Von der Zärtlichkeit schwerer Fäuste

Der wichtige, unerhörte, ergreifende Briefwechsel zwischen Gottfried Benn und Thea Sternheim

Von GREGOR EISENHAUER

"Drollig ist", stellte Mopsa Sternheim Jahrzehnte später fest, "dass ich in all den Wochen - Monaten - mit Benn wohl NIE, persönlich, zu einem sexuellen Genuss gekommen bin." Damals, 1926, schluckte sie zum Finale der Affäre ganz undrollig 25 Veronal: "ich war ein kleines Mädchen, 19 Jahre alt, so weise und SO unberührt". Und Benn? Er pumpte ihr den Magen aus, schickte sie in Urlaub - und hofierte weiterhin die Mutter von Mopsa, die erstaunliche Thea Sternheim. Diese widerstand Benns notorischer Verführungskraft. In ihrer Ehe mit dem Dramatiker Carl Sternheim hatte sie sattsam unter jener selbstgefälligen Virilität leiden müssen, die sich bei Benn eher tapsig ausnahm: "Nichts Rührenderes, als wenn Benns schwere Fäuste Zärtlichkeit zu gestalten suchen."

Thea Sternheim, reich von Hause aus, europäisch in der Denkungsart wie von den Wohnsitzen München, Brüssel, Paris her, war Benn in vielem überlegen. Sie lernten einander während des ersten Weltkriegs persönlich kennen, sie die Dame von Welt, er das Talent, das hatte aufhorchen lassen. Aber die menschliche Wertschätzung hielt zunächst durchaus nicht Schritt mit der literarischen. Benn führte schon seinerzeit ein Doppelleben, so zumindest schien es Thea Sternheim, die das "Zweideutige" seiner Person als faszinierend empfand. Einerseits die "poetischste Konstitution, die dem Menschen erreichbar", andererseits politisch unkurierbar borniert. Der Sohn eines Pastors, als Militärarzt in Brüssel stationiert, nah genug den Schlachtfeldern, fragte nicht "Wie konnte dieser schreckliche Krieg möglich werden, sondern antwortet: Da er einmal da ist, muss er ausgekämpft werden." Benns moralischer Fatalismus stieß sie ab, und dennoch konnte Thea Sternheim nicht umhin, seine "bezaubernden Verse" zu rühmen.

Benn wiederum, seinerseits ja durchaus mit snobistischen Neigungen ausgestattet, genoss den Umgang mit den arrivierten Sternheims sehr; suchte ihn als literarischen Komplizen, geplant war eine "Enzyklopädie zum Abbruch bürgerlicher Ideologie", und sie als "Protectorin", der er sich stets mit Handkuss empfahl. Bücher wurden gewechselt, man blieb in Kontakt, die anfangs etwas inhaltsleere Korrespondenz zeugt davon, erst Ende der zwanziger Jahre wuchs sich die Bekanntschaft zur Freundschaft aus, die trotz der amourösen Komplikationen bestehen blieb, von Seiten der Tochter wie von Seiten der Mutter.

Eine "von allen äusseren Belangen unabhängige Passion", wie alle Beteiligten versicherten, die allerdings abrupt zu enden drohte, als Benn für Hitler Partei ergriff. Seine "hurtige Anpassungsfähigkeit", mit der er wieder in den "Korporalston" verfiel, entsetzte beide Frauen zutiefst. "Ist der Reklamechef nicht noch widriger als der Mörder?" Thea Sternheim fühlte sich beschmutzt durch die frühere Sympathie "zu solchem Abhub" - und bestellte sich doch umgehend seine neuen Bücher, zumal Benn seinen Irrtum bald einsah, ihn aber nur sehr windig zugab, selbst als keine Lebensgefahr mehr bestand.

Zum Zeitpunkt der Machtergreifung war Thea Sternheim bereits in Paris, frühzeitig emigriert aus Ekel vor der Verrohung, und keineswegs "einfach weil sie es sich leisten" konnte, wie Benn boshaft anmerkt, während er selbst im gleichen Atemzug darauf Wert legte, "aus Charakter" zurückgeblieben zu sein. Und natürlich bringt er in seinen Rechtfertigungsbriefen- und Schriften vor wie nach dem Krieg jene Parole, die in Offizierskreisen so großen Anklang fand: Die Armee sei die aristokratischste Form der Emigration gewesen. Ein absurdes Alibi angesichts der Verbrechen der Wehrmacht und des Umstandes, dass es sich der Militärarzt Benn weit hinter der Front bequem machen konnte - "die ruhigste und glücklichste Zeit meines Lebens". Das Unglück des Exils war ihm nicht mitteilbar, auch wenn er selbst tiefes Mitgefühl für das Schicksal der beiden Frauen empfand.

