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Yves Ravey „Die Abfindung“: Was Jean uns weismachen möchte

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Von: Sylvia Staude

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Die Tankstelle des Ich-Erzählers ist pleite.
Die Tankstelle des Ich-Erzählers ist pleite. © Imago

Yves Raveys kompakter, raffinierter Spannungsroman „Die Abfindung“.

Für viele dicke Romane wird mit den recht unsinnigen Sätzen geworben, man könne sie unmöglich aus der Hand legen, man müsse sie in einem Rutsch lesen, keineswegs könne man vor dem Ende schlafen gehen, so nervenzerfetzend spannend seien sie. Nun, dieser Rezensentin sind bei sogenannten Wälzern noch immer irgendwann die Augen zugefallen, das liegt dann nicht unbedingt an der Qualität des Buches (wenn sie dürftig ist, sollte man sowieso und generell nach 30 bis 40 Seiten schon aufhören zu lesen), sondern am natürlichen Schlafbedürfnis, das spätestens nach 300 bis 400 Seiten zu seinem Recht kommen will.

Diesen Roman aber kann man in einem Rutsch lesen, sogar relativ mühelos. Denn er umfasst nur rund 100 recht kleinformatige Seiten, außerdem ist er unprätentiös geschrieben – und er ist ein stilistisches wie inhaltliches Kraftpaketchen. Aber Vorsicht, dem Ich-Erzähler ist nicht zu trauen, bis zuletzt bleiben Zweifel. Auch wenn er die Tatsache, dass er ein Mörder ist, mehr oder weniger zugibt, so weiß man nicht, was er sich sonst so zurechtlegt und uns weismachen will.

Der Ich-Erzähler des Romans „Die Abfindung“ des Franzosen Yves Ravey ist Tankstellen-Besitzer und hat eine Frau namens Remedios. Oft kommt sie spät nachts oder erst gegen Morgen nach Hause; weder begleitet Ehemann Jean sie, noch scheint er beunruhigt. Wenn man ihn fragt, warum er denn nicht mitgeht – so zum Beispiel sein Bekannter Walden –, gibt er sich gleichgültig. Er müsse ja auch früh aufstehen. Aber durchaus verdächtigt er Walden, den im Ort Einfluss- wie auch sonst Reichen, mit Remedios eine Affäre zu haben.

Bis er sie mit seinem Angestellten – inzwischen Ex-Angestellten, denn Jean Seghers musste mit seiner Tankstelle plus bescheidenem Reparaturbetrieb Insolvenz anmelden – Usman sieht. Dieser hat Frau und Kinder (eine junge Frau und kleine Kinder), trifft aber Remedios offenbar seit längerem auf seinen „Joggingrunden“. Im französischen Original, das im vergangenen Jahr erschienen ist, heißt der Roman „Adultère“, Ehebrecherin.

Das Buch:

Yves Ravey: Die Abfindung. Roman. A. d. Franz. v. Holger Fock und Sabine Müller. Liebeskind 2022. 112 S., 20 Euro.

Die richtigen Leerstellen

Yves Ravey, 1953 geboren, ist ein schlanker, schnörkelloser Schreiber. Perfekt ist sein Gefühl für die richtigen Leerstellen, um die Spannung zu halten. Lange Zeit scheint sein Ich-Erzähler bloß besessen von der Abfindung, die Usman von ihm möchte, Geld, das Jean nicht hat. Er klaut einen Betrag bei seiner Mutter. Er fährt zu Usmans Frau, um ihr Versprechungen zu machen. Sie wird später der Polizei sagen, dass sie sich bedroht fühlte. Er drängt Usman eine goldene Uhr auf, die ihm Remedios einst geschenkt hat. Hat Usman, als er Remedios traf, nur versucht, ihr die Uhr zurückzugeben, weil es ihm peinlich war, das Liebesgeschenk anderer als Pfand zu besitzen?

Und wieder die Frage: ist dem Erzähler zu trauen? Seghers versucht jedenfalls, die Versicherungsfrau Hunter und den jungen, nach dem Brand in der Werkstätte ermittelnden Polizisten auszutricksen – aber versucht er auch, die Leserin, den Leser auszutricksen? Darin, dass man sich nicht sicher sein kann, liegt das Vergnügen an diesem schmalen Roman.

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