen Gegner und beendet mit ihrem Protest über das ausbleibende Honorar die Karriere des Auftraggebers ("Habgier"). Bei der letzten Erzählung ist unklar, ob der väterliche Freund oder die Journalistin sich der Habgier schuldig macht, und die Geschichte "Zorn" könnte genauso gut mit "Wollust" überschrieben sein, geht doch dem Zorn des Jungen ein Beinah-Seitensprung seiner Mutter voraus.

Sünden mögen das alles sein, Todsünden wohl nicht. Eva Menasse vermengt die Todsünden ja ohnehin im Titel mit den lässlichen, mit denen also, von denen man sich durch die Beichte befreien kann. Moralisch sind ihre Erzählungen nicht, aber auch wenn sie auf die Belehrung verzichten, setzen sie die Tradition der Moralisten durchaus fort: Der eine Fehltritt beleuchtet in nuce das Schicksal der Person, und wenn andererseits von einem Leben berichtet wird, wird es durch ein zentrales Motiv geprägt.

Die Vermischung lässlicher und Todsünden erleichtert das Leben also nicht, fesselt es vielmehr stärker als zuvor. Weil Personen und Orte zudem in mehreren Geschichten unaufdringlich wiederkehren, fehlt nicht viel zu einem Reigen. Das nächste Buch der 1970 in Wien geborenen Autorin dürfte ein Gesellschaftsroman werden...

Sie kriecht ihren Figuren in den Kopf

Mit "Lässliche Todsünden" löst sich Menasse, die als Journalistin u.a. für für die Frankfurter Allgemeine Zeitung gearbeitet hat und seit 2003 als freie Schriftstellerin in Berlin lebt, von der eigenen Familie, die im Mittelpunkt ihres Debütromans "Vienna" stand. In den Erzählungen kriecht sie ihren Figuren in den Kopf oder lässt sie gleich selbst erzählen. Sehenden Auges rennen diese Menschen in und dann geraume Zeit durch ihr Unglück, ohne sich dessen gewahr zu werden.

Wie Eva Menasse von dem Drahtverhau aus Abhängigkeit, Selbstbetrug und Kontrollwunsch erzählt, ohne die davon ungetrübte, mal lässige, mal triumphale Innenansicht des Ich-Erzählers oder seines personalen Pendants aufgeben zu müssen, wirkt mühelos. Mit harten Schnitten und Auslassungen, auch mit dem Mut zu Rätselhaftem strapaziert sie den psychologischen Realismus (und ein-, zweimal die Fähigkeit des Lesers) bis an seine Grenzen und zuweilen auch darüber hinaus.

Wer seinen Figuren so sorgsam Wunden zu schlagen vermag, dass sie davon gar nichts bemerken, von dem ist noch einiges zu erhoffen. Gelingt es Eva Menasse, ihre Figuren demnächst etwas weniger deutlich aus den Kulissen der anspruchsvollen Fernsehunterhaltung zu requirieren und ihre erzählerische Raffinesse dennoch auch ohne diese im Kern satirische Fallhöhe zu bewahren, dürfte sie bald zu den wichtigen Gegenwartsautoren gehören.

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