Mit Zähnen und Klauen

  • Sylvia Staude
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Von Menschen, die das Unglück nicht umwirft, erzählt Kate Atkinson in "Lebenslügen"

Im Original heißt der Roman "When Will There Be Good News" - eine Frage, die der Leserin bald aus dem Herzen spricht. Denn mit einem Mehrfach-Mord beginnt Kate Atkinsons Geschichte, nur eines von drei Kindern überlebt. Die erwachsene Joanna ist dann leider mit einem ziemlichen Nichtsnutz von Mann verheiratet.

Aber eine falsche Partnerwahl ist noch das geringste Problem der Menschen, über die Kate Atkinson schreibt. Ein fürchterliches Zugunglück passiert. Dann ein Autounfall. Die 16-jährige Waise Reggie hat Schlägertypen am Hals, die ihren kleinkriminellen Bruder suchen. Ex-Cop und Ex-Privatdetektiv Jackson Brodie muss dem Jungen, den er für seinen Sohn hält, heimlich ein paar Haare ausrupfen für den Vaterschaftstest. Und auch er hat dummerweise nicht die Frau geheiratet, die er schon lange liebt. Wann, in der Tat, kommt die gute Nachricht?

Kate Atkinson verabreicht jedoch zu den nachdrücklichen Schilderungen von Unglück und Schmerz stets zeit- und zeilennah ein Gegenmittel: ihren meist fein ironischen, manchmal robusten Humor. Dessen Quelle ist die scharfe, aber nicht lieblose Beobachtung. In "Lebenslügen" (so der deutsche Titel) liefert ihn vor allem Reggie. Dem Mädchen schenkt Atkinson eine aus Abhärtung entstandene, lakonische Weltsicht; und die Zähigkeit, mit Zahnen und Klauen an ihrem Mini-Glück festzuhalten (sie ist immerhin Babysitterin einer Frau, die sie verehrt und deren schönes Haus sie liebt).

Die Männer ihrer - beim Billigbadeurlaub ertrunkenen - Mutter unterteilt sie im Rückblick in Gary und den Mann-der-vor-Gary-kam: "Der Mann-der-vor-Gary-kam brachte Mum dazu, so gut wie alles zu tun. Aber nicht dazu, Huhn zu essen." Zwei Sätze umreißen hier ein Milieu: In dem es nur elende Arbeit gibt (in einer Hühnerfabrik) und eine Alleinerziehende schon froh ist, wenn sie irgendeinen Kerl hat. Ein Milieu, in dem zwei Wörter an der Wand stehen: Trotz allem.

Kate Atkinson spielt dabei mit Genres und Blickwinkeln, springt durch Zeit und Raum und lässt dabei so elegant ein Handlungsrädchen ins andere greifen, dass man ihr den Vorwurf machen könnte, das Prinzip Zufall überzustrapazieren. Aber sie dächte sicher und zu Recht nicht daran, sich dafür zu entschuldigen - sie hat andere Ambitionen, als einen glaubwürdigen Krimi zu schreiben. Die Glaubwürdigkeit steckt bei ihr in den Details. Die Handlung dagegen ist offensichtlich konstruiert - und dennoch wundersam spannend.

Und die gute Nachricht? Die im Buch darf man nicht verraten. Aber ein neuer Atkinson-Roman ist eigentlich good news genug.

Kate Atkinson: Lebenslügen. Aus dem Englischen

von Anette Grube.

Droemer-Verlag,

München 2008,

426 S., 18,95 Euro.

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