Thea Sternheim wurde kurzeitig im Lager Gurs interniert, konnte dann aber unbehelligt in Paris leben. Ihre Tochter Dorothea, genannt "Mopsa", arbeitete, ohne Wissen der Mutter in der Résistance, wurde von der Gestapo aufgegriffen, gefoltert, und im Januar 1944 ins KZ Ravensbrück deportiert. Sie überlebte, nahm ihr unstetes Bohemeleben wieder auf, kehrte zu den Drogen zurück, und ergab sich vor allem wieder der einen, großen Intoxikation: Benn. Ähnlich die Mutter: Als sie nach sechszehnjährigem Schweigen einen Brief von ihm erhält - sie selbst hatte eine erneute Korrespondenz angeregt - standen ihr die Tränen in den Augen.

Was sie umtrieb, "ganz marode" machte, war das Heimweh nach der Sprache, die sie durch den Wegzug aus Deutschland verloren hatte. Deshalb verzeiht sie Benn den Kniefall vor Hitler. Als Mensch hatte er sich korrumpierbar gezeigt, aber in seinen Versen fand er zu seiner früheren Kompromisslosigkeit zurück. Die meist pläsierliche Poesie und Prosa der Nachkriegszeit ödete Mutter wie Tochter an, ein "beharrliches Plätschern im Belanglosen", lau. Benn hingegen, das empfanden beide stärker denn je, war kein Zeitgenosse der Moden, der sich duzte mit Juroren, er gab seiner Zeit Widerworte, Worte unter unendlichen Mühen gesucht, nicht gestanzt aus literarischen oder gar moralischen Folien.

"Welch ein Genie! Und trotz allem, wie angstvoll, wie rührend eigentlich als Mensch, als Mann -." Benns Sprache alterte mit ihm, das fühlten Thea und Mopsa Sternheim, die Worte wurden ungelenker und sentimentaler gefügt. Das "Weihrauchschwenken vor sich selbst" nahm zu, die poetische Innovationskraft hingegen schwand; er lebte literarisch von der "Kapitalisierung der von ihm selbst geprägten Formeln" diagnostizierte Mopsa.

Und blieb doch der Meister des "hypnotischen Worts", der einzige, der den Mut hatte und zugleich in Worte zu fassen wusste, dass "die Mythe log", aber die Sehnsucht danach bleibt. Folglich finden sich auch im Alterswerk immer wieder Zeilen, die verstören und erregen. Für beide, für die im Zölibat lebende Mutter wie für die sich verschwendende Tochter, galt der Stoßseufzer Mopsas: "Ausser Benn hat nie ein Mann mich geistig verführt." Und so wollten sie ihn, den notorisch Reiseunwilligen nach Paris einladen, visionierten ausgedehnte Zusammenkünfte in Berlin, erträumten sich lange, traumalösende Gespräche - ohne dass es, wenige kurze Begegnungen ausgenommen, je zu den erhofften Aussprachen gekommen wäre.

Diese Ausdauer der Sehnsucht nach dem erlösenden Wort, die anfangs nur in Zwischentönen angestimmt ist, zum Ende hin aber gerade von Thea Sternheim immer fordernder artikuliert wird, ist es, was diese ausgezeichnet kommentierte Edition der Briefe und ausgewählter Tagebuchaufzeichnungen von Mutter und Tochter so lesenswert macht. Hinter den oft banalen Wortwechseln ist eine gewaltige dramatische Spannung zu spüren, Resultat einer nie versiegenden Reibungsenergie, die Benn selbst häufig erotisch missverstand, während sie Mutter und Tochter auf je ganz andere Weise zum intellektuellen Verhängnis wurde, denn sie vereinsamten in ihrer Liebe zu Benn, dem Unerreichbaren, die Tochter schlimmer noch als die Mutter. "DAS IST ES woran wir krepieren. Das Leben ohne Geist und die Werke des Geistes ohne Leben."

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