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Die Zähmung des Schnabeltiers

Von der Venus von Milo zu Brigitte Bardot, vom Apoll von Belvedere zu Brad Pitt: Durch theoretische Sorgen ungetrübt, gibt sich Umberto Eco der "Geschichte der Schönheit" hin

Von ELKE BUHR

Die allererste Venus in diesem Buch trägt Stilettos und sonst gar nichts; sie stammt aus dem Pirelli-Kalender. Als ihre älteste Ur-Ahnin identifiziert die folgende Seite eine Dame, die ungefähr 25 000 Jahre älter ist: die Venus von Willendorf.

Ob die Menschen damals deren kugelig schwellende Formen nicht nur anbetungswürdig, sondern auch im heutigen Sinne schön fanden, ist die Frage. Schönheit, so definiert Umberto Eco in der Einführung seines opulenten Bandes, ist etwas, das wir zweckfrei bewundern können: Der Sinn für das Schöne beinhaltet Distanz. Und im Falle einer kultischen Figur wie der Willendorf'schen Venus kann man wohl kaum von solch einem interesselosen Wohlgefallen im Sinne Kants ausgehen

Aber egal: Die kleine dicke Göttin eröffnet den Band, weil sie Ecos zweite These so gut illustriert, die da lautet: Schönheit sieht immer anders aus. Diese Erkenntnis ist nicht überraschend, aber ihre Umsetzung um so kulinarischer. Unter dem kokett-wissenschaftlichen Titel "Vergleichstafeln" schickt Eco im visuellen Prolog seiner Monographie die Schönen aller Epochen auf den Laufsteg.

Auf das steinzeitliche Pummelchen folgen die Venus von Milo und die nackten Liebesgöttinnen der Maler Botticelli Goya oder Manet. Als letzte in der Reihe entblößen sich Brigitte Bardot und Monica Belucci. Bei den Männern versucht es am Ende Brad Pitt mit dem Apoll vom Belevedere aufzunehmen.

High und Low, Ikonen der Kunstgeschichte und Pin Ups: Einem wahren Semiotiker wird alles zur Quelle. Umberto Eco, der Zeichentheoretiker und Mittelalter-Spezialist, hat in den sechziger Jahren als einer der ersten Comics mit dem gleichen hermeneutischen Eifer interpretiert wie die Schriften Thomas von Aquins, und die Eleganz, mit der er in seinem theoretischen Werk von Kant zum australischen Schnabeltier und zurück argumentiert, ist bis heute unerreicht.

Um so überraschender ist nun, dass seine Geschichte der Schönheit nach dem Bildersturm des Anfangs ganz brav die Kunst- und Ideengeschichte nacherzählt. Das ästhetische Ideal Griechenlands, die klassischen Vorstellungen von Proportion und Harmonie, die Schönheit in Renaissance, Manierismus und Aufklärung, das alles wird von Eco oder seinem Co-Autor, dem Bologneser Philosophen Girolamo De Michele (der immerhin die Hälfte der Texte geschrieben hat, aber nicht mit auf den Buchtitel darf) in kurzen, leicht verständlichen Kapiteln abgehakt. In geradezu vortheoretischer Schlichtheit verzichtet der Text dabei auf alle Finessen, die die Semiotik zum Thema zu bieten hätte: Für dieses Mal ist ein Bild ein Bild und schön ist schön, und wie diese Codes zu Stande kommen, interessiert genauso wenig wie genauere Analysen einzelner Werke.

Das Schöne bleibt europäisch

Die Schwerpunkte setzen die Autoren je nach Quellenlage: In Antike und Renaissance schmiegt sich die Argumentation ganz an die bildende Kunst. Für das 18. Jahrhundert zitiert sie lieber Kant und Hegel. Und beim Stichwort Ästhetizismus und L'Art pour L'Art geht es um die morbiden Sehnsüchte von Baudelaire und Oskar Wilde, und die Malerei ist ganz vergessen. Über den Rand Europas mögen die Autoren bei alledem überhaupt nicht hinausblicken - so weit reicht die Neugier auf die Varianten des Schönen dann doch nicht.

Eco selbst hat einmal gesagt, er würde mit der Venus von Milo nicht ausgehen wollen, und auch nicht mit der Mona Lisa; ihm gefalle die Uta von Naumburg am besten, eine frühgotische Skulptur am Naumburger Dom. Dieser für einen Italiener im Übrigen überraschenden Neigung folgend, ist das Kapitel zum Mittelalter noch das engagierteste aus Ecos Feder: Hier nimmt er sich Zeit, das sprühende Licht und die Symbolik der reinen Farben in den Texten und Werken der angeblich so finsteren Epoche sichtbar zu machen.

Zu einer überzeugenden Analyse der Schönheitskonzepte der Gegenwart, auf die die Twiggys und Grace Kellys im Bilderteil solch eine Lust gemacht hatten, kann sich Eco dagegen kaum aufraffen. Sein eigenes Material zeigt es deutlich: Es ist die Populärkultur, die heute die Heimat des Schönen ist. Die Kunst hat diese Kategorie längst abgestreift. Doch Eco legt ihr die unpassende Schablone wieder an und zwingt noch Duchamps Pissoir und Warhols Suppendose hinein.

Bilder zum Vernetzen

Vielleicht ist es aber auch das Medium Buch, was nicht ganz passt. Die Geschichte der Schönheit ist ursprünglich nicht als Monographie, sondern als multimediales Projekt auf CD Rom konzipiert worden; ein Format, für das weniger die Texte als das visuelle Material und seine Vernetzung wichtig sind. Und das Material ist gut gewählt, das sieht man auch dem Buch noch an. Neben den unzähligen Abbildungen entfaltet sich eine gleichrangige Welt von Original-Zitaten: Troubadoure und Dichter, Philosophen und Künstler kommen ausgiebig zu Wort. Und so mag man beim Blättern vielleicht lieber die Gemälde von Caspar David Friedrich gleich selbst mit Kants Texten zum Erhabenen kurzschließen; oder man mag die Schattenseiten des Schönen in freier Chronologie bei den gruseligen Monstern des Mittelalters, zwischen romantischen Ruinen und bei den dekadenten Dandys suchen.

Es gibt an italienischen Universitäten die Einrichtung des Manuals: Bessere Schulbücher ohne jegliche methodische Ambition, die man auswendig lernen muss, um die Prüfungen zu bestehen. In der Buchform ist die Geschichte der Schönheit der beiden Bologneser Universitätsprofessoren Umberto Eco und Giralamo Di Michele genau ein solches Manual geworden. Das Gute dabei: Wer nicht zur Prüfung muss, der muss es auch nicht durchlesen. Der darf einfach schauen. Und darüber sinnieren, mit wem er selbst wohl lieber essen gehen würde: mit Brad Pitt oder dem Apoll von Belvedere.

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